Das Winterdorf in Bayreuth, der Märchenbazar in München, der Lichtermarkt in Elmshorn – was ist nur aus unseren guten alten Christkindlmärkten geworden? Wer den aktuellen Debatten in den sozialen Medien glaubt, geht davon aus, dass viele traditionelle Christkindlmärkte umbenannt werden sollen. Und zwar in neutralere, nicht-religiöse Namen. Namen, die angeblich alle einschließen und ihr religiöses Kleid komplett ablegen sollen. 

Doch was ist dran an diesen Gerüchten bzw. sogar schon Feststellungen? Recherchiert man ein wenig, stellt man schnell fest: Diese Diskussion ist nicht neu. Artikel aus dem Jahr 2015 und Forenumfragen von 2017 zeigen, dass das Thema kurz vor der Adventszeit immer wieder aufkommt. Und anscheinend wird es nie ganz geklärt oder umfassend aufgearbeitet.  

Instrumentalisierung durch rechte Gruppen: Von Elmshorn bis Elmshorn

Tatsächlich haben beispielsweise 2017 AfD-Mitglieder gegen den Lichtermarkt in Elmshorn gehetzt. Ihr Argument: Unsere christlichen Traditionen würden vor dem Islam kapitulieren und unsere Identität würde verloren gehen. Das Wort "Weihnachten” werde absichtlich verschwiegen, um Muslime nicht zu verärgern. 

Das ist jedoch faktisch falsch. Den Lichtermarkt gibt es nämlich seit 2007 unter genau diesem Namen. Er soll lediglich auf die weihnachtlichen Lichter in der Stadt hinweisen. Die Stadt Elmshorn sagte damals, es sei schade, dass der Weihnachtsmarkt von Rechten instrumentalisiert werde. Es gab zahlreiche Beschwerden per Mail und Telefon.

Teils kursierten sogar Verschwörungstheorien, darunter die Behauptung, Juden steckten dahinter. 

Der Fall Lichtermarkt: Fakten gegen Falschbehauptungen

Ein schwarzes Kind auf dem Werbeplakat, das eine Gruppe verkleideter Kinder zeigt, die den Markt traditionell als Engel eröffnen, war schließlich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Das Bild wurde in rechtspopulistischen Kontexten mit angreifenden Kommentaren geteilt. Ironisch daran ist: In dem Land, in dem Jesus an Heiligabend geboren wurde, waren die Menschen ebenfalls nicht weiß. 

Man sieht also: Die Diskussion ist nicht neu. Sie wird meist durch eine Instrumentalisierung von rechts geschürt und ist in vielen Fällen haltlos.

Oft sind die Markennamen einfach kreativer gewählt. Sie beziehen sich auf Lichter, andere Motive oder sollen durch Einzigartigkeit hervorstechen. Oft liegt es auch daran, dass Christkindl- und Weihnachtsmärkte bestimmte Kriterien erfüllen müssen, die manche Organisator:innen umgehen oder erweitern möchten. So kann ein Winterdorf beispielsweise im Gegensatz zu einem Weihnachtsmarkt schon vor dem Totensonntag starten. Es kann auch nach den Weihnachtsfeiertagen weitergehen, etwa bis Ende Dezember oder sogar bis in den Januar.

Historischer Reality-Check: Der erste Weihnachtsmarkt hieß gar nicht "Weihnachtsmarkt"

Ein Fun Fact zur Debatte: Der allererste Weihnachtsmarkt war wohl der Dresdner Striezelmarkt. Und ausgerechnet der Markt, von dem diese schöne Tradition ausgegangen ist, hieß nicht "Weihnachtsmarkt". Zwar gab es mit dem Nikolausmarkt in München bereits ein ähnliches Konzept, doch dieser galt noch nicht als offizieller Weihnachtsmarkt.

Christliche Traditionen sind also mit der Zeit hinzugekommen. Sie waren aber nie zwingend festgelegt – und sind es bis heute nicht. Zudem bedeutet ein anderer Name nicht, dass ein Markt keine christlichen Rituale mehr beinhaltet. So wird beispielsweise der Lichtermarkt in Elmshorn laut eigener Aussage mit vielen christlichen Programmpunkten gestaltet. Trotzdem wurde er zur Zielscheibe rechter Hetze.

Parallelen zur Sitzhasen-Debatte: Falschmeldungen als wiederkehrendes Muster

Ähnlich war es bei der sogenannten Sitzhasen-Debatte vor Ostern dieses Jahres. Damals wurde bekannt, dass Osterhasen im Supermarkt als "Sitzhasen" bezeichnet wurden. Der Vorwurf: Das Osterfest solle nicht mehr genannt werden. Später stellte sich jedoch heraus, dass dies schlicht organisatorische Gründe hatte. Es gibt unzählige verschiedene Schokohasen, die im System unterschiedliche Artikelnamen benötigen. 

Auch hier wurden Fake News verbreitet. Und erneut wurde etwas als neue, angeblich die "deutsche Kultur verleugnende" Entwicklung dargestellt, obwohl es in Wahrheit reine Organisations- und Marketinggründe hatte. 

Warum wir auf Social Media besonders anfällig für Umbenennungs-Mythen sind

Bei der Forenumfrage stimmten trotzdem fast drei Viertel der Antwortenden für die Auswahl "Schrecklich, wie alles Traditionelle umbenannt wird" anstelle von "Ich finde neue Namen toll und kreativ".

Das zeigt, dass sich Menschen im Internet tatsächlich von solchen Falschinformationen leiten lassen, Meinungen bilden und diese wiederum verbreiten. 

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