Aus dem alten Ägypten und dem assyrischen Nimrod stammen die ältesten Exponate. Von den turmhaften Perücken der Barockzeit bis hin zu Nietzsches mächtigem Schnauzer als Markenzeichen des Philosophen eröffnet der erste Raum der neuen Ausstellung "Haar – Macht – Lust" in der Münchner Hypo-Kunsthalle das Thema: Schon steinzeitliche Gräberfunde belegen, dass es wohl von Anbeginn der Menschheit eine Verbindung zwischen Haar, Bart und sozialem Status gegeben hat.
Haar dient gesellschaftlichen Zuschreibungen und Ausgrenzungen, ist Machtsymbol und Marketing. "Seit jeher übt das menschliche Haar eine eigentümliche Faszination aus: Es wächst und verändert sich, es umrahmt unser Gesicht, es lässt sich formen, verstecken, färben, bändigen oder provokant in Szene setzen, und es verursacht Frust, entweder weil zu wenig oder weil zu viel": So führt Roger Diederen in die Schau ein, die er zusammen mit Juliane Au kuratiert hat. Gelungen ist ihnen eine faszinierende Zusammenschau der unterschiedlichsten Perspektiven auf ein unerschöpfliches Thema.
Zwischen Natur und Kultur
"Das Haar ist unser krönender Ruhm und unser primitivstes Signal", hat die serbische Aktions- und Körperkünstlerin Marina Abramovic gesagt. Haare verbinden den Menschen mit dem Tierreich, und sie sind zugleich ein schier unendliches Feld der menschlichen Kultur.
Bis auf Handflächen, Fußsohlen und Brustwarzen sind wir Menschen überall behaart, auch wenn die Behaarung sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Ob "Bad Hair Day", ob zu wenig Haar oder zu viel an den falschen Stellen – keiner kann sich dem Thema entziehen. Es sind sehr alte Zöpfe, die man in den ältesten Gräbern Ägyptens oder bei nordeuropäischen Moorleichen findet. Seit es Menschen gibt, scheinen sie sich mit ihren Haaren beschäftigt zu haben.
Haare bestehen aus Keratinen, aus Aminosäuren zusammengesetzten Proteinen. Sie bilden sich schon früh im Mutterleib. Alle Säugetiere sind behaart, tragen Fell oder Pelz. Haare können dabei die unterschiedlichsten Funktionen haben – von den Tasthaaren an Katzenschnauzen bis zu Igel-Stacheln, die nichts anderes sind als eine besonders stark verhornte Haarvarietät.
Fünf Millionen Haare auf dem ganzen Körper
Jeder Mensch trägt etwa fünf Millionen Haare auf dem ganzen Körper, rund 100 000 von ihnen wachsen auf einem durchschnittlichen Kopf – knapp einen halben Millimeter am Tag, etwa 15 Zentimeter im Jahr. Blonde Menschen haben die im Schnitt meisten Kopfhaare, Rothaarige die wenigsten.
Haare transportieren Pheromone, Duftstoffe, die darüber bestimmen, ob wir uns "riechen können", sie kommen in den unterschiedlichsten Farben daher und werden grau, weil die Zellen alternder Körper weniger Pigmente produzieren. Kopfhaar, Barthaar, Körperhaar, Schamhaar, glattes, welliges, lockiges, krauses Haar: Haar ist Vielfalt – am einzelnen menschlichen Körper wie im Blick auf die Menschheit. Frauenhaare wachsen deutlich länger als Männerhaare, die auch häufiger von Haarverlust (Alopezie) betroffen sind.
Dass wir uns "in die Haare kriegen", einander "mit Haut und Haaren" verfallen oder verschlingen, ist kein Zufall. Haar ist auch ein sensibler Indikator für Gesundheit. In einem hochaktiven Mini-Organ entsteht jedes einzelne Haar im Wechsel von Wachstums- und Ruhephasen. Über Nervenfasern ist es mit dem Gehirn verbunden, Stress beeinflusst Haarwachstum unmittelbar.
In insgesamt elf thematischen Räumen führt "Haar – Macht – Lust" Schönes, Kurioses, Historisches und zeitgenössische Kunst zusammen. Rund 200 Exponate ergeben ein höchst facettenreiches, anregendes Kaleidoskop. Die Schau belehrt nicht, was wohltut, aber man darf sich herausfordern lassen.
Es geht um das menschliche Haar zwischen Wildwuchs und Zivilisierung, um Faune und behaarte "Wilde Menschen" oder in Varietés ausgestellte Menschen mit Hypertrichose, einer genetischen Veranlagung, die zu starker Körperbehaarung führt.
Weiter geht es "vom Barbier zum Barbershop", also darum, was alles so in der menschlichen Haarpflege steckt. Wer andere mit der Schere oder dem Rasiermesser sich auf den Leib rücken lässt, muss Vertrauen haben. Ausführlich inszeniert wird dann das Verhältnis von Haaren und Geschlechterrollen – eindeutigen und ambivalenten Haar-Signalen. Auch zwischen den Beinen sind wir Menschen behaart. Die französische Künstlerin Agnès Thurnauer (geb. 1962) reproduzierte 2008 das berühmte Bild "L’Origine du monde" (Der Ursprung der Welt, 1866) von Gustave Courbet. Unter dem Titel "Original World" wiederholt Thurnauer Courbets Blick auf die Vulva, überschrieb das Bild aber mit feminisierten Namen männlicher Künstler wie Jacqueline Pollock, Marcelle Duchamps, Estelle Manet oder Josefine Beuys.
Heilige mit Bart: Heilige Kümmernis Wilgefortis
Die bärtige Sängerin Conchita Wurst tritt hier in Gestalt einer Mondsichelmadonna auf. So hat der Salzburger Holzschnitzer und Künstler Gerhard Goder (1956-2023) die queere Kunstfigur seines Landsmanns Tom Neuwirth 2014 nach deren Sieg beim Eurovision Song Contest verewigt – aus Zirbenholz, in der Tradition alpenländischer Heiligenschnitzerei.
Hinter der Drag-Queen Conchita auf der Mondsichel grüßt eine weitere Heilige mit Bart von der Wand, die sonst in der Wallfahrtskirche Maria Eich bei München zu Hause ist: die bekrönte Heilige Kümmernis Wilgefortis.
Der Legende zufolge war Wilgefortis (alias Ontkommer oder Sankt Kümmernis) die Tochter eines portugiesischen Königs. Der plante ihre Zwangsverheiratung mit einem heidnischen König. In ihrer Not betete die fromme junge Christin um Rettung. Gott möge sie lieber entstellen, als diese Ehe zuzulassen. Nomen est bekanntlich omen, und im Namen Wilgefortis steckt eine starke Jungfrau (virgo fortis). Das Wunder geschah: Der Prinzessin wuchs ein prächtiger Vollbart. Nun sah das Mädchen aus wie Jesus. Doch ihr Vater raste vor Zorn. Und wie Christus ließ er seine Tochter zur Strafe (oder zur Belohnung) kreuzigen. Die Wilgefortis der kuriosen, erst spät im Mittelalter entstandenen Legende war also so etwas wie die "Conchita Wurst des Mittelalters". Aus dem Heiligenverzeichnis der katholischen Kirche hat man sie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil als nachweislich fiktive Gestalt herausgeworfen. Leider! Denn wer die Geschlechtergrenzen überschreitet, Gender-Stereotype herausfordert, dem drohte zu allen Zeiten die "Kreuzigung". Insofern ist die von islamistischen Fundamentalisten bis zu Putin und seinen Spießgesellen als "verschwult" verhasste westliche Gesellschaft vielleicht wirklich einen kleinen zivilisatorischen Schritt vorangekommen.
Die Macht der Schönheit
Unter dem Titel "Haar macht Schönheit" geht es gleich nebenan um die Macht der Schönheit, um langes, volles, glänzendes Haar – von der schönen Büßerin Magdalena bis zur Femme fatale. Ein nächster Raum ist ganz dem Thema "Haare und Religion" gewidmet. Was die Religion in Sachen Haar von Gläubigen fordert, berichten Musliminnen und Nonnen in einer Video-Installation; daneben grüßt von den Wänden ein wild behaarter Sadhu-Asket aus Indien oder ein jüdisch-orthodoxer Jungen mit prächtigen "Pejes" (Schläfenlocken) – ein Bild der Fotografin Herlinde Kölbl, die sich intensiv mit dem Thema "Haare" auseinandergesetzt hat. Natürlich fehlen auch Samson und Dalila nicht oder der Hinweis auf die "Gottgeweihten" in der Thora: "Und der Herr redete mit Mose und sprach: Sage den Israeliten und sprich zu ihnen: Wenn jemand, Mann oder Frau, das besondere Gelübde tut, sich dem HERRN zu weihen, so soll er sich des Weins und des Biers (Luther: starken Getränks) enthalten ... Solange sein Gelübde währt, soll kein Schermesser über sein Haupt fahren. Bis die Zeit um ist, für die er sich dem HERRN geweiht hat, ist er heilig und soll das Haar auf seinem Haupt frei wachsen lassen." (4. Mose 6, 1-5)
Das vielleicht auffälligste Bild in diesem Raum stammt von Albert Weisgerber: ein Mann, der an blondem Haar an einem Ast hängt. Weisgerber wurde 1878 im damals bayerischen St. Ingbert in der Saarpfalz geboren und fiel 1915 im französischen Flandern – als Angehöriger jenes Regiments, in dem auch ein gewisser Adolf Hitler diente. Stilistisch ist er irgendwo zwischen dem deutschen Impressionismus und dem beginnenden Expressionismus einzuordnen und geriet – anders als Hitler – in Vergessenheit. 1912/14 schuf er zwei Versionen seines blonden Absalom.
"Wer ist eigentlich dieser Absalom?"
Vor dem Gemälde mag einem ein altes, revolutionäres Studentenlied aus dem Vormärz in den Sinn kommen: "In dem Kerker saßen zu Frankfurt an dem Main ..." – "Wenn euch Leute fragen: Wo ist Absalom?" beginnt dessen fünfte und letzte Strophe, um die Antwort gleich mitzuliefern: "So dürfet ihr wohl sagen, ja, der hänget schon. Der hängt an keinem Baume, der hängt an keinem Strick, sondern an dem Glauben an die freie Republik."
Statt "Wo ist Absalom?" dürfte die Frage junger Menschen heute vermutlich eher lauten: "Who the fuck is Absalom?", "Wer ist eigentlich dieser Absalom?"
Zu den vielen Verdiensten der begeisternden Ausstellung gehört also auch, an diese haarige, überaus dramatische Bibelgeschichte zu erinnern. Absalom war der dritte Sohn König Davids. Sein Name setzt sich aus zwei hebräischen Wörtern zusammen, "av" und "s(ch)alom", Vater und Friede, bedeutet also "Vater des Friedens" oder "Mein Vater ist Friede". Doch trotz des schönen Namens war sein Leben eher von Sex and Crime, Unfrieden, Verrat, Rache und Gewalt geprägt, wie das 2. Samuel-Buch erzählt.
"Zan, Zendegi, Azadi"
Weiter geht es also mit politischen Verwicklungen: Wie aktuell und auch wie gefährlich das Thema "Haar" ist, zeigt ein Blick in den Iran. Dort bringt ein islamistisches Regime die eigenen Bürgerinnen um, wenn sie ihr Haar offen tragen, statt es unter einem Schleier zu verbergen. Das Thema hätte mehr Aufmerksamkeit verdient in der Ausstellung als ein paar Plakate der "Jin, Jiyan, Azadi"-Demonstrationen (Frau, Leben, Freiheit, persisch: "Zan, Zendegi, Azadi").
Zur Strafe abgeschorene Haare sind hier zu sehen, ghanaische Richter, unter sehr britischen und sehr weißen Richterperücken, ein Filmplakat zu Charlie Chaplins "Großen Diktator", in dem bekanntlich ein jüdischer Friseur unfreiwillig im Zentrum der Geschichte steht, und in Dauerschleife Ausschnitte aus dem Hippie- und Anti-Vietnamkriegs-Musical "Hair".
Das Haar in der Suppe
Ein eigener Raum ist dem Thema "Verbindung und Erinnerung" gewidmet. Haar überdauert uns nach unserem Tod, ist Erinnerung an die physische Präsenz eines Menschen, wurde zu Schmuck und Haarbildern verarbeitet. Auch ein Blick auf die "Ökonomien des Haares" fehlt nicht, und zum Schluss wartet ein virtueller Friseursalon, in dem man sich am Bildschirm die Haare machen lassen und neue Identitäten ausprobieren kann.
Um vielleicht doch noch das Haar in der Suppe dieser großartigen Schau zu finden, noch einmal zurück in den Saal "Religion": Dort hängt ein weiterer haariger Heiliger der christlichen Tradition, dessen Anwesenheit in der Wolle gefärbte Münchner besonders freut. Es ist der erste Schutzpatron ihrer Stadt: der heilige Onuphrius.
Den legendären afrikanischen Wüstenheiligen des 4. Jahrhunderts bitten sizilianische Frauen um Beistand, wenn sie einen Ehemann suchen. Zuständig ist er auch für Studenten, die Schwierigkeiten mit dem Lernen haben. Auf einem Haus auf der Südseite des Münchner Marienplatzes prangt er seit vielen Jahrhunderten, seit dem Zweiten Weltkrieg als großes Fassadenmosaik. In München erzählt man sich, dass man an dem Tag, an dem man sein Bild ansieht, keines plötzlichen Todes stirbt. Von den meisten übersehen, nennen ihn manche Münchner in Verwechslung mit dem Heiligen Christophorus despektierlich den "Stofferl vom Eiermarkt".
Sein Name hat vielleicht einen koptischen (ägyptischen) Ursprung: "Un-Nufer" bedeutet "der Selige" oder "der dauerhaft Gute". Im Arabischen kennt man ihn als Abu Nufir, was "Pflanzenesser" oder Vegetarier heißen soll. Passt beides, aber wie kam dieser abessinische Einsiedler-Mönch nach München? Stadtgründer Heinrich der Löwe brachte 1172 die Schädelkalotte des seltsamen Heiligen wohl von einer Pilgerfahrt nach Jerusalem mit und vermachte die Reliquie seiner aufstrebenden neuen Stadt, vermutlich um deren religiöses Prestige zu heben. In der Ausstellung zu sehen ist das Onuphrius-Gemälde von Gabriel Mälesskircher aus dem Diözesanmuseum Freising. Der Münchner Maler, der auch Bürgermeister war, malte 1470 den damals noch unumstrittenen Schutzpatron seiner Heimatstadt als ganzkörperbehaarten Nackten. Doch bald darauf begann die Reformation, und im evangelischen Sachsen brauchten sie die Gebeine des heiligen Benno von Meißen nicht mehr. Der Wittelsbacher-Herzog Albrecht V. griff zu und holte 1576 die Benno-Reliquien nach München. Benno war seither der etwas namhaftere Schutzpatron der bayerischen Landeshauptstadt – und Onuphrius geriet in Vergessenheit. So sehr, dass seine Knochen in den Nachwehen der Napoleonzeit beim Abriss der St.-Laurenz-Kapelle des Alten Hofs verloren gingen. Leider versäumt es die Schau, auf die besondere Bedeutung des Onuphrius für München hinzuweisen. Aber vielleicht ist dieser Einwand nur – Haarspalterei.
Infos zur Ausstellung
"Haar – Macht – Lust" in der Hypo-Kunsthalle München bis 4. Oktober.
www.kunsthalle-muc.de/haar/
Zur Ausstellung ist ein empfehlenswerter Katalog erschienen (Hirmer, 29 Euro). Zudem gibt es ein anregendes Begleitprogramm mit Themenführungen, Kinofilmen und Vorträgen – zum Beispiel darüber, was Haar und Haarwurzel über die Psyche verraten (6. Juli), oder über "Haariges" in Mythen und Märchen von Rapunzel bis Langebaard (11. April, 30. Mai). Reinheit, Verführung, Begriffsstutzigkeit – auch die Klischee-Haarfarbe Blond fehlt dabei nicht: Am 8. Juni zeichnet der Regensburger Romanistik-Professor Ralf Junkerjürgen die Kulturgeschichte des blonden Haars von der Antike bis nach Hollywood nach und zeigt, wie zwischen Mythos, Massenmedien und Popkultur aus einem Ideal das Stereotyp der "dummen Blondine" wurde.