13.04.2020
Aus der Johanneskirche Olching

Dialogpredigt zum Ostermontag 2020: Das ist die Botschaft von Ostern

"Da sind sie auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus – etwa zwei Stunden dauert der Fußweg, der gut zu bewältigen ist. Ein Spaziergang ist es für die beiden Jünger allerdings nicht. Sie haben miterlebt, wie Jesus gefangen genommen und gekreuzigt wird. Machtlos haben sie all dem zusehen müssen." Eine Dialogpredigt zum Ostermontag.
Gang nach Emmaus
Gang nach Emmaus, Gemälde von Robert Zünd

Wie ein Film in Dauerschleife läuft es immer wieder ab in ihrem Kopf. Ich habe das Gefühl, die Jünger nehmen überhaupt nichts mehr wahr – sie sehen, hören und fühlen nicht mehr, was um sie herum geschieht. Völliger Tunnelblick. Kein Licht in Sicht. Jesus ist tot und damit ist für sie alles aus. Die Fäden zum Leben scheinen abgeschnitten. Sie haben zwar durch die Frauen von der Osterbotschaft gehört. Aber das hat sie nur noch mehr verwirrt. Für sie ist es noch nicht Ostern geworden. Im Gegenteil: Wie tot im Leben sind sie unterwegs.

In diesen Tagen sind viele von uns ja so in Schockstarre. Wie tot im Leben. Zukunftsträume sind geplatzt. Der geplante Start in die berufliche Selbständigkeit ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Diszipliniert haben Sportler ihr ganzes Leben seit Jahren auf ein Ziel hin ausgerichtet – und jetzt die Absage von Olympia.

In den Seniorenheimen zu ihrem Schutz eingeschlossen, können Menschen nicht mehr von ihren Lieben besucht werden. Und manche müssen sterben, ohne dass ihre Lieben ihnen die Hand halten. Kein Abschied möglich.

Aus der Quarantäne-Stadt Wuhan gibt es Hinweise, dass die Fälle von Gewalt in der Familie sich während der Zeit des dortigen Eingeschlossen-Seins verdreifacht hätten. Auch aus Italien und Spanien gibt es "ähnliche, erschreckende Zahlen".

Diese Wochen können extrem schwierig werden für Kinder, Jugendliche, Frauen und Familien, die von Jugendämtern und Sozialarbeitern betreut werden. Zuhause aufeinander hocken, über Tage und Wochen, das gab es so noch nie.

"Viele Jahre war ich eingeschlossen, hinter dunklen Schutzmauern, kein Licht, keine Musik, keine Menschen, keine Gefühle, keine Sprache- es gab nichts", so beschreibt es eine Frau, die von klein auf unsagbare Gewalt erlebte.  Viele Jahre verstummte sie, war erstarrt und eigentlich nur noch eine Beobachterin am Rande des Lebens.

Und doch gelang dann das Wunder: "Irgendwann drang ein kleiner Lichtstrahl hinein, aber, wenn man sich so an die Dunkelheit gewöhnt hat, ist das Helle nicht zu ertragen. Lange hat es gebraucht, bis ich mich hinausgetraut habe, kleine mühsame, vorsichtige Schritte, die aber irgendwann leicht und federnd wurden- als ob eine Lichtspur vor mir herlief. Immer wieder musste ich zurück, hinter die Schutzmauern, aber es war ein Weg ins Licht. Leben ist gewachsen- zart und fragil, viele kleine Verbindungsfäden- zu Menschen, zu Orten, zu Tönen, zu Worten, zu meinem Körper, ein neuer Schutzraum ist entstanden, aber hier ist es hell und weit, es gibt viele Farben, Blumen, Vögel, Schmetterlinge den Himmel- alles ist da, es ist das Leben."

Aber die Sorge, dass diese Fäden reißen könnten, die Angst wieder alles zu verlieren, sind noch allgegenwärtig. Gerade in den letzten Wochen, wenn auf einmal so vieles an Begegnung nicht mehr möglich ist, was sie sich mühsam zurückerobert hatte.

"Gottesdienst ist für mich wie Brot und Wasser." sagt sie, "aber so auf Distanz im Radio und Fernsehen nicht wirklich mit allen Sinnen erlebbar.

Echte Begegnungen sind für mich lebensnotwendig."

Die beiden Jünger sind gemeinsam unterwegs. Sie sind zu zweit. Und das gilt ja auch für uns: Wir machen diese Predigt zu zweit, als Gespräch. Wir dürfen zu zweit und in der Familie unterwegs sein. Wir dürfen gemeinsam unterwegs sein. Auch Sozialarbeiter, Therapeutinnen dürfen eingreifen, wenn ein Hilferuf sie ereilt. Davon später mehr.

Viele erleben jetzt das Selbstverständliche als großes Geschenk. Und wir können uns draußen bewegen. So bleibt vieles in uns in Bewegung und kommt in Bewegung. Auch bei den Jüngern: Sie fangen an, miteinander über das Erlebte zu reden. Sie schaffen es, das, was sie in ihrem Inneren so fesselt und zusammenschnürt, in Worte zu bringen, ihre Gefühle das Erlebte – das, was sie so traumatisiert hat, Stück für Stück zu verarbeiten.

Dann kommt Jesus dazu. Und zwar auf eine, wie ich finde, ganz besondere Art und Weise. Jesus kommt hinzu und er fragt: "Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs?" Jesus fragt erst einmal ganz offen. Er kommt nicht mit klugen Ratschlägen und tut nicht so, als ob er schon alles wüsste.

Das gefällt mir: Hören, fragen, verstehen. Ein einfühlsames Interesse, ohne genau das fühlen zu können, was der andere fühlt, ohne sagen zu können, was er sagen möchte. Auf seine Worte zu warten und es nicht mit den eigenen Worten zu deuten.

Gott lässt den Faden zu uns nicht abreißen. Auch wenn wir das Gefühl haben, die Fäden zum Leben sind gekappt und wir sind im Tunnel gefangen – ohne Licht. Gott ist da, geht sozusagen mit. Aber die Jünger erkennen ihn nicht: "Ihre Augen wurden gehalten.", heißt es. Ich glaube, das ist etwas sehr Grundsätzliches, das für solche Krisensituationen gilt. Da, wo jemand in Panik ist oder ihm alles ausweglos erscheint – wie den Jüngern – da wird es eng. Da verengt sich unser Blick, wird zum Tunnelblick.

Der Faden kann nicht durchreißen. Aber er wird dann unsichtbar und gerät für uns außer Reichweite. Wir können nicht nach ihm greifen und uns an ihm zu Gott durchhangeln. Ich kenne das sehr gut vom Bergsteigen auf einer gesicherten Route. Ich weiß von einem Fixseil an einer schwierigen Schlüsselstelle. Doch ich habe mich verstiegen und kann es nicht entdecken. Ich wage mich an der ausgesetzten Passage, den gähnenden Abgrund unter mir, nicht mehr weiter. Ich bin gefangen und hänge fest. So wie ich in mir festhängen kann und dann keine Möglichkeit habe, in Beziehung zu Gott zu kommen.

Und die Jünger sind eben ganz bei diesem Moment, ganz bei der Niederlage. Es ist aus und vorbei! Ihr Leben macht keinen Sinn mehr ohne Jesus. Sie haben keinen Zugriff mehr auf die Hoffnung und die Verheißung, die Jesus ihnen vorher gemacht hatte.

Das Spannende ist, wie Jesus mit der Trauer der Jünger dann umgeht. Erst einmal doch sehr verwunderlich und für mich verstörend: Statt sie zu trösten, was wir erwarten würden und uns vielleicht auch wünschen würden, konfrontiert er sie.

"O ihr Toren, zu trägen Herzens all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben!" Toren. Ein träges Herz. Wer trauert, soll dumm und unverständig sein? Wer von Traurigkeit geflutet und wie gelähmt ist, soll träge sein? Was in aller Welt sollen diese heftigen Worte, wo bleibt der bislang so einfühlsame Jesus?

Wenn er schon so hart kontert, dann wäre doch zumindest eine positive Formulierung angebracht gewesen. "Ach könnte doch die Hoffnungsbotschaft euer Herz erreichen und wäre es dafür offen!"

Aber dann fällt das konfrontativen Moment, das Wachrüttelnde und letztlich Heilsame weg. Außerdem darf man eben nicht außer Acht lassen, dass Jesus ja vorher ein ganzes Stück des Weges mitgegangen ist und zugehört hat. Die Jünger konnten ihm das Herz auszuschütten. Und dann braucht es manchmal auch das Konfrontative, dass Menschen wieder in ihre Kraft kommen.

Die Krise als heilsamer Schock, der uns aus allen liebgewonnenen Gewohnheiten reißt und die Augen öffnet. Wir erkennen jetzt, dass das Kaputtsparen der medizinischen Infrastruktur Leben gefährdet. Wir nehmen wahr: Den von neoliberalen und rechtsradikalen Stimmen verächtlich gemachten Staat braucht es in der Krise. Er muss für solche Krisenfälle Mittel haben.

Die wirtschaftlich Starken und Vermögenden können dafür einen größeren Beitrag leisten. Die Krise offenbart, wer am heftigsten zu leiden hat und wo es für Menschen existenzbedrohend wird. Solidarität ist jetzt in der Krise großgeschrieben, aber sie muss es auch danach bleiben. Dann wird dieser Schock auf Dauer heilsam wirken.

Mir selbst geht es oft so. Ich brauche gerade von Menschen, die mir nahe sind, diesen "Tritt" zurück ins Leben – auch wenn es mich zunächst hart trifft.

Manchmal muss ich durch sie mit mir selbst und meinen liebgewonnenen Mustern konfrontiert werden. Das ist es, was mich aus meiner Starre befreien kann. Und dann können sich die Kraft, die Hoffnung und das Leben allmählich wieder in mir ausbreiten.

Es ist eine doppelte Konfrontation. Kaum hat Jesus die Jünger vor den Kopf gestoßen kündigt er seinen Abschied an. Der gemeinsame Weg endet. Er lässt sie allein.

Und genau dadurch passiert das Entscheidende: Die Jünger werden selbst aktiv, nehmen ihre Bedürfnisse wahr und fordern Jesus auf, zu bleiben. Ihre Beziehung trägt – trotz bzw. vielleicht auch gerade wegen der Konfrontation. So machen sie den vielleicht entscheidenden Schritt aus de Tunnel zurück ins Leben.

Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden. Die Sehnsucht nach Nähe und Leben ist in den Jüngern erwacht. Der nicht reißbare Faden wird wieder sichtbar und greifbar. Sie wollen wieder ins Leben finden, wollen weitergehen, wollen sich mit anderen verknüpfen in der Hoffnung. Sie wollen sich dem Leben wieder in die Arme werfen.

"Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen." Hier ist der intensivste Moment gekommen. Jesus handelt, wie er immer gehandelt hat, zuletzt am Tag seiner Gefangennahme. Da werden ihre Augen geöffnet und sie erkennen ihn als ihren auferstandenen Herrn. Das Brotbrechen steht in diesem Moment für all das, was die Jünger in ihrem Leben mit Jesus erfahren haben.  Und jetzt ist das alles wieder da. Ein Moment voller Leben und Hoffnung und ihre Herzen brennen wieder. Ein Moment der Gnade.

Es gibt sie diese Momente, wo die Herzen brennen und wir entflammt werden:

Eine italienische Frau hat sich darauf eingestellt, ihren 80. Geburtstag allein zu verbringen. Sie findet eine Geburtstagstorte vor ihrer Wohnungstür und in diesem Augenblick singen ihr die Menschen im Hinterhof viel Glück und viel Segen.

Die Intensivschwester, fast am Ende ihrer Kraft, kämpft mit ihren Kollegen und Ärztinnen weiter um das Leben eines Beatmungspatienten und er kommt durch – entgegen aller Prognosen.

Der junge Mann, der sich von seiner Partnerin getrennt hat und in diesen schwierigen Zeiten auf Wohnungssuche ist, wird von einem Ehepaar, das genügend Platz hat, aufgenommen.

Wir können auch heute in diesen Tagen das Brot zumindest symbolisch miteinander brechen. Und einander Momente voller Leben und Hoffnung schenken. Denn das Leben ist nicht abgeschafft trotz Krise. Auch im Tod und in den Todeserfahrungen, die wir Menschen immer wieder machen, reißt der Lebensfaden, durch den wir mit Gott verbunden sind, nicht ab.

Das ist die Botschaft von Ostern. In Jesus ist Gott den Menschen nahe. Nahe im Alltäglichen, nahe im Schmerz, in der enttäuschten Hoffnung, bis in den Tod hinein.

Doch in dem Moment, wo die Jünger Jesus erkennen, entschwindet er. Ja, so ist es auch: Solche Momente der Gnade können nicht festgehalten werden. Es sind flüchtige Momente, aber sie sind da und haben eine unglaubliche Kraft. Sie machen den reißfesten Faden zwischen uns und Gott ganz deutlich sichtbar und zeigen uns, wo wir selbst anknüpfen und unsere Lebensfäden spannen können.

Sich dem Leben wieder in die Arme werfen. Dafür braucht es Mut. Dafür braucht es Menschen, die mir die Hand hinhalten, wenn ich am Boden bin. Dafür braucht es Menschen, die bereit sind mit mir unterwegs zu sein, sich für mich Zeit nehmen und wo nötig, mich auch konfrontieren. Es braucht Menschen, die mich trösten, mir aufhelfen und mir gleichzeitig zutrauen aus eigener Kraft weiterzugehen.

Wenn in diesen Tagen Menschen die Kraft bekommen, einander so zu begleiten, und zu unterstützen, ist Ostern. Ist der Auferstandene mitten unter uns. "Ich lebe und ihr sollt auch leben.", spricht Jesus. Und unser Herz wird brennen. Amen.

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