Ein Urteil aus Nordirland droht alte Wunden wieder aufzureißen. Im November 2025 entschied der Oberste Gerichtshof des Vereinigten Königreichs, dass der Religionsunterricht an nordirischen Grundschulen gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstößt.

Religionsunterricht Nordirland: Ein Vater klagt gegen Schulgebet

Auslöser war ein Fall, der bereits 2019 für Aufsehen sorgte. Ein Vater hatte vor dem Obersten Gericht Nordirlands Klage eingereicht, weil seine siebenjährige Tochter in einer Grundschule in Belfast gemeinsam mit ihren Mitschüler:innen betete und an christlichen Versammlungen teilnahm. Nichts Außergewöhnliches in einem Land, in dem Religion und der Nordirlandkonflikt seit jeher eng miteinander verwoben sind – könnte man zumindest meinen.

Als das Mädchen begann, auch am heimischen Abendbrottisch andächtig die Hände zu falten, wurden die Eltern – beide erklärtermaßen nicht religiös – stutzig. Ihre Nachfrage in der Schule offenbarte: Alle Kinder mussten an christlichen Andachten teilnehmen, der christlich geprägte Religionsunterricht war ohnehin verpflichtend.

Der Oberste Gerichtshof Nordirlands entschied 2022 zugunsten des Klägers und erklärte den Lehrplan für menschenrechtswidrig. Ein Berufungsgericht hob dieses Urteil jedoch auf. Im November 2025 bestätigte der Supreme Court des Vereinigten Königreichs nun einstimmig die Entscheidung und forderte einen objektiven, kritischen und pluralistischen Ansatz im Religionsunterricht.

Nordirlandkonflikt und Religion: Die historische Dimension

Seit der Teilung Irlands im Jahr 1921, als im Norden eine protestantische Mehrheit verblieb und sich im Süden eine katholisch geprägte Republik bildete, war Religion nie einfach Religion. Sie war Chiffre, Identitätsmarker und Fahne. In Nordirland standen sich vereinfacht gesagt mehrheitlich Protestant:innen und eine Minderheit von Katholik:innen, die eine Wiedervereinigung mit der Republik anstrebten, häufig blutig gegenüber. Der Bürgerkrieg, der umgangssprachlich als "The Troubles" bezeichnet wird, endete erst 1998 mit dem Karfreitagsabkommen.

Dabei ging es jedoch nie um Glaubensfragen oder theologische Feinheiten wie der Abendmahlslehre oder die Heiligenverehrung. Die Konfessionen dienten vielmehr als Klebeetiketten eines tieferen Konflikts: Zu wem gehörst du? Zu Irland oder zu Großbritannien?

Dass der nordirische Religionslehrplan, der seit 1992 verbindlich ist, fast ausschließlich das Christentum berücksichtigt, ist vor dem historischen Hintergrund kaum überraschend. Er entstand im Schulterschluss der vier großen Kirchen – der katholischen Kirche, der presbyterianischen Kirche, der anglikanischen Church of Ireland und der methodistischen Kirche – und galt seinerzeit als Zeichen ökumenischen Fortschritts. Heute offenbart der Lehrplan vor allem eines: Die jahrzehntelangen Konflikte münden in eine Abschottung gegenüber allem, was nicht christlich ist.

Christlicher Lehrplan: Wenn Bildung zur Indoktrination wird

Die zugrunde liegende Annahme ist, dass jeder Mensch eine religiöse Identität hat, und zwar eine der beiden großen: katholisch oder protestantisch. Raum, sich mit religiöser Vielfalt auseinanderzusetzen, bietet das nordirische Schulsystem nur in homöopathischen Dosen.

Der Religionsunterricht soll offiziell Wissen über die zentralen Lehren des Christentums vermitteln, das Verständnis für die Bibel fördern und Kinder befähigen, die Botschaften auf das heutige Leben zu übertragen. In der Praxis findet jedoch nur eine unzureichende Kontrolle der Inhalte statt – teilweise übernehmen sogar externe evangelikale Gruppen die inhaltliche Gestaltung.

Der Vater war nicht der Einzige, der die Praxis infrage stellte. Eine laut der "BBC" im Februar 2025 durchgeführte Untersuchung der Queen’s University Belfast zeigt eine gespaltene Gesellschaft: 38 Prozent der Befragten stören sich am ausschließlichen Fokus auf das Christentum, während 37 Prozent ihn begrüßen. Ein politisches Unentschieden. Zugleich wünschen sich 60 Prozent einen Unterricht, der verschiedene Religionen behandelt, um Vorurteile abzubauen.

Eine klare Mehrheit, die sich für Offenheit und religiöse Aufklärung starkmacht. Einige Eltern und Schüler:innen gehen sogar noch weiter und sprechen offen von Indoktrination.

Säkularisierung: Nordirlands religiöse Landschaft verändert sich

Hinter all dem verbirgt sich ein noch grundlegenderer Wandel. In Nordirland leben inzwischen nicht nur mehr Katholik:innen als Protestant:innen, sondern auch der Anteil derjenigen, die sich keiner Religion zugehörig fühlen, steigt – von 5,6 Prozent im Jahr 2011 auf 9,3 Prozent laut der Volkszählung von 2021. Dieser Trend dürfte sich fortsetzen.

Somit steht Nordirland heute vor einer Herausforderung, die weit über die Gestaltung eines Lehrplans hinausgeht. Jahrzehnte alter Gräben und tiefer Verwundungen haben ihre Spuren hinterlassen. Doch die Gesellschaft hat sich verändert. Die alten Zuordnungen – katholisch oder protestantisch, also christlich – verlieren ihre definierende Macht. Wer hier aufwächst, lebt in einer Realität, in der religiöse Zugehörigkeit nicht mehr selbstverständlich ist und Vielfalt zur Normalität wird.