"Hier ist er nicht" – die erschütternde Botschaft des Ostermorgens

"Wehe, du schreibst das mal auf meinen Grabstein!" - So hat es eine alte Dame mal zu ihrer Tochter gesagt. Und die Faust geballt. Und ihr Rollator hat kurz gewackelt. Für einen Moment hat sie ausgesehen wie ein junges Mädchen. So viel Power. Dabei war sie 93 und lebte im Pflegeheim. Jetzt ist sie gestorben. Ich sitze mit der Tochter zusammen, wir reden über die Beerdigung. Und der Tochter fällt das alles wieder ein…

Sie sind oft zu zweit über den Friedhof gegangen. Sehr langsam, immer wieder mit Stehenbleiben, Namen lesen, Jahreszahlen und die Inschriften: Hier ruht in Frieden, in ewiger Ruhe… Und dann kam dieses:

"Wehe, du schreibst das mal auf meinen Grabstein! Ich will keine ewige Ruhe. Ruhe habe ich schon seit Jahren mehr als genug. Ich will endlich wieder was erleben. Ausgehen, feiern. Es heißt doch Ewiges Leben (!). Also. Wenn das nach dem Tod so weitergeht wie jetzt – na dann Prost Mahlzeit! Da wird sich der liebe Gott ja wohl hoffentlich was Besseres einfallen lassen." 

Du die Tochter sagt zu mir: "Sie wollte einfach keine letzte Ruhe-Stätte, aber so richtig an die Auferstehung hat meine Mutter nicht geglaubt." Und ich denke: Doch. Und wie die an die Auferstehung geglaubt hat! Und ich denke an die Frauen am Ostermorgen. Können sie so richtig an die Auferstehung glauben? Nein… 
Sie kommen mit dem ersten Licht zum Grab. Leergeweint. Müde. Wie neben sich. Mit schwerem Herzen und duftendem Öl.

Der schwere Stein ist vom Grab weggewälzt. Der Leichnam ist verschwunden. Sie können nicht tun, was zu tun ist: Den Körper waschen, salben. Die heilige Pflicht, die gewohnten Abläufe – sie werden unterbrochen, herausgerissen.  

"Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?" hören sie. "Er ist nicht hier, er ist auferstanden." 

Von wegen: ewige Ruhe. Auferstanden! Nicht zu fassen. Gefühlschaos. Alles auf einmal, alles gleichzeitig. Du bist überfordert, weißt gar nicht wohin mit dir. 
Ich kenne das total gut. Wenn mitten im Trauern plötzlich ein Lachen aufsteigt. Ich erinnere was und könnte platzen, weil das so schön war und ich dankbar bin, das mit dir erlebt zu haben. Du bist gestorben, aber ich bin und bleibe so voller Liebe. Das macht mich fast glücklich… Aber das kann doch gar nicht sein, das darf man doch nicht. 

Habe ich das gerade wirklich gesagt, gedacht, gefühlt? Wirrwarr-Gefühle in einer Wirrwarr-Zeit. Auch das ist Auferstehung. Sie wirbelt was auf. Alles dreht sich. Um Hundertachtzig Grad. Richtungswechsel also. Und die Frauen gehen weg vom Grab, zurück nach Jerusalem. Sie müssen es den anderen erzählen. Nur, wie soll das gehen: Davon sprechen? Laut und wild durcheinander. Stammelnd. Vielleicht auch mal leise, fast flüsternd, wie du ein Kind tröstest: Schhhhh, er ist nicht hier, er ist auferstanden. Zwischendurch weint eine, dann bricht sie in Lachen aus. Die Worte überschlagen sich. Vielleicht steigt eine auch mal auf den Tisch und schreit´s raus und reißt die Arme hoch. Von wegen ewige Ruhe!

Und die Jünger - bleiben erst mal unter sich. Noch nie zuvor sind sie so verunsichert gewesen wie in diesen Tagen und Stunden. Der Tod hat alles in ihnen erschüttert. Alles in Frage gestellt. Ihr ganzes vorheriges Leben. Das Zusammensein mit Jesus. Alles vorbei. Was ist das jetzt noch wert? Und jetzt diese Frauenpower: Er ist auferstanden! Wie bitte geht das zusammen? Wohin mit der großen Traurigkeit – wie versteht sie sich mit der Freude?  

Ich glaube, so ist der Jünger-Kreis beieinander:  Als sie aber davon redeten – heißt es ganz knapp in der Bibel. Ich höre darin jede Menge Gesprächsbedarf, vielleicht sogar frommes Fachsimpeln, Bedeutung-suchen. Und dann merken sie, jede Idee von "Auferstehung bedeutet dies oder das", jeder Versuch, was zu definieren, scheitert. Scheitert. Kluge Merksätze haben keinen Platz. Was bleibt, ist: Er ist nicht hier. Punkt. Und genau da - trat er selbst mitten unter sie. 
Jesus tritt in ihr Gerede. Er grüßt sie wie immer: Schalom. Und das Gefühlschaos, darf ich so sein, wohin mit meiner Trauer und Wut – alles kommt darin zur Ruhe. Der Auferstandene sagt: Friede sei mit Euch.

Frieden statt Bomben: Ein Osterwunsch für die Welt von heute

Komm, Auferstandener. Zeig dich in Freiheit und Schalom. Komm in die Besprechungen von Chefetagen und Management und unterbrich sie, platz rein in die Denkmuster der Machthaber und Militärstrategen. Sie sitzen an langen Tischen, und die Menschen, die wirklich um ihre Freiheit ringen, haben keine Stimme. 
Komm, Auferstandener. Zeig deinen Auferstehungshimmel. Über der ganzen Erde. Da werden keine Kampfflugzeuge mehr fliegen, keine Drohnen. Und keine Bomben mehr fallen. Nirgendwo. 

Das ist mein Osterwunsch: Du kommst und sagst: Schalom, Friede sei mit euch. Tritt ein, Jesus, in unsere Welt heute, in die Herzen aller Menschen, wie bei den Jüngern. Mittenrein. Und dann sprich:

"Warum kommen solche Gedanken in euer Herz?"

Denn noch sind nicht alle Zweifel beseitigt. Das werden sie nie sein. Die Auferstehungshoffnung klingt leise. Tastend, suchend, heiser vom Trauer-Heraus-Schreien. Die Bibel erzählt auch von Schrecken. Verstummen. Stille. Das Wortemachen allein reicht nicht. Jesus verlässt die Gedanken-Welt. Er sagt: Hier, Hand und Fuß, Fleisch und Knochen – hier, ich bin´s. … 

Er ist nicht hier - war doch die Osterbotschaft. Und nun: Hier bin ich. Schon wieder gerät alles durcheinander. Das Leben zieht einen immerzu in verschiedene Richtungen. Das Sterben auch. Und die Auferstehung erst recht. Ein für alle Mal fixmachen und Ostern - geht nicht zusammen. Das ist so. Ist Leben. Auch nach dem Tod. Immer: Hier und nicht hier. 

Ich finde, so ist es auch wenn wir an Gräbern stehen. Vielleicht sind Sie gestern auch auf dem Friedhof gewesen und zu einem Grab gegangen. Mit anderen aus der Familie, mit Freundinnen, Freunden oder allein. Wir standen gestern am Grab unseres Sohnes. Mein Mann, unsere Tochter und ihre Familie. Bunt. Osterglocken leuchten. Und ein Auferstehungslicht brennt. Freunde haben es schon vor uns dahin gestellt. Es stammt aus der Osternacht. Wir bringen auch Lichter mit. Und bunte Schoko-Eier. Seit fünf Jahren ist das so. Wir besuchen ihn hier. Und wissen genau: Hier ist er nicht. Aber wir sind hier. Und es ist schön. Wir lachen. Erzählen. Wir singen: Christ ist erstanden. 

Immer muss ich dabei weinen. Vor Trauer, ja, aber auch vor einem ganz seltsamen Glück. Ganz tief. Und das macht mir das Schwere leichter. Das ist mein Osterglaube. "Wär er nicht erstanden, so wär die Welt vergangen." Seit Jahrhunderten singen Christen und Christinnen diese Worte. Ja, die Welt ist nicht vergangen. Sie ist immer noch da. Hier unten, wo wir Menschen unser Leben leben. Da will ich hinschauen. Auf dieses Leben, dieses Hier und Jetzt. Mit Hand und Fuß und Fleisch und Knochen. Und in die Gesichter der anderen. Hey, du bist auch hier. Zusammenstehen, zusammen essen. Sagen, ich habe Hunger. Ich habe Angst. Ich weiß nicht, wie. Und dann sehen: Den schweren Stein haben andere weggewälzt. Du musst nicht alles alleine stemmen. 

Ich will da hinschauen, wo sich was auftut und in Bewegung kommt. Wenn Schockstarre, Sorge, Kleinmut anfangen zu fließen. Weil wir sie ansprechen, aussprechen, zeigen. Das ist der Oster-Lernweg. Auch für die Jünger. Die hatten sich ja versteckt, verkrochen. Das kenn ich auch. Mich kleinmachen und einigeln. Mich nicht zumuten wollen. Wie komme ich da raus? 

Mich anstrengen – das schaff ich dann nicht. Ich werde immer unzufriedener. Manchmal schaue ich dann in den Spiegel und erschrecke. Wo ist der Glanz (geblieben)? Dann, Jesus, brauche ich deine Gegenfrage, Jesus:

"Warum kommen solche Gedanken in euer Herz?" 

Die Antwort ist gar nicht wichtig. Die andere Stimme ist es. Die Christusgegenwart.  Nicht meine Vorsätze, mein guter Plan lösen das. Der Auferstandene selbst. Er kommt in deine trüben Momente. Wenn du dich verkriechst, stöbert er dich auf. Und das Leben schmeckt wieder nach was. 

Gott mischt sich ein – mitten in Trauer, Krieg und Kleinmut

Und da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden. 

Es ist alles da, liebe Gemeinde, steht alles in und zwischen den Worten der Bibel: Wie Gott zur Welt kommt und sich einmischt. In diese Welt. Überall

– da trat er selbst mitten unter sie. 

Nur so kann ich überhaupt hinsehen auf die Welt. Wie sie ist. Im Rauch, verschüttet, zerbombt, die geschundene, verwundete Welt. 
Mit Macht und allerhellster Strahlkraft glaubt die Auferstehungshoffnung dagegen an. Gegen das Zerstörerische. Gegen alles Entwürdigen und Hassen und Quälen. Ich will zu dieser Kraft aufschauen. Von unten nach oben. Damit die Richtung wieder stimmt. 

Ich glaube an die Auferstehung – ich weiß, die Wunden verschwinden nicht, sie bleiben. Ich erkenne das Leben in ihnen. Erkenne es neu. Und lebe weiter, anders. 
Der Auferstandene bleibt verwundet – und ist doch strahlend schön. Alles zieht den Blick nach oben. Mit wehender Fahne. Wie kommt nach großem Leiden nun ein so großes Licht. Alles zieht den Blick nach oben: Osterwärts. 

Das Parament, das Altartuch hier in der Kirche, erzählt auch von Ostern. Und vom Licht. Golden und strahlend weiß zeigt es ein Kreuz. Das besteht aus vielen kleinen Kreuzen. Sie bilden ein gleichmäßig geordnetes Muster. In jedem Kreuz kommen vier Pfeile von vier Seiten zusammen und treffen sich in der Mitte. Wie Wegweiser, Hinweis-Pfeile. Ich mag besonders den Pfeil, der von unten nach oben weist. Das ist mein Oster-Pfeil. Er lenkt den Blick von unseren Gräbern, vom Hier-ist-er-Nicht nach oben. In den Auferstehungshimmel. Unter diesem Himmel leben wir. 

Amen

Evangelischer Fernsehgottesdienst zum Ostermontag

Übertragen am 6. April 2026 in Das Erste und Bayern 1

Kirche: Himmelfahrtskirche München-Pasing

Predigt: Pfarrerin Julia Rittner-Kopp

Liturgie: Pfarrerin Christine Drini

Musik: Chor der Himmelfahrtskirche unter Leitung von Kantorin Yoko Seidel

Der Gottesdienst ist in hier der ARD Mediathek abrufbar.