Die evangelische Kirche in Bayern steht unter massivem Druck: Bis 2035 wird die Zahl der Mitglieder voraussichtlich von rund 2 Millionen auf nur noch 1,2 bis 1,5 Millionen sinken. Gleichzeitig gehen viele Mitarbeitende der Babyboomer-Generation in den Ruhestand – die Zahl der Hauptamtlichen könnte damit um bis zu 40 Prozent schrumpfen. Diese Prognosen beruhen auf langjährigen Trends und werden durch regelmäßige Kirchenmitgliedschaftsstudien gestützt.

Die Kirche ist also auf dem absteigenden Ast. Doch vielerorts entsteht gerade etwas Überraschendes. Gemeinden experimentieren, öffnen ihre Räume, verlassen vertraute Formen – und entdecken dabei neue Nähe zu den Menschen. Zwischen Stadtwald und Kneipe, Wohnzimmer und Kirchenfoyer zeigt sich: Die Kirche kann anders aussehen als früher. Und sie tut es längst.

Viele Gemeinden entdecken die Natur als spirituellen Raum neu. Die "Wild Church" im Fürther Stadtwald verbindet Glaube und Naturerfahrung. Menschen treffen sich draußen, achtsam und bewusst, fern klassischer Liturgie. Ähnliche Konzepte entstehen auch als "Wildniskirche" im urbanen Raum oder als spirituelle Angebote im Wald.

Schöpfungsandachten in der Tradition der nordamerikanischen "Wild Church"

In Bad Griesbach nennt es sich "Mit der Wildnis feiern", Schöpfungsandachten in der Tradition der nordamerikanischen "Wild Church" an unterschiedlichen Orten. Ziel ist, mit der Mitwelt, mit Tieren, Pflanzen und Bäumen eine tiefere Verbindung zu suchen und darin von Gott berührt zu werden, Heiliges erfahren außerhalb der Kirchenmauern, erlebnisorientiert Gottesdienst feiern.

Auch in Schwabach hat man die Kirche buchstäblich aus dem Kirchenraum herausgetragen. Unter dem Titel "Gemeinschaft am Tresen" trifft sich die Gemeinde regelmäßig in einer Kneipe. Pfarrer Michael Käser sitzt mitten unter den Gästen – mit einem Bier in der Hand und offenem Ohr für Kummer, Zweifel und Lebensfragen. Kirche wird hier zum Gespräch auf Augenhöhe.

Solche Projekte entstehen derzeit vielerorts in der bayerischen Landeskirche. Sie eint der Versuch, Menschen dort zu erreichen, wo sie tatsächlich leben. Manche Gemeinden, wie die Auferstehungskirche in Landshut, gehen dafür bewusst an "ver-rückte Orte": Gottesdienste auf öffentlichen Plätzen, spirituelle Formate in Cafés, Aktionen mitten in der Stadtgesellschaft. Beim mobilen Projekt "Holy Babylon – Kirche an anderen Orten" werden Menschen nach ihren Sehnsüchten angesprochen.

Viele kreative Projekte von Jugendlichen

Gerade junge Menschen spielen bei vielen Projekten eine zentrale Rolle. In Auloh bei Landshut treffen sich Jugendliche zu sogenannten Werkltagen, um gemeinsam eine Jugendkirche aufzubauen. Bewegungen wie das "Overflow Movement" im Dekanat Naila wollen Jugendliche neu für Jesus und für den Glauben begeistern – mit coolen und zeitgemäßen Formen, aber verbindlich in der Nachfolge Jesu.

Besonders eindrücklich zeigt sich der Wandel in Nürnberg-Gibitzenhof. Dort verwandelt das Projekt "FreiRaum macht Platz für alle" den Platz vor der Markuskirche in eine offene Begegnungsfläche für das ganze Viertel. Kirche versteht sich hier nicht mehr nur als Ort für ihre Mitglieder, sondern als sozialer Akteur im Stadtteil.

Neue Architektur

Auch architektonisch wird neu gedacht. In Bad Rodach wird in eine Kirche aus dem Jahr 1740 ein moderner Kubus aus Holz und Glas eingebaut. In einer atemberaubenden Konstruktion wird der Gemeindesaal an einem speziellen Tragwerk unter das Dach gehängt. In Tirschenreuth entsteht aus einer klassischen Kirche ein modernes Gemeindezentrum mit offenen Türen. Wände wurden entfernt, ein großes Foyer verbindet nun Kirchenraum und Gemeindesaal.

In Bodenmais wiederum geht es weniger um große Umbauten als um eine neue Spiritualität. Die Johanneskirche ist tagsüber offen, Besucher können Kerzen entzünden, Gedanken in eine Klagemauer stecken oder einfach schweigend verweilen. Die Menschen machen sich hier ihren eigenen Gottesdienst. Kirche wird zum Resonanzraum für persönliche Erfahrungen – niedrigschwellig, still und offen.

Was brauchen Menschen heute wirklich von der Kirche?

Andere Projekte setzen auf Gemeinschaftserlebnisse. Das "Westend kocht & Mehr" verbindet in München ein gemeinsames Essen mit Musik und Begegnung. Beim "Aperol-Gottesdienst" in Weiden treffen sich Menschen bei sommerlicher Atmosphäre zu spirituellen Impulsen. Es gibt Bobbycar-Gottesdienste für Familien mit kleinen Kindern und eine "Bauchladen-Kirche" mitten im öffentlichen Raum.

Manche Gemeinden experimentieren sogar mit neuen Organisationsformen. Regionalgemeinden entstehen, Dekanate befinden sich in umfassenden Reformprozessen. Die Frage lautet nicht mehr: Wie erhalten wir Bestehendes? Sondern: Was brauchen Menschen heute wirklich von der Kirche?

Christian Kopp und Tanja Keller

Auffällig ist: Wo die Ressourcen knapper werden, wächst die Bereitschaft zum Experiment. Gemeinden öffnen Räume, teilen Verantwortung und lösen sich von der Vorstellung, dass Kirche immer gleich aussehen müsse.

So entsteht in Bayern derzeit eine Kirche, die beweglicher wird: weniger Institution, mehr Netzwerk; weniger Versorgung, mehr Begegnung; weniger Programm, mehr Resonanz. Nicht jedes Experiment wird bleiben. Aber viele zeigen bereits jetzt, dass die Kirche dort lebendig wird, wo sie Menschen ernst nimmt, beteiligt und überrascht.

Vielleicht liegt genau darin die Zukunft der Kirche. Dennoch wird diese Kirche kleiner werden, weniger reich, mit weniger Hauptamtlichen und weniger Gebäuden. Unbestreitbar ist, dass sich die Kirche auch strukturell ändern muss, wenn sie als Institution noch Bestand haben will. Ein "weiter wie bisher" führt wohl eher früher als später in die Insolvenz. Kirche wird sich verändern müssen. Die Frage ist nicht ob, sondern wie. 

Bei der Herbstsynode in Amberg 2025 bekannte sich der bayerische Landesbischof Christian Kopp zum kirchlichen Leben vor Ort: "Niemand will Kirchengemeinden abschaffen." Im Gegenteil gehe es darum, die kreativen Kräfte vor Ort zu stärken und Kooperationen auszubauen. Als Beispiel nannte er die Wiedereinweihung der Uttinger Christuskirche am Ammersee, die nach einem Brand in einer Gemeinschaftsleistung neu aufgebaut wurde. Kopp warb für die Gemeinde in der Region: "Der eigene Kirchturm gibt Halt, er weist zugleich in die Weite."

Kommunikation ist Dreh- und Angelpunkt des Reformprozesses

Tanja Keller, neu gewählte Präsidentin der Landessynode, ist zuversichtlich: "Allen Menschen, die vor Ort kirchliche Präsenz aufrechterhalten möchten, werden wir dies ermöglichen – wenn auch unter veränderten Bedingungen", sagte sie dem Sonntagsblatt. "Die gute Botschaft bleibt, auch wenn Gebäude, verfügbare Ressourcen und das verfügbare Personal weniger werden." 

Tanja Keller sieht im aktuellen Reformprozess die Kommunikation als Dreh- und Angelpunkt: "Alle Verantwortlichen – haupt- wie ehrenamtlich – benötigen die gleichen Informationen und vor allem Zeit und Orte für Diskussionen, um die Transformation vor Ort gemeinsam anzugehen." Dies müsse wiederum gut an die Kirchenmitglieder kommuniziert werden.

Im Dekanatsbezirk Ingolstadt hat unter diesen Prämissen ein umfassender Zukunftsprozess begonnen. Unter dem Titel "Zukunft der Kirche der Zukunft" wollen die 20 Kirchengemeinden der Region in den kommenden zwei Jahren gemeinsam überlegen, wie kirchliches Leben künftig aussehen kann – und welche Aufgaben die Kirche in einer sich wandelnden Gesellschaft übernehmen soll.

Dabei geht es nicht nur um Organisation oder Finanzen. Der Prozess versteht sich ausdrücklich als geistlicher und gesellschaftlicher Aufbruch. "Der Wandel ist eine Herausforderung. Er ist aber auch eine Chance: die Chance, Kirche neu zu gestalten", heißt es aus dem Dekanatsbezirk. Im Mittelpunkt stehen Fragen, die viele Gemeinden derzeit beschäftigen: Was brauchen die Menschen heute von der Kirche? Welche Angebote bleiben wichtig? Was kann sich verändern? Und wie lassen sich begrenzte Ressourcen sinnvoll einsetzen?

Neue Formate: "Konfirmandentag" oder "Einfach Heiraten"

Im Dekanatsbezirk Ingolstadt gibt es dafür bereits Beispiele: Gemeinden im Donaumoos arbeiten enger zusammen oder fusionieren, Verwaltungsstrukturen werden gemeinsam mit anderen Dekanaten organisiert, Immobilien werden verkauft. Gleichzeitig entstehen neue Formate wie der Konfirmandentag "kräftig" mit Hunderten Jugendlichen oder die Aktion "Einfach Heiraten".

Der Zukunftsprozess soll nicht von oben verordnet werden. Stattdessen setzt der Dekanatsbezirk auf Beteiligung und offene Diskussionen. Eine zehnköpfige Steuerungsgruppe begleitet gemeinsam mit dem externen Organisationsberater Steffen Bauer (Heidelberg) den Prozess. Workshops, öffentliche Veranstaltungen und thematische Arbeitsgruppen sollen möglichst viele Perspektiven einbeziehen.

Die erste Phase stand unter dem Motto: "Wir hören zu und schauen hin." Bei mehreren öffentlichen Abenden schilderten Menschen sehr offen ihre Sicht auf Kirche, Glauben und Gemeinde. Manche nehmen die Kirche vor allem als zivilgesellschaftlichen Akteur wahr, andere erleben die Kirche eher als emotionales oder kulturelles Ereignis. Auch grundlegende Fragen stehen im Raum: Was bedeutet heute eigentlich "Gemeinde"? Wer ist mit "allen Menschen" gemeint, an die sich die Kirche richtet? Und was heißt es, evangelisch zu sein? Klar ist jedoch schon jetzt: Die evangelische Kirche in Ingolstadt stellt sich dem Wandel offensiv – und versucht, aus der Krise einen Neuanfang zu machen.

Steffen Bauer und Gerhard Schoenauer

Sicher ist, dass die bayerische Landeskirche künftig mit weniger Pfarrerinnen und  Pfarrern auskommen muss. Einmal, weil sie das Geld dafür nicht mehr haben wird, dann, weil einfach zu wenige junge Menschen Theologie studieren. Mit weniger Personal will die Kirchenleitung künftig in größeren Räumen denken. Der Begriff "Regionalgemeinde" sorgt aktuell für kontroverse Debatten. Doch was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff – und wie soll Kirche dadurch zukunftsfähig werden?

Nach den derzeitigen Vorstellungen umfasst eine Regionalgemeinde mindestens 8500 Gemeindeglieder und wird von einem multiprofessionellen Team mit mindestens fünf Hauptberuflichen begleitet. Auf regionaler Ebene gibt es ein gemeinsames Entscheidungsgremium. Die bisherigen Kirchengemeinden bleiben zwar formal Körperschaften des öffentlichen Rechts, geben aber zentrale Aufgaben wie Personalverwaltung, Immobilienmanagement oder Geschäftsführung an die Regionalgemeinde ab.

Die Idee dahinter: Die Kirche soll künftig stärker im Team arbeiten und Kräfte bündeln. Statt vieler kleiner Einheiten, die versuchen, überall das gesamte kirchliche Angebot vorzuhalten, sollen Gemeinden in einer Region zusammenarbeiten und unterschiedliche Schwerpunkte entwickeln. 

Theologisch knüpft das Konzept an den Reformprozess "Profil und Konzentration" der Landeskirche an. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Menschen heute einen einfachen Zugang zur Liebe Gottes finden können. Unter dem Leitwort "Christus – Miteinander – Leben" wird betont, dass Kirche geistlich im Aufbruch bleiben müsse. Statt Konkurrenz und Einzelkämpfertum soll Zusammenarbeit im Vordergrund stehen. Teamarbeit gilt als Gebot der Stunde.

"Priestertum aller Getauften"

Ein wichtiger Gedanke ist dabei das "Priestertum aller Getauften". Hauptberufliche sollen nicht länger als Gegenüber der Gemeinde verstanden werden, sondern als Teil der Gemeinschaft. Ihre Aufgabe sei es, Ehrenamtliche zu fördern und Begabungen sichtbar zu machen. Die Vision lautet: weg von der "gut betreuten Gemeinde" hin zu einer selbstverantwortlichen Gemeinschaft mit neuen Ideen und Initiativen.

Auch bei Gottesdiensten und Kasualien sollen neue Wege entstehen. Statt möglichst vieler Gottesdienste an möglichst vielen Orten setzen die Konzepte auf Qualität und Vielfalt. Familiengottesdienste, Taizé-Andachten, Lobpreisformate oder thematische Gottesdienste sollen regional besser koordiniert werden. Nicht jede Pfarrperson müsse alles machen – vielmehr könnten sich Hauptberufliche nach ihren Gaben spezialisieren, etwa auf Familienarbeit, Seelsorge, Jugend oder Schule.

Die Befürworter sehen darin Chancen. Kleinere Gemeinden müssten künftig nicht mehr überall "Vollversorger" sein. Stattdessen könnten unterschiedliche Profile entstehen – etwa Familienkirchen, Diakoniekirchen oder neue Formen wie "Kirche Kunterbunt", Pop-up-Kirchen oder neu-monastische Gemeinschaften. Das Nebeneinander verschiedener Angebote soll zu einem "Miteinander in Vielfalt" werden.

Als Beispiele werden bereits laufende Entwicklungen in anderen Regionen genannt. Im Dekanat Pforzheim wurde beschlossen, alle bisherigen Kirchengemeinden aufzulösen und die Arbeit konsequent nach Themenfeldern zu organisieren – etwa Kinder und Familien, Jugendarbeit, Kasualien oder Diakonie. Im Kirchenbezirk Konstanz wird die Regionalgemeinde dagegen als "Lichternetz" beschrieben: ein Verbund aus Parochialgemeinden, besonderen spirituellen Orten und neuen kirchlichen Ausdrucksformen.

Das evangelische Pfarrhaus: "Kulturgut seit Luthers Zeiten"

Gleichzeitig bleibt das Modell umstritten. Kritiker befürchten den Verlust örtlicher Identität und eine weitere Entfremdung vieler Gemeindeglieder von ihrer Kirche. Die Sorge: Wenn Verwaltung, Entscheidungen und Verantwortung immer stärker auf regionale Ebenen verlagert werden, könnten gerade kleinere Gemeinden an Bedeutung verlieren. 

Ein grundsätzliches Umdenken fordert deshalb der Gemeindebund Bayern, ein Netzwerk von 140 evangelischen Kirchengemeinden in Bayern. Statt immer neuer Reformprozesse brauche es einen grundlegenden Neuanfang mit der zentralen Frage: Was muss die Kirche unbedingt bewahren, wenn ihre Spielräume kleiner werden?

Der Gemeindebund verfolgt den konservativen Ansatz einer "Gemeindekirche": Kirche müsse sich wieder stärker auf persönliche Beziehungen und die Nähe zu den Menschen konzentrieren, heißt es in einem Papier vom April 2026. Theologisch wird dies damit begründet, dass sich Kirche vor allem in der Ortsgemeinde konstituiere – dort, wo Wort und Sakrament gefeiert werden, wo Taufstein und Altar stehen. Andere kirchliche Ebenen und Organisationsformen hätten zwar ihre Bedeutung, müssten aber eine dienende Funktion für die Gemeinden übernehmen. Eine stärkere Zentralisierung von Macht widerspreche hingegen dem protestantischen Kirchenverständnis.

Gemeindebund warnt vor einer Erosion des Ehrenamts

Der Verband fordert deshalb, dass Ortsgemeinden so weit wie möglich erhalten bleiben und ihre Größe überschaubar bleibt. Eine Gemeinde mit bis zu 8500 Mitgliedern könne keine funktionierende geistliche Heimat mehr bieten, heißt es dort. Kooperationen oder Zusammenschlüsse von Gemeinden sollten deshalb freiwillig erfolgen und von den jeweiligen Kirchenvorständen entschieden werden. "Region entsteht dort, wo Zusammenarbeit überzeugt – nicht dort, wo sie verordnet wird", heißt es in dem Konzept. Eine begleitende Onlinepetition haben aktuell über 2300 Menschen unterschrieben.

Der Gemeindebund warnt vor einer Erosion des Ehrenamts. In überschaubaren Ortsgemeinden seien Menschen eher bereit, Verantwortung zu übernehmen und sich langfristig einzubringen, sagt Gerhard Schoenauer, erster Vorsitzender des Gemeindebunds. Große Regionalgemeinden hingegen erschwerten Identifikation und Engagement. 

Im finanziellen Bereich fordert der Gemeindebund eine deutliche Verlagerung von Kompetenzen auf die Gemeindeebene. Finanz-, Bau- und Personalhoheit müssten stärker bei den Ortsgemeinden angesiedelt werden. Entsprechend solle auch ein wesentlich größerer Anteil der Kirchensteuermittel direkt an die Gemeinden zurückfließen.

"Ortsgemeinden stärken! – Missionieren statt Resignieren!"

Insgesamt versteht sich das Konzept als "Reformbewegung von unten". Die bisherigen Reformbemühungen der Landeskirche würden vielfach von oben verordnet, ohne die Pfarrerinnen und Pfarrer sowie die Gemeinden ausreichend einzubinden, so der Vorwurf. Die Nähe zu den Menschen aber sei für eine zukunftsfähige Kirche unverzichtbar. Forschungsergebnisse zeigten, dass die Bindung an die Kirche maßgeblich davon abhänge, ob Menschen in ihrer Ortsgemeinde eine geistliche Heimat fänden.

Auch in einzelnen Gemeinden regt sich Widerstand. Unter dem Titel "Ortsgemeinden stärken! – Missionieren statt Resignieren!" wenden sich mehrere Kirchenvorstände an die Kirchenleitung. Initiiert wurde das Schreiben vom Kirchenvorstand in Erkersreuth. Damit wolle man den "Wahnsinn der Regionalgemeinden stoppen", begründet der Erkersreuther Pfarrer Jürgen Henkel die Eingabe. Der Protest wendet sich auch gegen den drohenden Verkauf von Kirchen, kirchlichen Gebäuden und Pfarrhäusern. Das "evangelische Pfarrhaus" sei seit Martin Luthers Zeiten ein Kulturgut, das für eine Präsenz der Kirche in der Öffentlichkeit sorge, heißt es.

Mit Sorge nehmen die Kirchenvorstände auch Überlegungen wahr, den Kirchengemeinden den Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts zu entziehen, wie es in der pfälzischen Landeskirche bereits erfolgt sei. Dies wäre "ein massiver Eingriff" und würde die Gemeinden "zu Außenstellen bzw. Filialen des Landeskirchenamts degradieren". In wenigen Jahren solle abgeschafft werden, "was Generationen von Gläubigen vorher vor Ort mühevoll aufgebaut haben".

Verlust der gelebten Gemeinschaft?

In dieselbe Kerbe schlug ein vielbeachteter Kommentar von Reinhard Bingener in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 20. April. Der Kirchenexperte der Zeitung plädierte dafür, das sogenannte "Kirchturmdenken" – also die starke Orientierung an der Ortsgemeinde – nicht aufzugeben, sondern bewusst zu stärken. Ein zentraler Gedanke des Kommentars ist kaum zu bestreiten: Menschen engagieren sich dort, wo sie sich zugehörig fühlen. Die lokale Gemeinde ist für viele der Ort, an dem Glaube konkret wird – persönlich, greifbar und sozial eingebettet. Und tatsächlich sind lebendige Gemeinden selten das Ergebnis zentraler Planung. Eine Kirche, die sich zu stark über Verwaltungslogiken definiert, läuft Gefahr, genau das zu verlieren, was sie trägt: gelebte Gemeinschaft.

Doch die Idealisierung der Ortsgemeinde allein wird den Abwärtstrend nicht aufhalten. Auch ländliche Gemeinden verzeichnen sinkende Gottesdienstzahlen, nachlassendes Engagement, und haben Probleme, ihre Gremien zu besetzen. Eine entscheidende Frage lautet daher: Was passiert mit Gemeinden, die sich nicht mehr selbst tragen können?

Bei näherem Hinsehen hat die kritisierte Regionalisierung nur wenig mit Macht oder zentralisierter Bürokratie zu tun, sondern ist der notwendige Schritt, auf reale Engpässe zu reagieren: Absehbar weniger Pfarrerinnen und Pfarrer können effizienter eingesetzt werden, die Verwaltung kann professionalisiert und Doppelstrukturen können reduziert werden. Die Gegenüberstellung von "Kirchturmdenken" und "Zentralisierung" greift letztlich zu kurz. Zukunftsfähig erscheint eher ein gemischtes Modell.

Aus der Not eine Tugend machen

"Der Kirche vor Ort und in der Region sollte mehr denn je eine unterschiedliche Entwicklung ermöglicht werden", sagt Organisationsberater Steffen Bauer. "Die Menschen sollen in ihren doch sehr unterschiedlichen Sozialräumen selbst geistlich-theologisch überlegen, wie sie den Auftrag von Kirche in dieser Zeit erfüllen." Für Bauer ist jedoch entscheidend, dass die Gemeinden von Verwaltungsarbeit entlastet werden, um stärker geistlich wirken zu können. Man könne es sich bald schlichtweg nicht mehr leisten, flächendeckend hauptamtliches Personal vorzuhalten. 

Die Evangelischen im Bamberger Stadtteil Gaustadt ziehen daraus eine radikale Konsequenz: Sie werden eine Ehrenamtsgemeinde. Schritt für Schritt buchstabieren sie durch, was es bedeutet, Priestertum aller Getauften zu leben. Alle Gruppen und Kreise werden von Ehrenamtlichen geleitet. Wie das gehen soll ohne Theologen? Der große evangelische Theologe Karl Barth (1886-1968) gab darauf die Antwort: "Es gibt in der Kirche grundsätzlich keine Nicht-Theologen".

Aus der Not könnte eine Tugend werden. Vielleicht wird zum ersten Mal seit der Reformation der Gedanke des Priestertums aller Gläubigen flächendeckend verwirklicht – gelebt durch Ehrenamtliche, die die Erzählung von Gott, Glaube und Kirche weitertragen.

Kirche im Wandel – Gemeinde kreativ

In unserer neuen Serie zeigen wir wie Gemeinden mit Mut, Fantasie und Glauben neue Wege gehen.

Ob ungewöhnliche Gottesdienstformen, soziale Projekte oder digitale Experimente – wir  erzählen die Geschichten derjenigen, die Kirche vor Ort neu denken.

Jeden Woche erscheint eine neue Folge im Premium-Bereich, die inspiriert, ermutigt und Lust macht, weiterzulesen.