Der Münchner Theologieprofessor Reiner Anselm fordert von den Kirchen mehr vermittelndes Agieren zwischen den politischen Lagern. Mit Blick auf die Radikalisierung der AfD müsse sich die Kirche zwar "klar dagegen positionieren", sagte Anselm in einem epd-Interview. "Mir fehlt aber, dass man neben dieser Abgrenzung zu Parteipositionen den Motiven nachgeht, aus denen heraus Menschen AfD wählen", ergänzte er. Anselm hat an der Ludwig-Maximilians-Universität München den Lehrstuhl für Systematische Theologie inne.

"Nicht jeder, der sagt, er wolle nicht, dass sich sein gewohntes kulturelles Umfeld maßgeblich verändert, ist gleich Faschist oder Nazi", sagte Anselm, der zum wissenschaftlichen Netzwerk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gehört und Grundsatzpositionen zum Verhältnis zwischen Kirche und Politik mit erarbeitete. Auf solche Gefühle, die sich in Wahlentscheidungen manifestierten, müsse die Kirche stärker eingehen. Mit der Abgrenzung zur AfD insbesondere vor der Wahl in Sachsen-Anhalt sieht der evangelische Theologe auch die Kirchen in gewisser Weise als Wahlverlierer: "Auch wenn sie nicht zur Wahl standen, stehen sie auf der Seite der Wahlverlierer."

Politische Antwort der Kirchen für viele inzwischen "Zumutung"

Anselm erklärte, die Kirche nehme zwar die Sorgen der Menschen ernst, "meint aber, diese Sorgen entkräften zu können, indem sie eine politische Antwort darauf formuliert, nämlich weiter auf dem gesellschaftlichen Modernisierungskurs voranzuschreiten". Diese Antwort empfänden viele mittlerweile als Zumutung oder Überforderung. Als Beispiel verwies er auf die Themen Migration und Klimaschutz. "Es ist richtig, Benzin und fossile Energien zu verteuern", sagte er. Aber das produziere Verlierer, gerade unter den schlechter Verdienenden, die zugleich einen geringeren ökologischen Fußabdruck hätten.

Der Theologieprofessor riet zu Vermittlung und von Moralisierung ab. "Manche sind sehr schnell von der biblischen Botschaft bei irgendeinem Klimaschutzprogramm, vielleicht ist die Sache aber komplizierter", sagte Anselm. "Die Kirche sollte die Äquidistanz zu allen politischen Positionierungen wahren. Der Protestantismus hat keine Partei", sagte er.

Aus diesem Prinzip heraus kann sich Anselm auch eine Zusammenarbeit der Kirchen mit einer AfD-geführten Landesregierung vorstellen. Eine demokratisch gewählte Regierung sei anzuerkennen. "Und ja, ich glaube, dass eine konstruktive Zusammenarbeit auch mit einer AfD-geführten Regierung möglich ist", sagte er. Diese Bereitschaft ende aber dort, wo eine Regierung nicht bereit sei, Rechtstreue durchzusetzen.