Die öffentliche Distanzierung des Präsidiums der Evangelischen Hochschule Nürnberg (EVHN) von Äußerungen des Theologen Ralf Frisch in einem Interview hat eine Debatte über Meinungsfreiheit, wissenschaftlichen Diskurs und das Selbstverständnis einer evangelischen Hochschule ausgelöst.
In einem Offenen Brief kritisieren 32 Studierende die Stellungnahme des Präsidiums und sehen einen Widerspruch zwischen dem Anspruch der EVHN, "offen, diskursiv und wissenschaftlich" zu sein, und der öffentlichen Abgrenzung von einem Hochschullehrer.
Wir dokumentieren den Offenen Brief der Studierenden sowie die Stellungnahme des Präsidiums im Wortlaut.
Offener Brief von Studierenden der Evangelischen Hochschule Nürnberg (EVHN) an das Präsidium der Hochschule
Sehr geehrtes Präsidium der EVHN unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Popp,
mit großer Verwunderung haben wir Ihr öffentliches Statement zu den Äußerungen von Professor Dr. Ralf Frisch zur Kenntnis genommen.
In unserem Brief geht es uns ausdrücklich nicht darum, die inhaltlichen Positionen von Herrn Frisch unkritisch zu übernehmen oder zu verteidigen. Über seine theologischen Einschätzungen kann und soll gestritten werden. Uns geht es vielmehr um die Frage, wie das Präsidium der EVHN die selbst formulierten Werte von Offenheit, Diversität und Diskurs gerade dann versteht und lebt, wenn Positionen provozieren, irritieren oder Widerspruch hervorrufen.
Uns irritierte, auf welche Art und Weise Sie öffentlich auf Distanz gegangen sind.
In ihrem Statement schreiben Sie:
"Eine offene, demokratische Gesellschaft und eben auch eine demokratisch verfasste Kirche lebt vom Diskurs. Das bedeutet, andere Meinungen auszuhalten und die Vielfalt der Stimmen."
Und an anderer Stelle wird das Profil der Hochschule mit den Worten beschrieben:
"offen. diskursiv. wissenschaftlich."
Genau hier entsteht für uns ein Widerspruch.
Denn die Position von Prof. Dr. Ralf Frisch ist eine Stimme innerhalb jener Vielfalt von Meinungen, die nach eigenem Verständnis des Präsidiums auszuhalten und in den Diskurs einzubringen sind. Wenn die EVHN an ihrem Profil "offen. diskursiv. wissenschaftlich." festhalten möchte, dann muss sie gerade auch unbequeme, provokante und kirchenkritische Stimmen einschließen.
Besonders irritiert uns die Betonung, Herr Frisch habe seine Positionen nicht im Namen der Hochschule vertreten. Dass Professorinnen und Professoren in Büchern, Interviews, Fachartikeln oder Kolumnen zunächst als eigenständige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sprechen, versteht sich aus unserer Sicht von selbst. Zahlreiche Lehrende veröffentlichen Bücher, halten Vorträge oder äußern sich öffentlich zu fachlichen Themen. Daraus ergibt sich für uns nicht automatisch die Annahme, dass jede dort vertretene Position die offizielle Haltung der Hochschule darstellt.
Warum war es also in diesem Fall notwendig, dies öffentlich hervorzuheben?
Als Studierende erleben wir Hochschule nicht als einen Ort, an dem Einigkeit herrschen muss, sondern als einen Ort, an dem unterschiedliche Positionen aufeinandertreffen, geprüft und diskutiert werden. Viele von uns haben Professor Frisch gerade als jemanden kennengelernt, der Diskussionen anregt, Widerspruch zulässt und dazu auffordert, die eigenen Überzeugungen kritisch zu hinterfragen.
Man muss seine Positionen nicht teilen, um anzuerkennen, dass kontroverse Stimmen Teil wissenschaftlicher und theologischer Debatten sind.
Deshalb bedauern wir, dass durch Ihre Stellungnahme der Eindruck entstehen könnte, als habe Herr Frisch durch seine Äußerungen grundlegende Werte der Hochschule verletzt.
Darüber hinaus halten wir die öffentliche Form der Stellungnahme für problematisch, weil sie weit über eine bloße Klarstellung institutioneller Zuständigkeiten hinausgeht. Sie hat zwangsläufig Auswirkungen auf die öffentliche Wahrnehmung der Person von Prof. Dr. Ralf Frisch und kann als erhebliche Schädigung des persönlichen und wissenschaftlichen Rufes eines Hochschullehrers verstanden werden. Gerade von einer wissenschaftlichen Hochschule hätten wir einen sensibleren Umgang mit den Folgen einer solchen öffentlichen Stellungnahme erwartet.
Eine solche Botschaft erscheint uns weder dem Anspruch einer wissenschaftlichen Hochschule noch dem evangelischen Verständnis von Streitkultur angemessen.
Die evangelische Tradition lebt von Menschen, die unbequeme Fragen stellen, Widerspruch wagen und bestehende Gewissheiten herausfordern. Eine Hochschule, die sich als offen, diskursiv und wissenschaftlich versteht, sollte genau diese Form der Auseinandersetzung nicht nur aushalten oder zulassen, sondern aktiv fördern.
Aus unserer Sicht steht dabei nicht nur der Ruf eines einzelnen Hochschullehrers auf dem Spiel. Ihre öffentliche Stellungnahme wirft auch Fragen nach dem Selbstverständnis und der Glaubwürdigkeit der EVHN auf. Wenn der Eindruck entsteht, dass kontroverse, aber legitim vertretene wissenschaftliche oder theologische Positionen bei größerer öffentlicher Aufmerksamkeit institutionell zurückgewiesen werden, beschädigt dies langfristig die Wahrnehmung der Hochschule als Ort freier wissenschaftlicher und theologischer Debatte. Eine Hochschule, die Offenheit und Diskurs zu ihren zentralen Werten erklärt, sollte besonders darauf achten, nicht selbst Zweifel an der Ernsthaftigkeit dieses Anspruchs entstehen zu lassen.
Wir wünschen uns daher eine öffentliche Klarstellung, wie das Präsidium der EVHN ihr Bekenntnis zu Offenheit, Diversität und Diskurs in diesem Zusammenhang versteht. Darüber hinaus würden wir uns wünschen, dass deutlich wird, dass kontroverse theologische Positionen allein noch keinen Anlass für eine öffentliche Distanzierung darstellen und dass auch unbequeme Stimmen ihren Platz an einer evangelischen Hochschule haben.
Außerdem bitten wir um eine Stellungnahme zu folgenden Fragen:
- Worin besteht die von Ihnen betonte Diversität, wenn bestimmte theologische Positionen zwar geduldet, bei öffentlicher Sichtbarkeit jedoch ausdrücklich von der Institution abgegrenzt werden?
- Welches Signal wird damit an Studierende und Lehrende gesendet, die bewusst unbequeme Fragen stellen oder etablierte Positionen kritisch hinterfragen?
- Wie passt eine öffentlich distanzierte Stellungnahme zu dem Anspruch, andere Meinungen auszuhalten und Vielfalt der Stimmen zu fördern?
- Was genau wollten Sie mit ihrem Statement erreichen?
- Wie verstehen Sie als Präsidium den evangelischen Auftrag im Spannungsfeld von kirchlicher Verbundenheit, theologischer Freiheit und kritischer Auseinandersetzung mit Kirche und Glauben?
Wir freuen uns über eine Beantwortung unserer Fragen und einen offenen Austausch zu diesen Themen.
Mit freundlichen Grüßen
Akcay, Elif
Anton, Antonia
Baumann, Moritz
Blum, Nadia
Brandts, Maximilian
Bürkel, Daniel
Büchs, Vinzenz
Frank, Anna
Gebhard, Anja
Geih, Silas
Grötsch, Celina
Hagspiel, Melanie
Hédiard, Léo
Hempfling, Eileen
Joseph, Noah
Kick, Johannes
Kia, Saghar
Markert, Fabian
Mendalen, Phillip
Naji, Makeda
Pohl, Nora
Pohl, Samuel
Popp, Selina
Ruhland, Wiebke
Sälzer, Ronja
Schütze, Julia
Sedlmeier, Bastian
Steinke, Rebekka
Türke, Mika
Welker, Corina-Juliane
Wierny, Florian
Ziegenaus, Sabrina
Öffentliche Stellungnahme des Präsidiums der Evangelischen Hochschule Nürnberg (EVHN) zu einem Interview von Prof. Ralf Frisch
Ralf Frischs Ausführungen (epd Bayern Mobil Nr. 099 vom 29.05.2026: "Für Ralf Frisch gehört Kritik an der Kirche zu seinem Jobprofil") könnten den Eindruck erwecken, er würde im Auftrag der Evangelischen Hochschule Nürnberg (EVHN) Stellung beziehen, weil das zu seinem "Jobprofil" gehört. Dem ist nicht so. Er legt in seinen Beiträgen und Kolumnen seine persönliche Position dar, schreibt sie also nicht im Auftrag der EVHN. Er ist an ihr für angewandte wissenschaftliche Lehre und Forschung beschäftigt mit entsprechender Wissenschaftskommunikation.
Ralf Frischs theologische Position ist keineswegs repräsentativ für die an der EVHN gelehrte Theologie. Die EVHN steht für Diversität. Die EVHN-Theologie gibt es nicht, vielmehr "fresh expressions” von Theologie – entsprechend unserem Profil: offen. diskursiv. wissenschaftlich.
Das bedeutet auch: keine pauschalierenden Diffamierungen (wie zum Beispiel die Unterstellung von Gottvergessenheit in andersdenkenden kirchlichen Kontexten) und kein generelles "entweder-oder" (wie zum Beispiel Humanität versus Bekenntnis). Vielmehr versteht die EVHN ihre theologische Aufgabe darin, durch kreative Korrelationen zu einer menschenfreundlichen Kirche und Gesellschaft beizutragen.
Eine offene, demokratische Gesellschaft und eben auch eine demokratisch verfasste Kirche lebt vom Diskurs. Das bedeutet, andere Meinungen auszuhalten und die Vielfalt der Stimmen wertzuschätzen.
Für das Präsidium der EVHN,
Prof. Dr. Thomas Popp, Präsident der Evangelischen Hochschule Nürnberg (EVHN)
Nürnberg, 10. Juni 2026