Neulich Nacht hatte ich eine Erscheinung, von der ich wusste, dass sie mein Leben verändern würde.
Ein menschliches Rühren nötigte mich ins Badezimmer. Sitzend und brütend erblickte ich mich auf einmal unversehens im Spiegel. Erst dachte ich angesichts der zerknitterten haupthaar- und brillenlosen Vision meiner bleichen oberen Gesichtshälfte, ein Zombie starre mich an. Dann dämmerte mir, dass das, was ich schemenhaft sah, eigentlich eher einem Neugeborenen glich. "Das pure, durch keinerlei Blessuren des Lebens getrübte Kindchenschema", dachte ich mit vor Überraschung weit aufgerissenen kurzsichtigen Augen. "Die reine Unschuld!"
In diesem Augenblick wurde mir, als habe der Engel des Herrn meinen Geist und meine Seele berührt. "Wer so aussieht", schoss es mir durch den offenbarungserleuchteten Kopf, "ist zu nichts Geringerem als zum Katzenkalenderliteraten geboren und berufen."
Zwar hütete ich mich davor, auf dem gefliesten Badezimmerboden in die Knie zu gehen. Das hätte zu sehr weh getan. Aber es fühlte sich auch ohne Kniefall nach einer Bekehrung an. "Ich gelobe", sagte ich in die Stille des gleichnamigen Örtchens hinein, "künftig nur noch Wonnigstes, um nicht zu sagen Kuschligstes zu schreiben." Und ich erinnerte mich reumütig und gesenkten Hauptes, wie oft und unverzeihlich ich mich in der Vergangenheit über die Verstofftierung Gottes in der Theologie und in der Kirche meiner Gegenwart lustig gemacht und echauffiert hatte.
Ein Kollege schrieb mir vor wenigen Monaten, ich tue mit meiner schroffen Kritik dem Stofftier, insbesondere dem Teddybären unrecht. Gott müsse unter allen Umständen ein solches Stofftier sein, um in einer gnadenlosen Welt wirklich als Gott ernstgenommen werden zu können. Denn was hätte diese Welt der unausrottbaren Erniedrigungen nötiger als ein niedliches Stofftier! Wenn alle Mühseligen und Beladenen, alle Geknickten und Verhärteten, alle Selbstgerechten und Schamlosen, alle Verhärmten und Brutalen, alle Täter und alle Opfer den Mut hätten, und sei es heimlich, ein Stofftier an ihr Herz zu drücken, dann wäre die Welt vielleicht zu retten. — Wie recht er hatte!
Von Katzenkalendern und Godbären
In die Horizontale des Schlafzimmers zurückgekehrt griff ich sogleich zum Smartphone, das ich bekanntlich auch des Nachts immer griffbereit habe, und googelte "Biblische Katzenkalender". Mein Herz hüpfte. Als ich die drolligen Fotos sah und die sanftmütigen Bibelverse las, wusste ich, dass ich das für mich maßgeschneiderte Milieu meines künftigen theologischen Engagements gefunden hatte. Lebte ich im christlichen Mittelalter, dachte ich mir, würde ich Raffaele al Fresco, Meister vom Stofftierkalender genannt werden.
Aufgekratzt vor Beglückung und von Vorfreude überströmend tat ich in ebenjener Nacht kein Auge mehr zu. Großartige visionäre Bilder fluteten meine Phantasie. Meine theologische Vorstellung galoppierte weit über den ursprünglichen Katzenkalendereinfall hinaus. Vor meinem inneren Auge sah ich Pfarrerinnen und Pfarrer und Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher am Eingang jedes Gottesdienstes kleine Teddybären an ihre Gemeinde verteilen. "Wenn man auf den God-Button auf dem Bäuchlein der Bärchen drückt", hörte ich meine Brüder und Schwestern im Herrn sagen, "beginnen die Godbären goldig, wohlig, tröstlich und zutiefst evangeliumsgemäß zu brummen statt schnarrend enervierende Buzzwords von sich zu geben. Nehmen Sie sie während der Predigt also ruhig, ja seelenruhig in den Arm. Drücken Sie die Bärchen zärtlich und fest an sich. Werden Sie wie die Kinder!"
Ich stellte mir Predigthilfen vor, in welchen ausgefuchste, zu "Furries" gewordene Exegeten erklären, wie Jesaja 66,13 wirklich zu verstehen sei, wenn auch wahrscheinlich bisher kein Archäologe aus dem Boden des alten Israel ein Stofftier zu Tage gefördert hat. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Im Buch Tritojesaja, so meine imaginären exegetischen Anwälte stofftiergestützter theologischer Therapie, heiße es nämlich nicht etwa: "Ich will euch trösten, wie euch eine Mutter tröstet." Die korrekte Übersetzung laute vielmehr: "Ich will euch trösten, wie euch ein Stofftier tröstet."
Just dieser Vers wäre, dachte ich dann, auch eine wunderbare immerwährende Jahreslosung, die wie die Faust oder eben wie ein Teddybär aufs Auge einer außer Rand und Band geratenen Welt passen und diese Welt vielleicht noch einmal mit einem blauen Auge davonkommen lassen würde. Wer, wenn nicht ein Stoffeisbärchen, könnte in Zeiten der Polarisierung für die so bitter nötige Wärme und in Zeiten des meteorologischen Klimawandels zugleich für die ebenso bitter nötige Kühle sorgen! Wer, wenn nicht ein Stofftiergott, könnte einer moralisch scharfgestellten, barbarisch verkommenen und metaphysisch untröstlichen Menschheit in gottesvergessener Zeit wirklich Trost spenden!
Womöglich also hat die Verwandlung von Theologie in Anthropologie ihre beste Zeit hinter sich, während die Zeit der Theriomorphie, genauer gesagt die Zeit der großen oder kleinen, mitnichten allein dem chinesischen Kalender vorbehaltenen Bären erst anzubrechen beginnt!
Plötzlich sah ich wieder die Studentin vor mir, die vor einigen Monaten im Ethikseminar ein Referat über Tierversuche hielt und dabei von unkontrollierbaren Weinkrämpfen geschüttelt wurde. Ich war damals so angerührt, dass ich beinahe selbst geheult hätte. Wenn wir in der Lage wären, dachte ich zunehmend schlafloser in meinem Bett, nicht nur selbst wie die Kinder zu werden, sondern sogar unsere unwürdigsten und erbärmlichsten Mit- und Gegenmenschen als Tierbabys und Unschuldslämmchen zu sehen, dann wäre die Menschheit vielleicht tatsächlich zu retten. "Liebe deinen Nächsten wie", stammelte ich beinahe schluchzend in mein Kopfkissen, "deinen Teddybären!" Dann wäre, hörte ich mich murmeln, endlich alles gut.
Stofftiere als Lösung
Als der Krieg gegen den IS begann, sagte ein pazifistischer Student in einer Vorlesung, man solle besser nicht bis an die Zähne bewaffnete Bodentruppen, sondern Clowns in die Krisenregion entsenden. Seinerzeit hielt ich das für unfassbar blauäugig und obendrein für politisch fahrlässigen, unverantwortlichen Kitsch. Dank meiner nächtlichen Eingebung wusste ich es nun freilich besser. Mir ging das unauslöschliche Licht auf, dass der einzige Weg zum Frieden darin bestand, unzählige Geschwader von Flugzeugen über Kriegsgebieten Unmengen von Stoffbären abwerfen zu lassen. Damit ein solcher Luftangriff wirklich zu einem Akt christlicher Nächstenliebe würde, müssten es natürlich Godbärchen sein. In ihre Kunstfellbäuche sollte in goldener Schrift "God loves you" eingestickt sein. Nicht Problembären also. Und schon gar keine trojanischen Pferde oder Wölfe im Schafspelz. Sondern Bären als Lösung für eine Welt in Unordnung.
Und genau diese Bären, dachte ich, wären ja vielleicht auch die Lösung für viele, wenn nicht sogar alle Probleme unserer Gegenwartskirche. Ich will keine Schleichwerbung machen, aber was spräche dagegen, wenn man die evangelische Kirche zur Bärenmarke machen würde und wenn just darin ihr theologisches Alleinstellungsmerkmal bestünde? Ganz gewiss jedenfalls würde diese Bärenmarkenkirche im sanftmütigstmöglichen Sturm die Herzen all derjenigen erobern, denen sie das Herz gebrochen hat. Mir war in dieser allesverändernden Nacht zwar nicht ganz klar, ob sämtliche kirchliche Leitungspersönlichkeiten künftig grundsätzlich nur noch mit Stofftieren abgebildet werden und in Erscheinung treten sollten. Aber in mir erhärtete sich die stofffelsenfeste Gewissheit, dass einzig eine derartige Charmeoffensive das Zeug hätte, einer mitunter wenig charmanten Welt den Weg in eine bärige, das Heil der Kirche und das Heil aller armen und reichen Seelen sichernde Zukunft zu ebnen.
"Gott ist nicht tot", dachte ich, kurz bevor ich in den Morgenstunden dieser aufwühlenden Nacht selig in den Schlaf sank. "Nein. Gott ist ganz gewiss nicht tot."
Noch hatte ich keinen Teddy zur Hand und zur Brust, aber ich wusste, als ich auf meinem Handy die zahllosen Tierfotofenster schloss, worin die erste Anschaffung des neuen Tages bestehen würde.
Ralf Frisch: "Mehr Opium fürs Volk"
Ob es um ganz alltägliche Dinge wie das Smartphone neben dem Kopfkissen oder um existenzielle Themen wie Schuld und Vergebung geht, ob er nach der Bedeutung von Christi Himmelfahrt oder nach dem spirituellen Gehalt von Christbaumleichen fragt: Ralf Frisch findet in seinen Kolumnen immer einen originellen Zugriff auf das Thema und eröffnet so neue, manchmal völlig unerwartete Perspektiven. Mit bissigem Humor und spitzer Feder hält er unserer Zeit den Spiegel vor, ganz in der Tradition des "weisen Narren". Seit 12. März 2026 erhältlich.