Tobias Zeeb ist der neue evangelische Verbindungsmann: Am 1. Juni tritt er sein Amt als Beauftragter der bayerischen Landeskirche für die Beziehungen zur Politik an. Zeeb ist 1989 in Tübingen geboren und seit 2022 Pfarrer in Bayern.

Zuletzt war er in Neugablonz (Kaufbeuren) tätig, wo er am 24. Mai in einem Gottesdienst verabschiedet wird. In seiner neuen Funktion in München vertritt er künftig die Kirchenleitung bei den Beziehungen zum Landtag, zur Staatsregierung, zum Bundestag, zur Bundesregierung und bei Europafragen.

Zeeb folgt Dieter Breit, der das Amt 23 Jahre lang innehatte und vergangenes Jahr in den Ruhestand ging.

"In der neuen Aufgabe sind auch pfarramtliche Aufgaben drin"

Herr Zeeb, bedauern Sie es, den Gemeindepfarrer in Neugablonz hinter sich zu lassen?

Tobias Zeeb: Ich würde nicht sagen, dass ich das Pfarrersein ruhen lasse. In der neuen Aufgabe sind auch pfarramtliche Aufgaben drin - Seelsorge, Gottesdienste, theologisches Nachdenken. Zugleich werde ich Dinge vermissen, etwa den Schulunterricht, den Austausch mit jungen Menschen. Die Kinder in der Grundschule haben eine wahnsinnige Offenheit, über religiöse Themen zu reden. Sie erzählen von selbst. Da passiert viel Beziehung.

Welche Erkenntnisse aus der Schule nehmen Sie mit?

Ich habe gelernt, Positionen zu präzisieren, damit mich die Kinder verstehen. Sie geben sehr direktes Feedback - sie merken, wenn ich etwas erzähle, wo ich nicht dahinterstehe, und sagen dann, der redet Quatsch. Religionsunterricht wird auch ein Thema mit der Politik bleiben. Die Kinder lernen dort, mit einer Haltung und einer religiösen Kompetenz durchs Leben zu gehen.

"Ich war immer ein politischer Mensch"

Was hat Sie motiviert, sich zum Politikbeauftragten berufen zu lassen?

Ich war immer ein politischer Mensch und bin in einem Umfeld sozialisiert, wo viel diskutiert wurde. Im Studium war für mich politische Ethik wichtig. Ich saß im Kirchenvorstand - auch eine kleine Form von Politik - und habe für den Gemeinderat kandidiert. Es hat mich immer angezogen, mühselige Entscheidungsprozesse mitzumachen - und auch, sie aus diplomatischer Perspektive anzugucken: Wo kann man sich entgegenkommen, um eine Lösung zu erreichen? Mich interessiert weniger, eigene Positionen durchzusetzen, als zu schauen, wie man gute Kompromisse findet. Die evangelische Stimme möchte ich bei relevanten Themen einbringen.

Das klingt versöhnlich. Wollen Sie sich auch streitbar machen?

Ich gehe natürlich mit einer Haltung rein. Im Gemeinwesen muss auch gestritten werden. Streit heißt aber anzuerkennen: Es gibt auf allen Seiten gute Argumente. Das Gemeinsame kann dabei die Basis sein, um das jeweils Eigene einzubringen. Das vorzubereiten und theologisch zu begründen, ist mein Job. Wir als Kirche bringen Gott und seine Perspektive auf uns Menschen ins Gespräch, als Grundorientierung.

Muss sich die religiöse Perspektive in der Öffentlichkeit heute neu rechtfertigen?

Auch was aus religiöser Perspektive richtig ist, ist strittig. Es gibt politisch nicht die eine Wahrheit, sondern auch die christliche Perspektive lebt davon, dass sie diskutiert wird. Unsere evangelische Tugend ist es, argumentativ zu unserer Haltung zu stehen, aber auch zu akzeptieren, dass sie hinterfragbar ist und es Kompromisse braucht. Ich muss den anderen erstmal verstehen. Allerdings erlebe ich auch, dass Leute Dinge so fundamental ablehnen, dass man kaum noch ins Gespräch zu kommt.

Über die AfD: "Da ist nicht viel gemeinsamer Boden"

Gibt es Menschen, mit denen Sie nicht mehr diskutieren - etwa bei der AfD?

Ja. Man muss Grenzen ziehen, wo man argumentativ nicht weiterkommt und wo die Regeln demokratischer Meinungsbildung infrage gestellt werden. Wie die AfD teils auf die verfassten Kirchen blickt, ist schon ein Statement. Da ist nicht viel gemeinsamer Boden. Gefährlich ist, wenn Sprech- und damit Denkweisen geprägt werden - "Kirchensteuerkirchen" oder "Altparteien" etwa -, die andere pauschal abqualifizieren. Ich muss dabei aber auch immer sehen, als was ich angefragt werde. Mit jemandem seelsorgerlich über seine Ängste zu sprechen, ist etwas anderes, als über Positionen zu reden, die wir aus guten Gründen ablehnen. Ethischer Universalismus ist für Kirche nicht verhandelbar.

Ethischer Universalismus heißt ...?

Wir teilen Menschen nicht in Gruppen ein. Jeder Mensch ist Geschöpf Gottes, mit gleichen Rechten und Pflichten. Daran bemisst sich für mich, ob ein Gespräch sinnvoll ist. Ich erlebe Gespräche, da werden Dinge so stark verdreht, dass bei mir der Eindruck entsteht: Wir bewegen uns nicht mehr in der gleichen Wirklichkeit. Manchmal ist man so weit voneinander weg, dass man sich nur noch anschreien kann, um sich noch zu hören. So ist kaum noch Verständigung möglich. Unser Gemeinwesen funktioniert allerdings nur, wenn wir zusammenarbeiten. Was nicht heißt, dass Widersprüche überkleistert werden sollen.

"Als Kirche sollten wir zeigen, dass wir ein genuines Interesse an der Demokratie haben"

Bei welchen politischen Themen wollen Sie konkret reingehen?

Zunächst steht für mich eine gründliche Einarbeitung in die Themen an, die gerade landespolitisch obenauf sind. Grundsätzlich schätze ich es so ein, dass Themen wie Asyl und Migration, Klima, Armut, Krieg und Frieden wichtig bleiben werden, auch die Stärkung der Demokratie - gemäß der landeskirchlichen Kampagne "Unser starkes Kreuz für die Demokratie". Als Kirche sollten wir zeigen, dass wir ein genuines Interesse an der Demokratie haben und sie aus theologischen und organisationslogischen Gründen stützen: Was wir als Kirche tun, funktioniert viel besser in einem freiheitlich-demokratischen Gemeinwesen.

Als Kirche haben wir einen breiten Zugang zu Menschen, die so unterschiedlich sind und sich trotzdem beim Abendmahl alle in einen Kreis stellen. Wir feiern gemeinsam Gottesdienst, um zu spüren: Wir alle sind in gleicher Weise aufgerufen, das "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" in die Tat umzusetzen.

Wie politisch soll Kirche sein - soll sie sich in Tagespolitik einmischen?

Kirche ist - und bleibt - eine wichtige Stimme in der Gesellschaft. Sie stellt immer wieder Handwerkszeug für ethische Orientierung zur Verfügung: etwa mit der neuen Friedensdenkschrift, aber auch durch Stellungnahmen zu konkreten Gesetzesvorhaben. Man sollte allerdings vorsichtig sein mit einer allzu direkten Ableitung von Handlungsanweisungen aus Gottes Willen. Dann bin ich dauerhaft darauf festgelegt. Da denke ich beispielsweise auch an das, was jüngst zum Iran-Krieg zu hören war. Dagegen steht für mich eine Haltung, die dem Doppelgebot der Liebe - "Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst" - folgt. So bleibe ich diskussionsfähig. Denn ich muss mich hier immer fragen: Was heißt das jetzt konkret? Für die praktische Arbeit sind mir nicht zuletzt zwei Grundlinien wichtig: Der Landesbischof vertritt die Kirche nach außen, ich bin in unterstützender Rolle tätig. Und: Die Linie der Kirche, die ich vertrete, wird auch innerkirchlich demokratisch gefunden.

"Unterschiedliche Meinungen aushalten"

Dieter Breit sprach von einem "abgekühlten Klima" zwischen Kirche und Politik - was machen Sie damit?

Für mich hängt das mit dem allgemeinen konfrontativen Klima zusammen. Ich möchte dazu beitragen, dass es sich nicht weiter abkühlt - aber auch nicht zu allem Ja und Amen sagen. Wir müssen zu einer Gesprächsatmosphäre kommen, wo wir unterschiedliche Meinungen aushalten. Die Kirche ist unabhängig, aber auch an Kooperation mit dem Staat interessiert. Diese Spannung gilt es zu halten. Kirche darf und muss, etwa zur Migrationspolitik, auch mal sagen: Es gibt noch andere Handlungsmöglichkeiten als Abschottung - was bedeutet das biblische Gebot "Du sollst den Fremden nicht bedrücken" heute?

Ist unsere Zeit für solche Zwischentöne geeignet?

Ich hoffe, dass in meinem neuen Job auch Zwischentöne funktionieren, wenn man statt auf sozialen Medien mal hinter verschlossenen Türen miteinander redet. Dort traut man sich Dinge auszusprechen. Man muss sich nicht gegenseitig angreifen, sondern kann nach legitimen Interessen auf allen Seiten fragen und danach, was eine gute Haltung von Kirche dazu sein könnte.