"Es ist vermutlich das letzte Gesangbuch, das wir machen", sagt Wolfgang Böhm, "ein spannender Prozess, denn das muss für die nächsten 30 Jahre passen." In der bayerischen Landeskirche ist Böhm zuständiger Kirchenrat für Gottesdienst und Kirchenmusik – und damit auch für die Erprobung des neuen Gesangbuchs zuständig.
Als das derzeit noch aktuelle Gesangbuch 1994 eingeführt wurde, war die Welt eine völlig andere. Nicht nur was die Mitgliederzahlen und die Kirchenfinanzen angeht, sondern vor allem im Blick auf Digitalisierung und ihre Folgen. Wie lässt sich ein neues Gesangbuch mit den Möglichkeiten von Apps und Internet verzahnen? Das ist für Wolfgang Böhm eine der zentralen Herausforderungen, vor allem aber auch Chance für das neue.
Der Kreis der Zeit – gegen den Uhrzeigersinn
Die Probebände – kartoniert und schlank – enthalten von den etwa 550 Liedern, die es am Ende sein sollen, nur 160. Allen, die ans bayerische Gesangbuch gewöhnt sind, dürfte beim Blick aufs Cover zuerst auffallen, dass kein Kreuz zu sehen ist. Dafür ein rechts oben offener Ring aus unterschiedlich gefärbten Segmenten: Rot und grün sind darunter – sind also die liturgischen Farben und das Kirchenjahr gemeint? Was die Agentur JoussenKarlicek aus dem württembergischen Schorndorf als Logo und für die innere Gliederung des neuen Gesangbuchs entwickelt hat, folgt einer anderen Logik. Sie kreist um das Thema (Lebens-)Zeit: Die drei Farbblöcke mit je zwei Rubriken sind "TagesZeit" und "JahresZeit" (blau), "FeierZeit" und "AlleZeit" (rot) sowie "LebensZeit" und "WeltZeit" (grün). Mit "TagesZeit" sind Lieder zum Tageslauf gemeint, Abend- oder Morgenlieder zum Beispiel; erst dann folgen thematisch nach dem Kirchenjahr geordnete Lieder, beginnend mit dem Advent.
Beides, das fehlende Kreuz ebenso wie diese Systematik, ist in den Erprobungsgemeinden nicht nur auf Zustimmung gestoßen. Dass nun nicht mehr das Kirchenjahr ganz am Anfang des Gesangbuchs stehen soll, irritiert beispielsweise den Münchner Kirchenmusiker Christoph Demmler (42). Demmler ist Kirchenmusikdirektor an der Münchner Christuskirche und vom neuen Gesangbuch durchaus angetan. Martin Luther, der die Musik liebte und zahlreiche Kirchenlieder dichtete, habe vor 500 Jahren begonnen, das Kirchenjahr (also den Advent) an den Anfang von kirchlichen Liedsammlungen zu stellen. "War diese 500-jährige Tradition wirklich so schlecht?", fragt er, wobei er, wie er betont, keineswegs gegen Neuerungen sei. Erstmals kommen künftig auch Gospelsongs oder eher im freikirchlichen Bereich verbreitete Lobpreislieder ins Gesangbuch.
Der Kreis des Lebens, der Kreis der Zeit (allerdings gegen den Uhrzeigersinn) strukturieren die Gestaltung des "neuen". Wer mit Gesangbuchverantwortlichen wie Wolfgang Böhm spricht, bekommt einen Eindruck davon, dass ein neues Gesangbuch für ein so vielfältiges Gebilde wie die evangelischen Kirchen in Deutschland und Österreich – einschließlich all ihrer unterschiedlichen Milieus und Frömmigkeitswelten von Süd bis Nord, zwischen Stadt und Land – gar nichts anderes sein kann als die "Quadratur des Kreises". Das findet auch Pfarrerin Stephanie Kastner (51), die gerade mit ihren vier nebenamtlichen Kirchenmusikern das neue Gesangbuch in der eher traditionell aufgestellten schwäbischen 1800-Mitglieder-Gemeinde Haunsheim-Bachtal testet und viele der neuen, rhythmisch teils anspruchsvollen Lieder für "kaum singbar" von ihrer Gemeinde hält.
Über die rund 80 Personen der EKD-Gesangbuchkommission hinaus sind auch noch die unterschiedlichsten Fachgruppen und Kreise rund um die Kirchenmusik beteiligt. Allen alles recht zu machen ist unmöglich, doch das Internet kennt keine Seitenzahlen und keinen Platzmangel. Es bietet die Chance, nach dem Eisbergprinzip viel mehr anzubieten und abzudecken als das, was im gedruckten Buch zu finden sein wird. 1500 Lieder sollen es am Ende sein.
mitsingen.de fürs Eisbergprinzip
Digitales Gesangbuch - www.gesangbuch.de
Neben gesangbuch.de, wo künftig das digitale Gesangbuch zu finden ist, gehört auch das kostenlose Internetangebot mitsingen.de zu diesem Unterwasserteil des Gesangbuch-Eisbergs. mitsingen.de ist schon jetzt abrufbar, aber noch eine Baustelle. Bis zum Start des neuen Evangelischen Gesangbuchs im Advent 2028 soll das Angebot kontinuierlich aufgefüllt werden. Der Blick auf das Angebot lohnt bereits jetzt. Zum Beispiel auf die interaktive Weltkarte, auf der man zusammen mit Kurzbiografien die Lebenswege von Dichtern und Komponisten der Gesangbuchlieder nachvollziehen kann. Derzeit sind knapp 140 "Melodisten, Texter und Satzautoren" eingetragen. Unter ihnen sind nur 17 Frauen, 16 von ihnen aus dem 20. Jahrhundert. Und auch die 1895 geborene Österreicherin Maria Ferschl, sie verfasste den Text von "Wir sagen euch an den lieben Advent" (EG 17, Erprobung 35), gehört in diese Zeit. Auch das verrät etwas darüber, was in der Welt und auch in der Welt der Kirchenmusik in Bewegung ist.
Künftig sollen Audiodateien, Videos, theologische und historische Hintergründe als "Ideenpool, Inspirationsquelle und Netzwerk-Ort" dienen sowie bei der "Singvermittlung" helfen. Stephanie Kastner bringt die Lage auf den Punkt: "Nur noch Stadion und Kirche befördern heute das öffentliche Singen", sagt sie. Böhm wünscht sich für mitsingen.de eine engagierte Beteiligung von Kirchenmusizierenden jeglicher Couleur. Die "Plattform für evangelisches Liedgut" soll eine Mitmach-Plattform werden. Eine dauerhafte Finanzierung über 2028 hinaus steht noch nicht, dürfte dafür aber unverzichtbar sein. – Auch das Eisbergprinzip birgt noch erhebliche Probleme und Fragezeichen bei den Kosten, denn es geht ums Urheberrecht! Vielerorts begeben sich derzeit nämlich Kirchengemeinden regelmäßig rechtlich ins Abseits, wenn sie Texte und Melodien auf Liederzettel drucken, die nicht im Gesangbuch stehen. Für die Nutzung aller Lieder aus dem "Eisberg"-Gesangbuch sollen künftig alle Rechte vorliegen. Aber längst ist noch nicht alles geklärt.
Das Kreuz ist unser Markenzeichen
Bei einem Millionen-Projekt wie der Entwicklung und Einführung eines neuen Gesangbuchs ist in einer schwindenden Kirche mit schwindenden finanziellen und sonstigen Ressourcen die Frage nach den Kosten berechtigt, findet auch Gesangbuchreferent Wolfgang Böhm. In anderen Landeskirchen ist die Skepsis sogar noch größer als in Bayern. 1958 und 1994 wurden nach dem Zweiten Weltkrieg neue Evangelische Gesangbücher eingeführt. "Alle 30 Jahre ein neues Gesangbuch, das sollten wir uns schon leisten wollen", findet Böhm. Abgesehen von der veralteten Rechtschreibung bringe das neue Gesangbuch einer Kirche, die sich auch mit neuen Praktiken und Kasualien (zum Beispiel zum Eintritt in den Ruhestand, der Segnung Gleichgeschlechtlicher oder bei Trennungen) verändert habe, neue Impulse.
"Das Kreuz ist unser ›Markenzeichen‹", sagt Böhm. Auch er finde es schade, dass künftig kein Kreuz mehr auf dem Gesangbuch sein wird. Er erinnert aber daran, dass es sich bei der Neugestaltung um ein "Konsensprodukt" handle. Den EKD-Stammteil anderer Landeskirchen im Norden ziert zudem bereits heute kein Kreuz mehr. Bayern konnte sich 1994 eine teure komplette eigene Neugestaltung der Inhalte leisten. "Wir haben damals alles auf Links gedreht", erinnert Böhm. Heute ist so ein Sonderweg kaum noch zu finanzieren.
Regionalteil Bayern / Sachsen
Die Münchner Agentur Keysselitz entwickelte damals das Gesangbuch mit einem umfangreichen Textteil, mit Illustrationen, Gebeten und Aphorismen zu einem "christlichen Hausbuch" weiter, das viel mehr bietet als Kirchenlieder. Mit seinem Farbleitsystem in den Pastelltönen Gelb, hellem Türkis und Violett zur Orientierung in dem 1600-Seiten-Buch war es damals innovativ. Nach mehr als 30 Jahren wirken die Farben heute etwas angejahrt. Verbunden war die Gestaltung mit einem Kommunikationskonzept. Auch das "Balkenkreuz", bis heute Logo der bayerischen Landeskirche, entstand damals. Die Schrift "Rotis" des legendären Gestalters Otl Aicher prägt nicht nur das aktuelle Gesangbuch, sie wurde auch "Hausschrift" der bayerischen Landeskirche. Otl Aicher (1922-1991), verheiratet mit der Scholl-Schwester Inge, war Gründer der Hochschule für Gestaltung in Ulm, schuf das Lufthansa-Logo und war für das visuelle Erscheinungsbild für die Olympischen Sommerspiele 1972 verantwortlich. Auch damals gab es eine Erprobungsphase: Jede Gemeinde erhielt vorab zwei Probebände – zu wenig, um Feedback vom breiten "Kirchenvolk" einzuholen.
Einen eigenen umfangreichen Textteil wird es künftig nicht mehr geben. Dafür zieht sich die Verschränkung von Liedern mit Impulsen und Texten nun durch das ganze Gesangbuch. Platz für die komplette Confessio Augustana, das grundlegende lutherische Augsburger Bekenntnis, wird so aber wohl nicht mehr sein.
Nicht wenige schmerzt es, sich von der Gesangbuchdimension "Hausbuch" zu verabschieden. Böhm findet die Digitalisierung oder vielmehr die digitale Ergänzung und Erweiterung des Ökosystems Gesangbuch wichtiger. Das gedruckte Gesangbuch werde vor allem in Kirchen bereitliegen. Insofern brauche es dort auch kein Kreuz auf dem Cover, um Identität auszudrücken; das besorge bereits der Ort seiner Verwendung.
Auch im neuen Gesangbuch wird es wieder einen Regionalteil geben. Vor 30 Jahren teilte sich Bayern seinen mit Thüringen. Die dortige Landeskirche ging 2008 in der "mitteldeutschen" EKM auf. Partner im neuen Gesangbuch ist nun die sächsische Landeskirche, mit der sich Bayern auch in der Vikarsausbildung zusammengetan hat. Für den Regionalteil können Bayern und Sachsen alles allein entscheiden – aber sie müssen dafür natürlich wissen, was der endgültige Liedbestand des Mantelteils sein wird. Zuständig ist eine Regionalteil-Kommission mit 15 bayerischen und 15 sächsischen Vertretern, geleitet von Wolfgang Böhm, seinem sächsischen Pendant Martin Teubner sowie Matthias Stubenvoll vom Nürnberger Gottesdienst-Institut, der mit einer Viertelstelle den Prozess organisiert.
Wie teuer wird das Gesangbuch?
Der Regionalteil wird, das steht schon fest, deutlich kleiner als der jetzige. Dennoch kommt wohl auch das neue Gesangbuch auf rund 1400 Seiten. Der Endpreis soll nicht mehr als 30 Euro betragen. Für die Gemeinden bedeutet die Umstellung auf neue Gesangbücher dennoch enorme Kosten. "Wir überlegen, wie wir das von der Landeskirche unterstützen", sagt Wolfgang Böhm. Noch sei nichts fix, aber er könne sich verschiedene Modelle – von einer festen Anzahl von kostenfreien Exemplaren pro Gemeinde bis hin zu einem deutlich vergünstigten Subskriptionspreis – vorstellen.
Noch bis Palmsonntag geht die Erprobungsphase. Anschließend sollen die von den Gemeinden und Kirchenmusizierenden gemachten Erfahrungen intensiv ausgewertet werden und die Ergebnisse – wenn es nach Böhm geht – auch öffentlich vorgestellt werden.
Einen zur bayerisch-sächsischen Regionalpartnerschaft passenden Favoriten unter den neuen Liedern im Regionalteil hat Wolfgang Böhm jedenfalls schon: das Advents- und Weihnachtslied "Feier mit" (310 im Erprobungsband). Das Lied hat 2024 einen bayerischen Wettbewerb zum Gesangbuchjubiläum gewonnen. Und die beiden Lieddichterinnen Nikola und Lysann Schmutzler kommen aus der sächsischen Landeskirche.