"Kinder, was ist das?”, fragt die Reli-Lehrerin an einer seeehr frommen Schule, "Ein Rätsel: Es hüpft von Baum zu Baum, knackt Nüsse und hat einen großen buschigen Schwanz … Na, wer weiß es?” Meldet sich Fritzchen: "Normalerweise würde ich sagen, ein Eichhörnchen. Aber so wie ich den Laden hier kenne, ist das bestimmt wieder das liebe Jesulein."
Ich muss jedes Mal lachen über diesen Witz, er trifft etwas Wahres. Bei Kirche ist Jesus immer die richtige Antwort, egal wie die Frage lautet.
Auf der Suche nach dem wirklichen Jesus …
Ich frage heute nicht nach dem Eichhörnchen. Ich frage gleich direkt nach dem Jesulein. Wer ist Jesus – überhaupt und für mich? Diese Frage beschäftigt mich seit meinem Studium. Wer ist Jesus – hinter den Texten der Bibel, hinter den verschiedenen Bildern, die die Bibel von ihm zeichnet und die sich manchmal widersprechen?
Die Suche nach dem historischen Jesus – das hat mich fasziniert. Im Studium lernt man: Bibeltexte in der Ursprache lesen, Hebräisch und Griechisch, nach historischen Quellen fragen, was Jesus "wirklich” gesagt haben könnte. O-Ton Jesus quasi. Das ist ein bisschen wie Detektivarbeit. Interessant. Aber irgendwie weit weg. Berührt mich kaum, hat mit meinem Leben heute wenig zu tun. Je genauer ich das erforsche, desto blasser wird der historische Jesus. Wie bei einer alten Fotografie, die man zu stark vergrößert und irgendwann sieht man nur noch Pixel, das Gesicht verschwindet. Ein Professor sagte mal in einer Vorlesung: Es gibt soviele historische Jesusse, wie es Forscher gibt, plus eins, und das ist der Echte…"
Mein Suchen war nicht umsonst, aber das, was ich gesucht habe, habe ich nicht gefunden.
Am heutigen Sonntag wird in evangelischen Gottesdiensten aus der Offenbarung des Johannes gelesen. Das allerletzte Buch der Bibel. Johannes hat Jesus erlebt, gesehen, geträumt… und davon aufgeschrieben.
Hören wir aus dem 1. Kapitel der Offenbarung des Johannes:
"Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch. (…) Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit. Darum schreibe, was du gesehen hast.”
Und Johannes schreibt auf, was er gesehen hat: Metallfüße und Feuerflammen-Augen, weiblich, männlich, divers, queer … Ein Mann mit weißen Haaren. Augen wie Feuerflammen. Ein Schwert im Mund. Füße wie Golderz, also Metallfüße. Ein langes Gewand mit Gürtel. Sehr seltsam und fremd. Das soll wirklich Jesus sein?
Vor kurzem habe ich ein sehr interessantes Buch gelesen: "Christus – männlich-weiblich-divers. Eine Geschlechtergeschichte.” Hat es eine Bedeutung, dass Jesus ein Mann ist? Dieser Frage geht der Autor nach und zeigt: Jede Epoche hat eine andere Vorstellung vom Mannsein und Frausein und allem dazwischen und jede Epoche hat damit auch ein anderes Bild von Jesus.
Schon im Mittelalter diskutieren Theologen, ob Christus nicht auch als Frau hätte Mensch werden können. Mönche und Mystiker:innen früherer Zeiten stellen sich Christus als Frau, als Mutter vor. Es hat auch androgyne Vorstellungen von Christus gegeben. Erst seit dem 19. Jahrhundert ist Christus so scheinbar eindeutig männlich dargestellt. Und seit dieser Christus so eindeutig männlich ist, stören sich auch Frauen an dieser Männlichkeit, kein Wunder. Manche Theolog:innen heute sehen in Christus einen queeren Menschen – queer, das heißt: im üblichen Schema von männlich und weiblich denken und leben. Das alles lese ich in diesem Buch. Und abschließend schreibt der Autor:
"Es ist das eigene Begehren, das sich Christus nach seinem Bilde schafft. Vielleicht ist es gut, dass die Bibel keine klare Aussage zur Geschlechtsidentität Christi trifft. Wir sollten uns davor hüten, unsere wechselnden Vorstellungen von der Ordnung der Geschlechter für ewig zu erklären.”[1]
Diese Gedanken helfen mir, das Bild aus der Offenbarung einzuordnen: Es ist das Bild des Johannes auf Patmos, entstanden um das Jahr 95. Christus als alter Mann, weißhaarig, Priester, König, Herrscher – männliche Rollen in der Welt dieser Zeit. Und ich verstehe, dass einem diese Bilder auch fremd sein können. Vor allem, wenn man selbst von Männern, Priestern oder Herrschern verletzt oder klein gehalten worden ist.
Es gibt kein Bild von Gott oder von Jesus, wo man sagen kann: So ist Gott und nur so und genau so. Gott ist immer größer als unsere Worte und Bilder von ihm. Das macht mein persönliches Bild von Gott nicht falsch. es relativiert es. Mein Bild von Gott kann sich wandeln, sich entwickeln. Und Gott ist der je Größere. Oder das oder die je Größere …
Erster und Letzter und "Fürchte dich nicht!
Bleiben wir noch bei dem Bibeltext. Johannes ist nicht freiwillig auf Patmos. Er ist verbannt oder in heutiger Sprache: zwangsabgeschoben. Im römischen Reich des ersten Jahrhunderts hält man jemanden, der eine andere Religion hat, für gefährlich. Der römischen Religion glaubt zwar kaum noch jemand wirklich, aber man tut so, als ob sie die wahre und einzige sei. Die Religion ist eng mit dem Kaiser verbunden – Kaiserkult nennt man das. Und wenn dann jemand eine andere Religion von Herzen lebt und liebt, dann sieht das wie eine Gefahr aus, wie eine Bedrohung. Daher werden Christen verdächtigt, verfolgt, gemobbt, getötet oder zwangsabgeschoben, im Namen des Kaisers.
Und genau in dieser Situation hört Johannes: "Ich bin der Erste und der Letzte.” Nicht der Kaiser ist das Erste. Nicht eine politische Behörde. Sondern da ist ein größeres Ich. Dieses machtvolle Bild von Christus ist kein Selbstzweck. Es ist eine Antwort auf die Gewalt des römischen Reiches. Johannes braucht einen starken, einen mächtigen Christus – als Gegenbild zur Macht des Kaisers. Einen Christus, der sagt: Der Kaiser ist nicht das Maß aller Dinge. Ich bin größer als alle irdische Macht.
Dieser herrscherliche Christus kommt mir in letzter Zeit näher. Er berührt mich, er tröstet und beruhigt mich, wenn ich an die Situation in unserem Land und weltweit denke. Ich kenne niemanden, der nicht beunruhigt ist.
Und da höre ich die Worte der Offenbarung nochmal neu. Christus ist der Herrscher meines Lebens. Nicht Herr Trump, nicht Herr Putin, nicht das Mullah-Regime im Iran, und auch keine Partei, die leider viel Zulauf hat, obwohl sie vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft wird – wenn Herrscher, dann der Christus, der mir und jedem Menschen sagt: Fürchte dich nicht. Nicht: "Beug dich”. Nicht: "Gehorche”. Nicht: "Unser Land zuerst", nicht: "Ich bin groß und du bist klein”. Sondern: Hab Mut, fürchte dich nicht, sei ein Mensch. Trotz aller Angstmächte – vertrau den guten Mächten: Sie sind da. Sie tragen und umgeben dich
Gehen wir noch einmal zur Erfahrung des Johannes zurück. Er ist "außer sich”, "vom Geist ergriffen”. Er hat ein Erlebnis, das ihn aus den Socken haut, eine mystische Erfahrung.
"Schreibe, was du gesehen hast” – lautet der Auftrag an Johannes. Einfach nur schreiben, nicht erklären, diskutieren, abwägen, sondern: Schreiben – Worte dafür suchen.
Dieses Erlebnis ist wie ein Traum: Im Traum bin ich nicht in meinem normalen Alltag. Im Traum bin ich wie in einer anderen Welt, außerhalb der Grenzen meiner selbst. Was ich normalerweise denke und einordne, stimmt auf einmal so nicht. Zusammenhänge verschieben sich. Mit meiner Sprache kann ich nur sehr mühsam und begrenzt ausdrücken, was ich im Traum gesehen und erlebt habe.
Kennen Sie das auch? Manchmal träume ich sehr intensiv, vor allem im Urlaub oder wenn ich mal weg bin. Und wenn ich meinen Traum aufschreiben oder nur erzählen will, dann ist das ziemlich schwierig. Was ist wirklich? Bin ich das wirklich? Woher kommt so ein Traum? Wenn ich das aufschreibe, dann bleiben nur Wortstücke. Spuren, von etwas viel Größerem.
Visionen, Träume und Wirklichkeit
Das Ewige zeigt sich in Visionen, in Träumen und die Worte davon sind nur Hülsen für etwas Größeres. Die Offenbarung des Johannes ist kein Lehrbuch, das sagt: So ist Gott und nur so. Johannes hat etwas erlebt und möchte das teilen. Die Offenbarung ist der Versuch, Worte dafür zu finden.
Vor einigen Jahren hat mir mal jemand einen Rat gegeben: Schreib täglich drei Dinge auf, die dich gefreut haben oder für die du dankbar bist. Ich hab mir dazu ein Buch gekauft und gemerkt: Das ist richtig schön und macht glücklich. Sich jeden Tag nochmal gute Dinge in Erinnerung rufen. Es hat eine Zeit gedauert, bis ich das richtig in meinen Alltag integriert habe. Und ja, an manchen Tagen bin ich auch zu müde, zu busy und komm einfach nicht dazu.
Mein Schreibbuch hat nur weiße Seiten. Vorne drauf ist ein Kreuzgang aus dem evangelischen Kloster Schwanberg, ein kleiner Garten mit einem Brunnen und einem Säulengang drumrum. Ich schreibe auf, wofür ich dankbar bin. Themen, die mich beschäftigen. Manchmal auch Träume.
Gerade wenn ich Träume aufschreibe, dann bleibt das Aufgeschriebene immer weit zurück hinter meinem Traum. Wenn ich Träume nachlese, die schon länger her sind, lese ich sie mit anderen Augen. Und sehe: da zeigt sich, entwickelt und verändert sich was in meinem Leben … oder auch ein Kreisen um Themen und Menschen …. Rote Fäden der Lebensstruktur, die sichtbar werden… Mein Tagebuch ist wie meine persönliche Offenbarung, die Offenbarung des Florian, sozusagen ;-) Meist sehr alltäglich. Nichts Besonderes. Und selten sind es dann doch besondere Momente, besondere Einsichten, ganz Intimes.
Letztes Jahr habe ich an einer Woche im Schweigen in Frankreich teilgenommen. Thema: Freundschaft mit Christus. Vormittags gab es einen Impuls von Azira, der Geistlichen Begleiterin. Und den Rest des Tages sollte man möglichst im Schweigen verbringen. Ich gehe dazu in die alte Dorfkirche. Romanisch. Dicke Mauern. Ich sitze da und schweige. Plötzlich fällt das Sonnenlicht ein und mir direkt ins Gesicht. Ich schließe die Augen, ich sehe etwas, für einen Moment fühlt es sich nah und warm an, ich habe ein Bild vor meinem inneren Auge… Für mich wie ein Christus… Als ich die Augen wieder öffne, sitze ich einfach wieder da und die Sonne ist weitergezogen.
Ich schreibe auf, was ich erlebt habe, versuche in Worte zu fassen, was ich gesehen habe – das Bild eines Mannes, irgendwie vertraut, ich finde ihn anziehend, ich kenne ihn nicht, sein Gesicht kann ich nicht sehen, sehr schön und sehr seltsam.
Ich erzähle Azira davon. Ich frage sie: Was bedeutet das? Sie tut, was sie bei jedem Gespräch und bei jeder Teilnehmerin tut: Sie schaut mich freundlich an, lächelt, schweigt und sagt nur: "Frag ihn. Sprich mit ihm. Ich kann es dir nicht erklären." Mein Erlebnis bleibt einfach so stehen. Erlebt unter der Überschrift Freundschaft mit Christus.
Und als ich es ein paar Tage später nachlese, sehe ich: Dieses Bild erzählt auch von dem, was mir gefällt, was ich schön finde … Es spiegelt etwas von mir. Ich will es nicht als Vision bezeichnen. Aber da war etwas. Groß und schön, für einen Moment …. Mein Gott, du bist groß, du bist schön, Gott der Liebe, lebendig in allem, so singt es ein französisches Lied.
Helmut Schmidt, der frühere Kanzler sagte mal: Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen, Das klingt sehr vernünftig. Rational, wissenschaftlich. Und in unserer Kirche geht es auch oft sehr vernünftig zu. Manchmal zu vernünftig, zu aufgeklärt, finde ich. Ich sehne mich nach Raum für Visionen, für spirituelle Erlebnisse, für Erfahrungen, die erzählen: Gott ist da. Jesus ist wirklich Gegenwart. In deinem Leben. Jetzt und hier.
Wer Visionen hat, soll sie erstmal aufschreiben, lese ich in der Bibel. Schreibe, was du gesehen hast.
Und wenn du nichts Besonderes siehst in deinem Leben: Schreib es trotzdem auf. Suche Worte für das, was du siehst und erlebst. In deinen Träumen und in deinem Alltag. Journaling nennt man das auch. Schreiben als geistliche Übung. Nicht berichten, sondern mit Worten staunen über das, was ich gesehen habe. Nach Worten suchen, tasten, auch mal stocken dabei … Worte sind der Versuch, eine Spur zu sichern. Mehr nicht. Weniger aber auch nicht. Eine Spur, die irgendwie mit dem Ewigen zu tun hat.
Eichhörnchen-Momente im Alltag
Wundern wir uns bitte nicht, wenn wir nichts erleben und nichts sehen und wenn das Aufschreiben schwerfällt. Es braucht Übung und Geduld. Und Zeit und Ruhe. Nichts- oder Nichts-besonderes-Erleben ist der Normalzustand von Glauben, von Spiritualität.
Nichts Besonderes. Montagmorgen in der U-Bahn. Gedränge und Verspätung. Ich rieche das Deo des Mannes neben mir, spür den Ellbogen der Frau hinter mir in meinem Rücken. Ich schließe die Augen – und da ist nichts. Keine Vision. Nichts.
Ich sitze am Schreibtisch. Stapel von Mails, darunter zwei richtig blöde. Drei Meetings heute noch. Mein Nacken ist verspannt. Ich schaue aus dem Fenster. Grauer Himmel. Schmutz an den Fensterscheiben. Nichts.
Abends auf dem Sofa. Eine Serie läuft. Am Boden liegt noch Spielzeug von meinem Sohn rum. Ich scrolle durch Instagram. Werde müde. Mach noch mein Abendritual, mein Gebet und geh so ins Bett.
Nichts Besonderes passiert. Wirklich? Ja. Ist okay. Leben ist auch oft: nichts Besonderes.
Ein Schüler fragt den Meister: "Kann ich irgendetwas tun, um erleuchtet zu werden?” "Genauso wenig, wie du dazu beitragen kannst, dass die Sonne aufgeht.” "Wozu dann die ganzen geistlichen Übungen?” "Damit du wach bist, wenn die Sonne aufgeht.”
Christ sein heißt für mich: wach sein, wenn die Sonne aufgeht. Das Wachsein üben. Auch wenn meistens nichts passiert.
Und dann sitz ich mit meinem Journal da. Mir fällt nichts Richtiges zum Aufschreiben ein. Ich schau zum Fenster raus. Vor mir der kleine Innenhof. Ein Wintertag. Schnee liegt. Und im frischen Schnee sehe ich Spuren.
Plötzlich hüpft etwas. Springt vom kahlen Ast in den Schnee, es hat einen großen buschigen Schwanz. Es bleibt stehen, sieht mich sitzen, schaut mich an mit großen Augen. Kurz sehen wir uns in die Augen. Und dann ist es schon wieder weg. Und ich muss lächeln und an den Witz vom "lieben Jesulein" denken. Das Eichhörnchen ist mir so etwas wie eine Erinnerung geworden: Plötzlich ist sie da, die ganz andere Dimension. Sie hüpft eben nicht nur in Sakralräumen, Kirchen und spirituellen Zentren herum oder zwischen Buchseiten, …Ich finde sie auf den Ästen meines Alltags. Oder besser: sie findet mich und schaut mich an.
Ein Eichhörnchenmoment. Und ich schreibe auf, was ich gesehen habe: Ein Eichhörnchen. Eine Spur im Schnee. Eine Spur vom Ewigen. Pleni sund coeli et terra gloria tua. Himmel und Erde sind voll von Gott. Auch das Stückchen Erde gerade vor meinen Augen: Voll von Gott. Sogar das Stückchen Erde, das ich selbst bin.
[1] Anselm Schubert, Christus (m/w/d) Eine Geschlechtergeschichte, München 2024, 274.