Wer Seelsorge sucht, kommt selten ohne Grund. Man kommt, wenn etwas grad im Leben schief läuft, wenn Gedanken kreisen, wenn man mit sich selbst oder mit dem, was andere aus einem machen, nicht mehr gut allein zurechtkommt.
Für queere Menschen gilt das oft noch einmal mehr. Denn vor dem Gespräch steht häufig eine andere Frage: Darf ich da überhaupt hin mit meinen Anliegen? Darf ich hier so auftauchen, wie ich bin, ohne erst geprüft, sortiert oder freundlich in eine Schublade gelegt zu werden?
Im Evangelisch-Lutherischen Dekanat Coburg gibt es dafür seit einiger Zeit ein eigenes Angebot: Qqueersensible Seelsorge. Einer der Ansprechpersonen ist Ferdinand Brenner, Vikar in Coburg. Im Kern, sagt er, sei es Seelsorge wie jede andere auch. Und doch sei der Unterschied entscheidend: Dieses Angebot richte sich ausdrücklich an queere Menschen.
Es sage klar nach außen: Hier ist ein Raum, in dem du willkommen bist. Gerade dieses deutliche Signal ist wichtig. Viele Menschen gehen eben nicht einfach in ein Pfarramt, setzen sich hin und erzählen los. Schon gar nicht dann, wenn es um das eigene Coming-out geht, um geschlechtliche Identität, um schmerzhafte Erfahrungen in Familie, Freundeskreis oder Kirche. Queersensible Seelsorge will diesen ersten Schritt leichter machen.
Coming-out, Angst und die Suche nach einem sicheren Ort
Ferdinand Brenner kennt diese Unsicherheit nicht nur theoretisch. Während seines eigenen Coming-outs hat er selbst seelsorgliche Begleitung gesucht. Das sei sehr hilfreich gewesen, erzählt er. Aber leicht war es nicht. Schon die Suche nach einer geeigneten Person sei eine Hürde gewesen. Wen schreibt man an? Wer versteht überhaupt, worum es geht? Wer hört zu, ohne auszuweichen? Wer reagiert nicht mit einer Mischung aus Unsicherheit, Frömmigkeit und unbeholfener Pädagogik, die alles nur noch anstrengender macht?
Seine größte Sorge damals sei gewesen, das eigene Umfeld zu schockieren. Anders gesehen zu werden als der Mensch, der er ist. In dem Moment, in dem ein Coming-out ausgesprochen wird, verändert sich oft nicht die Person selbst, sondern der Blick der anderen. Eventuell alternativ: Während sich die Person im Outing selbst bestätigt und zu sich steht, gibt sie gleichzeitig die eigene Identität ein Stück weit aus der eigenen Hand. Das kann tief verunsichern.
Hier setzt das Coburger Angebot an. Es ist nicht aus einer theoretischen Debatte entstanden, sondern auch konkreten Erfahrungen. Aus dem Wissen, wie viel es bedeuten kann, eine klar erkennbare Anlaufstelle zu haben. Jemanden, bei dem nicht erst erklärt werden muss, warum dieses Gespräch überhaupt nötig ist.
Queersensible Seelsorge hilft, die eigene Geschichte anzunehmen
Die Themen, mit denen Menschen kommen, werden unterschiedlich sein. Es geht um sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität, um Spannungen in Familien, um Verwerfungen im Freundeskreis, um Erfahrungen mit Ablehnung und um die leise, manchmal zähe Arbeit, das eigene Leben überhaupt als stimmige Geschichte erzählen zu können.
Brenner rechnet damit, dass diese biografische Arbeit viel Raum einnehmen wird. Also nicht nur akute Krisenbewältigung, sondern die Frage, wie das eigene Queersein ins Selbstbild passt, ohne wie ein Fremdkörper behandelt zu werden. Im besten Fall, sagt er, könne es sogar gelingen, das eigene Queersein nicht nur anzunehmen, sondern darin auch ein Potenzial zu sehen.
Warum Kirche für viele queere Menschen zugleich Hoffnung und Wunde ist
Dass ein solches Angebot gebraucht wird, hat auch mit der Geschichte der Kirche zu tun. Brenner spricht offen davon, dass es viel Unrecht und viele Verletzungen gegeben habe. Queere Menschen hätten im kirchlichen Raum Diskriminierung erlebt, auch dort, wo sie eigentlich Heimat gesucht haben. Für Mitarbeitende war offenes Leben lange alles andere als selbstverständlich. Für Ehrenamtliche und Gemeindeglieder oft ebenso wenig.
Ablehnung ist nicht immer ein sichtbarer Prozess. Manchmal passiert dies im Verborgenen. Brenner beschreibt, dass viele dieser Verletzungen von außen kaum wahrgenommen werden. Sie passieren nicht immer spektakulär. Sie stecken in Blicken, in Schweigen, in Sätzen, die nicht direkt verurteilen und doch klarmachen, dass jemand bitte nicht zu sichtbar sein möge.
Das berühmte, "ich bin zwar tolerant, aber das muss ja wirklich nicht sein".
Die Qqueersensible Seelsorge will deshalb nicht nur freundlich begleiten, sondern auch einen Raum öffnen, in dem solche Erfahrungen ausgesprochen werden dürfen. Ohne sofortige Relativierung. Ohne hektische Verteidigung der Institution. Ohne den Reflex, erst einmal zu erklären, wie etwas vielleicht gemeint gewesen sei. Schon das kann viel sein: dass jemand aus der Kirche zuhört, ohne sich selbst in den Vordergrund zu schieben.
Gleichzeitig spricht aus Brenners Worten keine Verbitterung gegenüber Kirche. Im Gegenteil. Er wünsche sich mehr Sichtbarkeit von Queerness in kirchlichen Räumen, sagt er. Denn die queere Wirklichkeit in der Kirche sei längst da, werde aber außerhalb oft gar nicht wahrgenommen. Das Bild von Kirche bleibe dadurch alt, eng und oft erstaunlich blind für das, was schon da ist. Ihm gehe es auch darum, deutlicher zu machen: Kirche ist nicht nur ein Ort, an dem über queere Menschen geredet wird. Kirche ist auch queer.
Zuhören statt bewerten: Wie Seelsorge zum Gegenmodell wird
Dabei versteht Brenner Seelsorge nicht als Ort, an dem Menschen auf ein bestimmtes Ergebnis hin bearbeitet werden. Es gehe gerade nicht darum, Handlungsziele festzustecken. Sondern erst einmal darum, da zu sein. Zuhören. Wahrnehmen. Begleiten. Das klingt erstmal einfach, ist aber in einer Zeit permanenter Kommentare und Urteile in Social Media Kanälen fast schon ein Gegenmodell.
Seelsorge bietet damit etwas an, das in vielen Lebensbereichen selten geworden ist: einen Raum, in dem nicht sofort bewertet wird.
Für Brenner hat das ausdrücklich mit Glauben zu tun. Seelsorge findet für ihn im Raum der Gegenwart Gottes statt. Und diese Gegenwart bedeutet nicht Kontrolle, sondern Annahme. Menschen dürfen sein, wie sie sind. Darin liegt für ihn der entscheidende Punkt. Die Liebe Gottes, sagt er, schließe queeres Leben nicht aus. Alles andere würde dem christlichen Grundgedanken widersprechen.
Queere Menschen in der Kirche sichtbarer machen
Auch deshalb schaut er anders auf biblische Texte, die oft gegen queere Menschen in Stellung gebracht werden. Diese seien aber nie im Horizont queere Fragestellungen verfasst worden und seien deshalb auch nicht aussagekräftig. . Die Bibel müsse auch nicht auf jede Identitätsfrage eine fertige Antwort bereithalten. Aber sie könne Räume öffnen. Sie könne ermutigen. Sie könne Befreiungsgeschichten enthalten, die anders gelesen werden dürfen als bisher.
Brenner verweist auf den Satz, mit dem Gott sich Mose vorstellt: "Ich bin, wer ich bin." Für Brenner liegt darin eine eigentümliche Freiheit. Schon Gott selbst entzieht sich engen Festlegungen. Er lässt sich nicht normieren, nicht sauber festschreiben, nicht in eine fertige Form pressen. Daraus lässt sich keine simple Parole machen. Aber vielleicht eine leise Ermutigung. Dass auch Menschen nicht zuerst passend werden müssen, um gewollt zu sein.
Noch befindet sich die Qqueersensible Seelsorge in Coburg im Aufbau. Das Team macht sich sichtbar über die Website, über Plakate, Postkarten und Hinweise in kirchlichen und nichtkirchlichen Räumen. Dahinter steckt ein einfacher und kluger Gedanke: Queere Menschen sollen diese Hilfe nicht erst mühsam suchen müssen.
Manchmal ist ein Anfang nichts weiter als ein Satz: Ich würde gern sprechen.
Kontakt zur queersensiblen Seelsorge in Coburg
Die queersensible Seelsorge im Evangelisch-Lutherischen Dekanat Coburg ist per Mail oder telefonisch erreichbar. Die Ansprechpersonen sowie weitere Informationen zum Angebot finden sich auf der Website des Dekanats.