Die Kirche steht offen, an der Tür werde ich von Pfarrerinnen begrüßt, die ich in Jeans und Sweatshirt zunächst gar nicht als solche erkenne. Statt eines Altars steht vorne, prominent platziert, ein schwarzes Ledersofa neben einer großen Stehlampe. Die hölzerne Jesusfigur, die dahinter an der Wand hängt, wird pink angestrahlt.
Es läuft Musik, an der Seite gibt es eine kleine Theke mit Schorle, alkoholfreiem Bier – und dem Buch "Gott ist Feministin". Auf den Kirchenbänken tummeln sich mehr Menschen, als ich es vom klassischen Sonntagsgottesdienst gewohnt bin. Und – das verdient besondere Erwähnung – die meisten sind unter 50.
Munich Church Refresh – Kirche neu denken
Der Abend wird organisiert von Munich Church Refresh, einer Gruppe engagierter Pfarrer*innen und Ehrenamtlicher, die frischen Wind und neue Formate in Münchener Kirchen bringen. Ich wurde als Christfluencerin und Feministin eingeladen, mir das neue Format "radikal.sanft" anzusehen.
"radikal.sanft" verbindet Glauben mit politischem Aktivismus – eine Kombination, bei der ich innerlich sofort "ja!" sage. Die Veranstaltungsreihe besteht aus Talks, Workshops, Kunst und Spiritualität, lockerer Atmosphäre und guten Gesprächen – und findet in diesem Jahr noch an drei weiteren Terminen statt: am 17.07. in der Passionskirche, am 24.10. in der Lutherkirche und am 10.12. wieder in der Passionskirche, jeweils um 19:30 Uhr.
Lesung aus "Gott ist Feministin" mit Autorin Mira Ungewitter
Erster Programmpunkt des Abends: eine Lesung aus Gott ist Feministin – von der Autorin selbst, die extra aus Wien angereist ist. Mira Ungewitter sitzt lässig auf dem schwarzen Sofa, trägt Rock und Sandalen, ihr überschlagenes Bein wippt leicht beim Lesen. Die Besucher*innen in den Kirchenbänken lauschen dem biografischen Text der baptistischen Pfarrerin, in dem sie von Spaßbädern, Schule schwänzen, ihrer eigenen Mutter und der Jungfrau Maria erzählt.
Nach dem ersten Buchkapitel erklingt Musik. Jemand sitzt am Klavier, eine junge Frau in Jeansjacke singt – ihre Stimme hallt wunderschön von den steinernen Kirchenwänden wider. Im pinken, schummrigen Licht bekomme ich Gänsehaut.
Im zweiten Teil der Lesung geht es um das Hohelied der Liebe – um Sexualität und Lust als Tabuthemen im christlichen Glauben. Mira Ungewitter nimmt kein Blatt vor den Mund, als sie den wohl erotischsten Text der Bibel vorliest und theologisch einordnet.
Feministischer Stammtisch auf der Kirchenbank
Nach der Lesung und einem kurzen Interview auf dem Ledersofa folgt mein persönliches Highlight des Abends – eingeleitet von einer der Veranstalterinnen mit den Worten:
"Ich hatte Anfang des Jahres das starke Bedürfnis, einen feministischen Stammtisch zu gründen."
Same, Girl, same!
Wir sollen uns zu viert in Kleingruppen zusammensetzen und darüber sprechen, was die Worte "radikal" und "sanft" in uns auslösen. Dabei spricht jeweils eine Person zwei Minuten lang – ohne unterbrochen zu werden. Danach gibt es Raum für ein offenes Gespräch.
Zwischen den Kirchenbänken entsteht ein wohltuender Raum, in dem alles gesagt werden kann, was auf dem Herzen liegt. Das Gespräch ist persönlich, fast schon intim. Fremden Menschen innerhalb weniger Minuten so nahe zu kommen – das ist ein besonderes Gefühl. Eines, das ich aus meiner Gemeinde und den gängigen kirchlichen Formaten so nicht kenne.
Abende mit Gott, die guttun
Ich radle beseelt durch die von Straßenlaternen und Autoscheinwerfern beleuchtete Münchener Innenstadt nach Hause – es ist schon nach elf. Mira Ungewitter hat mir eine Widmung in mein Buch geschrieben. Ich freue mich, sie später zu lesen.
Es war ein schöner Abend – ungezwungen, leicht, gemeinschaftlich. So könnte sich Kirche gern immer anfühlen, denke ich.