13.12.2013
Spiritualität

Spirituelles Zentrum St. Martin in München: Klosteratmo in der Stadt

Was als Projekt der Landeskirche angelegt war, hat sich mittlerweile zur festen Institution etabliert: Das spirituelle Zentrum St. Martin im Münchner Glockenbachviertel. Eine Gemeinde, die als Verein organisiert ist, und die neue Wege beschreitet.
»In der Kirche darf es kein drinnen und draußen geben, das ist kein exklusiver Kreis«: Der Münchner Pfarrer Andreas Ebert.

Am Anfang ist das Schweigen. Der Tag der Stille beginnt um halb zehn Uhr morgens. 14 Menschen treffen sich, um acht Stunden gemeinsam zu schweigen - an einem gewöhnlichen Samstag, in einem Haus im Hinterhof, mitten in der Großstadt. Der Tag der Stille ähnelt einem Kurzaufenthalt in einem Kloster: Beten, Meditieren, Essen - Schweigen.

Im Obergeschoss des Backsteingebäudes, zugleich Gemeindehaus und Kapelle, warten schon die ersten Teilnehmer. Ihnen hat Ebert eine kurze Einführung in die Meditation gegeben. Andreas Ebert, ein Mann mit kurz geschorenen grauen Haaren und unauffälliger Brille, dessen dunkler Kapuzenpulli an eine Mönchskutte erinnert, wird die kommenden acht Stunden die meisten Worte sprechen. "Herzlich willkommen zum Tag der Stille. Ich möchte, dass wir uns jetzt alle der Reihe nach vorstellen. Wir sagen alle 'Du' zueinander."

Der Berliner Akzent des evangelischen Pfarrers dringt auch nach den vielen Jahren in Bayern immer noch durch. Seit 1996 arbeitet der Theologe als Pfarrer in der St.-Lukas-Gemeinde, an die St. Martin angegliedert ist. Im Jahr 2004 übernahm Ebert zusätzlich eine halbe Projektstelle der Landeskirche zum Aufbau eines spirituellen Zentrums im Glockenbachviertel.

Ein Zukunftslabor: Die Landeskirche hatte mit dem einzigartigen Projekt eine Anlaufstelle der spirituellen Übung und Begegnung mitten in der Großstadt geschaffen.

Erfahrungen, die in München gesammelt werden, sollen in anderen Regionen Früchte tragen. "Vor allem Menschen, die Stille suchen, meditieren wollen und nach geistlicher Begleitung fragen, sollen hier ein Zuhause finden", heißt es auf der Internetseite. Dabei legt St. Martin Wert darauf, sich nicht konfessionell einengen zu lassen: "St. Martin ist zugleich evangelisch und ökumenisch offen."

Insbesondere das altkirchliche Herzensgebet hat hier seinen festen Platz - genauso wie katholische und orthodoxe Praktiken wie Exerzitien und Pilgern oder Übungen aus östlichen Traditionen wie Yoga und Tai Chi. Zudem gibt es einen Bibliolog, die Auseinandersetzung mit der Bibel in Gesprächsrunden, die Martinsmesse, bei der ein Gottesdienst auch mal als Theaterstück inszeniert wird, spirituelle Seminare zum Beispiel zur Traumarbeit oder das sogenannte Enneagramm, ein symbolischer Kreis, der Erkenntnisse zur Persönlichkeit gibt. Nach einer dreijährigen Erprobungsphase hat 2007 der Verein St. Martin die Trägerschaft übernommen. 2011 wurde aus dem Projekt eine Vollzeitstelle, und Andreas Ebert darf sich seitdem Beauftragter für Meditation und Geistliche Übung in Südbayern nennen.

Andachtsvoll sitzen mittlerweile alle zwölf Teilnehmer im Meditationsraum, der an die Sakristei im Obergeschoss angrenzt. Zwischen den beiden Fenstern hängt eine Ikonografie der Jungfrau Maria, das Jesuskind in ihrem Herzen tragend. An der Wand reihen sich kleine Holzhocker und Wolldecken. Manche haben sich darin eingewickelt. Die Heizung gluckert leise. Gegenüber der orthodoxen Mariendarstellung sitzt Ebert  - vor ihm liegt die Klangschale, deren Gong alle 25 Minuten die Stille unterbrechen wird.

Die meisten kommen nach St. Martin, weil sie etwas suchen.

Menschen, denen der traditionelle Glaube abhanden gekommen ist. Menschen, die inmitten persönlicher und gesellschaftlicher Orientierungslosigkeit nach dem fragen, was auch in stürmischen Zeiten trägt. "Ich möchte Ruhe finden", sagt Roswitha. Die zierliche Frau im Rentenalter hat noch keinerlei Erfahrung mit Meditation. "In meinem Kopf drehen sich die Gedanken und hören nicht mehr auf. Mal schauen, ob der Tag der Stille mir hilft."

Ein Mann, der sich Jakobus nennt, hat schon Erfahrung mit der Meditation. "Ich habe eigentlich gar keine Erwartungen", sagt er. "Ich bin gespannt, was auf mich zukommt und lasse alles geschehen." Damit hat er von Anfang an die Einstellung, die man für die Meditation braucht. Denn, so erfahren die Teilnehmer im Laufe des Tages: Es genügt, einfach nur da zu sein, zu beobachten und die eigene Präsenz zu spüren - mehr nicht. "Und hört bitte auf mit dem Leistungsdenken", mahnt Ebert immer wieder. "Es gibt kein Richtig und kein Falsch."

Ebert ist ein strenger Lehrmeister. Nach jeder Meditationseinheit bittet er um Rücksprache. Wer möchte, darf von seinen Erfahrungen während der 25-minütigen Schweigemeditation berichten. "Alle Angebote St. Martins eint der Übungscharakter", heißt es auf der Internetseite. "Glaube, Liebe und Hoffnung üben. Das versuchen wir, und dabei wollen wir alle begleiten und unterstützen, die dafür offen sind." Auch ein seelsorgerliches Gespräch bietet Ebert jedem an. Viele brechen hier ihr Schweigen.

Der Tag, der langsam den Rhythmus des Betens und Meditierens angenommen hat, wird erst wieder vom Mittagessen unterbrochen - nach dem Tischgebet unterbricht nur das Klappern des Bestecks die Stille.

Was man an einem Tag so alles erleben kann, obwohl äußerlich nichts geschieht, und wie schwierig es ist, sich vom Fluss der Gedanken zu lösen - von dieser Erfahrung berichten die Frauen und Männer am Ende des Tages. "Mir war Jesus wieder ganz nah, ich habe seine Liebe und Wärme gespürt", erzählt Monika. "Zu erkennen, dass alle Antworten in mir selbst liegen - das war mein persönliches Highlight", berichtet Jakobus in der abschließenden Gesprächsrunde. Aber auch Wutgefühle kamen bei manchen zu Tage. "Das gehört alles mit dazu", sagt Ebert. "Meditieren ist kein Wellnessprogramm."

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