Pannonhalma in Ungarn, Ostern 2026. Cirill Hortobágyi, Erzabt der ältesten Benediktinerabtei des Landes, wählt in seiner Osterbotschaft ungewöhnlich direkte Worte: Viele Ungar:innen seien von Methoden erschüttert worden, die darauf abzielten, politische Gegner zu "diskreditieren, zerstören und moralisch zu vernichten". Sein Schluss: "Eine Person mit christlichen Werten kann solche Methoden nicht gutheißen."
Wenige Tage später, am 12. April, erringt Péter Magyar mit seiner Tisza-Partei eine Zwei-Drittel-Mehrheit im ungarischen Parlament. Viktor Orbán ist nach 16 Jahren als Regierungschef abgewählt.
Hortobányis Osterbotschaft liest sich im Nachhinein fast weniger wie eine theologische Mahnung als vielmehr eine Positionierung für die Zeit danach.
Das System der stillen Loyalität
Wer verstehen will, wie eng die ungarischen Kirchen mit dem Orbán-System verflochten sind, muss bei den Zahlen beginnen – auch wenn diese, bezeichnenderweise, nirgendwo vollständig vorliegen.
Ungarn hat keine Kirchensteuer. Die Finanzierung der Kirchen erfolgt direkt aus dem Staatshaushalt, ergänzt durch die Übertragung öffentlicher Aufgaben: Schulen, Kindergärten, Pflegeheime, Krankenhäuser.
Allein im Jahr 2020 erhielten die drei größten Kirchen laut den Berichten zur Religionsfreiheit des US-Außenministeriums zusammen 216,4 Milliarden Forint –umgerechnet etwa 729 Millionen Dollar. Das war fast das Dreieinhalbfache des Vorjahreswerts. Die Katholische Kirche bekam demnach davon 161,7 Milliarden, die Reformierte Kirche 37,7 Milliarden, die Evangelisch-Lutherische Kirche 6,8 Milliarden Forint. Die Verteilung entspricht in etwa dem Verhältnis der jeweiligen Mitgliederzahlen der Kirchen.
Hinzu kamen Kindergartenentwicklungsprogramme, Immobilientransfers, Kirchenrenovierungen. Der Anteil kirchlich geführter Gymnasien stieg zwischen 2010 und 2021 von zehn auf über 26 Prozent aller Schulen im Land – finanziert aus dem Staatshaushalt, aber unter kirchlicher Aufsicht.
Die Kirchen übernahmen öffentliche Aufgaben und wurden dafür großzügig entlohnt. Im Gegenzug schwiegen sie. Die Theologin Rita Perintfalvi, Universitätsassistentin in Graz und eine der schärfsten Kritiker:innen dieser Konstruktion, nennt es schlicht "unhaltbar" – die finanzielle Unterstützung der Kirchen sei davon abhängig gemacht worden, wie sich die Kirchen zu Orbáns Politik verhalten, sagte sie vor der Wahl gegenüber der österreichischen Wochenzeitung "Die Furche".
Drei Kirchen, drei Grade der Verstrickung
Anruf bei Daniel Jägers. Der Pfarrer leitet die deutschsprachige evangelische Auslandsgemeinde in Budapest. Im Gespräch mit dem Sonntagsblatt weist er darauf hin, dass es zwischen den drei Kirchen in Ungarn aus seiner Sicht deutliche Unterschiede gebe.
Unsere Recherche bestätigt das. Die Reformierte Kirche ist am engsten mit dem Fidesz-System verwoben – was sich an einer bestimmten Person festmachen lässt: Zoltán Balog. Orbáns ehemaliger Minister für Humanressourcen, spiritueller Mentor des Ministerpräsidenten, Vorstandsmitglied der Fidesz-Parteistiftung – und seit 2021 Vorsitzender der Synode der Reformierten Kirche.
Den Tiefpunkt markierte der Begnadigungsskandal Anfang 2024: Laut Recherchen der unabhängigen Portale "Direkt36" und "Telex" war Balog maßgeblich daran beteiligt, Staatspräsidentin Katalin Novák zur Begnadigung eines wegen Vertuschung von Kindesmissbrauch verurteilten Mannes zu bewegen. Novák trat zurück. Balog räumte seine Beteiligung ein, wollte aber zunächst nicht folgen. Als er schließlich doch den Synodalvorsitz niederlegte, verblieb er weiterhin im Bischofsamt.
Die Katholische Kirche, die Konfession des Landes mit dem größten Bevölkerungsanteil, war systemisch eingebunden: durch finanzielle Abhängigkeit und die stille Kooperation ihrer Führungsfigur Kardinal Erdő. Dieser gilt zwar nicht als enger persönlicher Verbündeter Viktor Orbáns, steht der Fidesz-Regierung jedoch seit 2010 nahe. Auch seine Teilnahme an einem exklusiven Fidesz-Treffen 2023 wurde von vielen als politisches Signal gewertet.
Die Evangelisch-Lutherische Kirche, mit rund zwei bis drei Prozent Bevölkerungsanteil die kleinste der drei, hielt die größte institutionelle Distanz – sie beantragte laut dem Bericht des US-Außenministeriums anders als die anderen Kirchen keine Immobilientransfers, reagierte als einzige Kirche auf Medienanfragen überhaupt (wenn auch nur mit der Erklärung, keine Stellungnahme abgeben zu wollen) und verfügt über keine Balog- oder Erdő-ähnliche Schlüsselfigur.
Positiv hervorheben kann man zudem Tamás Fabiny, von 2018 bis 2024 leitender Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Ungarn und lange Zeit eine der unbequemsten Stimmen im Land. Während Orbán Grenzzäune baute und Asylsuchende bei minus 15 Grad in Zeltlager verlegte, bestand der Bischof darauf, dass die Flüchtlingsfrage in erster Linie eine humanitäre und christliche Aufgabe sei. 2018 solidarisierte er sich offen mit den landesweiten Protesten gegen die Orbán-Regierung.
Was Magyar will – und was er nicht sagt
Péter Magyar hat in seiner Wahlkampfrhetorik das Christentum nicht als kulturpolitischen Kampfbegriff eingesetzt. Der Wahlsieger bezeichnet sich als Christen, aber ohne die aufgeladene Symbolik, die Orbán aus dem Glauben ein politisches Markenzeichen gemacht hatte.
Im 240-seitigen Wahlprogramm der Tisza-Partei wird an der bestehenden Kirchenfinanzierung prinzipiell festgehalten – aber ohne Bevorzugung einzelner Gemeinschaften, mit Transparenz bei den Vergabekriterien und mit dem erklärten Ziel, den Kirchen mehr Unabhängigkeit vom Staat zurückzugeben. Konkrete Zahlen nennt das Programm nicht.
Das eigentliche Problem der ungarischen Kirchen scheint nach dem Machtwechsel jedoch nicht die Finanzierungsfrage zu sein, sondern die Glaubwürdigkeitsfrage. Kirchen, die sechzehn Jahre lang über die Instrumentalisierung des Christentums, über Hetzkampagnen gegen Migrant:innen, über die Kriminalisierung von Obdachlosen, über die Stigmatisierung der LGBTQ-Gemeinschaft geschwiegen haben, werden nun erklären müssen, wie sie ihre gesellschaftliche Rolle neu definieren wollen.