Eine feste Wohnung in Bayern hat Ekaterina Porizko noch nicht. Wo im Freistaat sie ihren "Hauptsitz" am besten aufschlägt, das will sie noch herausfinden. Die ersten 100 Tage im neuen Amt hat sie jedenfalls in den unterschiedlichsten Tagungs- und Gästehäusern, Klöstern und anderen kirchlichen Quartieren zugebracht.

Geboren ist die neue bayerische Landeskirchenmusikdirektorin nicht in Bayern und nicht in Franken, ja nicht einmal in Deutschland, sondern in Russland. Genauer gesagt: in Protwino, 130 Kilometer südlich von Moskau. Dort steht seit Ende der 1960er-Jahre der stärkste russische Protonen-Teilchenbeschleuniger. Die 37-Jährige kommt nämlich weder aus einem besonders musikalischen noch irgendwie christlichen Elternhaus: Ihr Vater war Physiker für Hochenergie und forschte unter anderem auch am CERN in der Schweiz.

Faszination für die Orgel

Russland sei auch nicht gerade ein Orgel-Land, sagt Ekaterina Porizko. Ihre erste Orgel sah sie als Kind im Moskauer Konservatorium bei einem Konzert. Sie war sofort fasziniert von dem gewaltigen Instrument. Und sie habe fortan alles dafür getan, um in Petersburg in die Orgelklasse der Musikhochschule zu kommen. Der Andrang für das exotische Fach war dort dann weit geringer als von ihr zunächst befürchtet.

Bereits mit 14 zog Ekaterina für die Musik nach St. Petersburg an ein Musikgymnasium – allein, ohne Familie. Seither ist sie viel herumgekommen durch die Musik. Sie hat in Petersburg und Pskov studiert, Musikwissenschaft und Komposition, dazu Orgel und Cembalo, später Kirchenmusik an den Musikhochschulen Stuttgart und Köln. Sie war Kantorin in Meerbusch, wo sie das Festival "Meer­Musik" ins Leben rief, und Referentin für Kirchen­musik der evangelischen Kirche im Rheinland. Ihre dirigentischen Fähigkeiten hat sie bis 2023 an der Zürcher Hochschule der Künste verfeinert. Sie hat schon in mehreren Ländern Europas gelebt – unter anderem in Estland, Finnland, Litauen oder der Schweiz –, das prägt. Auch ihre Familie ist über mehrere Länder Europas verteilt.

Musik und christliche Berufung

Ekaterina Porizko liebt Bach, aber noch mehr die Vielfalt der Kirchenmusik: "Jemand wird von Johann Sebastian Bach berührt, ein anderer von John Rutter, und wieder ein anderer braucht einen Gospelsong, der sein Leben ändert", sagt sie.

Eine mystische Kindheitserfahrung hat auch ihr Leben verändert. Ekaterina Porizko trägt diese Geschichte nicht vor sich her, aber sie erklärt, wie ein russisches Mädchen aus einem atheistischen Elternhaus zur evangelischen Kirchenmusik fand. Geboren wurde Porizko 1989, als unter Michail Gorbatschow das Ende der Sowjetunion so richtig Fahrt aufnahm. Mit der Kirche hatte ihre Familie nichts am Hut. "Das war damals ziemlich normal in Russland", sagt sie. Bei einem Kindergartenausflug habe sie dann vor einer Kirchenruine eine Lichterscheinung erlebt, die sie tief berührte. Noch am Abend des Ausflugs habe sie zu ihrem Vater gesagt: "Papa, ich möchte, dass du mich taufen lässt." Der war zunächst dagegen, aber mithilfe ihrer Großmutter setzte sich die kleine Ekaterina schließlich durch.

Ekaterina Porizko
Leidenschaft für Carillons: Ekaterina Porizko leitet das von ihr gegründete internationale Glockenspiel-Festival "Turm und Klang" in Esslingen.

Bis 2014 war Ekaterina Porizko Kantorin der lutherischen Gemeinde in St. Petersburg. In Wladimir Putins Heimatstadt, bis zur Russischen Revolution prachtvolle Hauptstadt des Zarenreichs, leitete sie parallel dazu das internationale Carillon Festival "Musik über der Stadt". Dass sie dann wegging aus Russland (es war das Jahr, in dem der Ukraine-Krieg mit dem Überfall auf die Krim begann), sei eine "sehr bewusste Entscheidung" gewesen, sagt Porizko, für die es nicht nur musikalische Gründe gab. Demokratische Werte und Welt­offenheit seien ihr und ihrer Familie sehr wichtig, sagt sie. "Für mich stehen die kirchenmusikalische Arbeit und die Völkerverständigung im Mittelpunkt", sagt sie. "Ich selbst definiere mich nicht primär über eine nationale Zugehörigkeit oder meinen Geburtsort."

Deutschland ist sie dankbar für seine Bereitschaft, "ausländische Bürger aufzunehmen und zu unterstützen, wenn sie was erreichen wollen". Sie habe hier eine "unglaublich tolle Ausbildung genossen. Ich freue mich, wenn ich diesem Land auch etwas zurückgeben kann."
Ihr Amt in der bayerischen Landeskirche will Ekaterina Porizko vor allem als Team­playerin ausfüllen. "Mir ist wichtig, dass wir Kirchenmusik in aller Vielfalt, die sie bietet, ausüben können", sagt sie. Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker dürften zugleich nicht das Gefühl haben müssen, Einzelkämpfer zu sein.

Kirchenmusik vernetzen für mehr Ausstrahlung

Wie bringt man Tradition und Innovation in einer veränderten, immer säkulareren Gesellschaft zusammen? Auch konzeptionelle Fragen werden – neben Stellenbesetzungen und Personalführung – für sie eine wichtige Rolle spielen. "Ich möchte die Kirchenmusik noch mehr vernetzen, etwa die Festivals miteinander verknüpfen, damit das, was wir machen, noch mehr Ausstrahlung bekommt", kündigt sie an. Dabei dürfte ihr auch die eigene Ausstrahlung zugutekommen – und die für eine noch junge Frau reiche Erfahrung. Ekaterina Porizko hat Konzerte in den USA und ganz Europa gegeben, blickt auf Ausflüge in die Welt der Oper zurück. Als geschickte Fundraiserin habe sie schon sechsstellige Budgets zusammengetragen, teilte die bayerische Landeskirche stolz mit.

Ihre erste Auslandsstation war im Baltikum, im sangesfreudigen Estland. In Tartu, dem ehemaligen Dorpat, befindet sich nicht nur die Estnische Musikakademie, die Stadt ist auch Sitz einer ehrwürdigen Universität, an der bis Ende des 19. Jahrhunderts weitestgehend auf Deutsch gelehrt wurde. Bis heute ist Ekaterina Porizko der estnischen Musik tief verbunden. Die habe noch viel mehr zu bieten als nur den großen Komponisten Arvo Pärt (geb. 1935). Eigene musikalische Akzente will die neue Landeskirchenmusikdirektorin nämlich auch setzen. Zum Beispiel will sie die Kirchenmusik estnischer Komponisten wie Cyrillus Kreek (1889-1962) oder Urmas Sisask (1960-2022) auch hierzulande noch bekannter machen.

Die Pflege eines großen Schatzes

"Die Verkündigungskraft, die in der Musik liegt", ist Ekaterina Porizko überzeugt, "umgeht alle verbalen Kanäle." Egal, wo man die Matthäuspassion aufführe, ob in Deutschland, Spanien oder in Sankt Petersburg – die Botschaft komme unabhängig von der Sprache an und berühre tief die Seele. "Ich kenne sehr viele Menschen in Russland, die über die Kirchenmusik überhaupt erst den Weg zur Kirche gefunden haben." Einer von ihnen war der Pfarrer, der sie einst in Nischni Nowgorod konfirmierte: ein ehemaliger Musikwissenschaftler, der über sein Fach zum Glauben und zu einer neuen Berufung fand.

In ihren ersten 100 Tagen im Amt hat Ekaterina Porizko schon einiges gesehen von Bayern: München, Nürnberg, Bayreuth, Ansbach, Aschaffenburg, Pappenheim und viele weitere Orte. "Jede Woche lerne ich, glaube ich, mindestens 50 neue Menschen kennen", sagt sie. Die Kirchenmusiker vor Ort sind für sie einer der größten Schätze der bayerischen Landeskirche. Ein Schatz, den sie pflegen und noch stärker zum Glänzen bringen will, allem Spardruck zum Trotz.

Leidenschaft für das Turmglockenspiel

Zu den Instrumenten, die Ekaterina Porizko beherrscht und studiert hat, gehört auch das Carillon. Vor allem in Belgien und den Niederlanden ist das Turmglockenspiel verbreitet, aber auch in Nordfrankreich, wie jeder weiß, der schon mal die Kultkomödie "Willkommen bei den Sch’tis" gesehen hat. Gespielt werden die "Tasten", die an Seilen die Glocken bewegen, mit den Fäusten. Studieren kann man das – wie Porizko – an der Musikhochschule Stuttgart. 2016 hat sie in Esslingen das internationale Glockenspiel-Festival "Turm und Klang" gegründet, das sie bis heute leitet.

Auch in Bayern gibt es einige wenige spielbare Carillons. Eines befindet sich in der Münchner katholischen Mariahilfkirche. Ein weiteres, das für die Olympischen Spiele 1972 im Olympiapark errichtet wurde, ist seit fast 20 Jahren bei den Münchner Stadtwerken eingelagert. Es gibt Initiativen, es wieder zu klanglichem Leben zu erwecken.

Ekaterina Porizko hat ihre Fühler in die bayerische Carillon-Szene jedenfalls schon ausgestreckt.

Informationen

Am Freitag, 17. April, um 16 Uhr wird Ekaterina Porizko in einem Festgottesdienst in der Münchner Christuskirche von Kirchenrat Wolfgang Böhm offiziell in ihr Amt eingeführt.

Internet: www.porizko.de