"Würde die AfD Jesus abschieben?" Die Frage klingt zunächst wie eine bewusst provokante Überschrift für soziale Medien. Doch hinter ihr steckt eine ernsthafte Auseinandersetzung: Wie passt die Politik der AfD zu den Werten, auf die sich Christ:innen berufen? Und wer darf eigentlich für sich beanspruchen, im Sinne Jesu zu handeln?

Der Social-Media-Creator Marcant diskutiert darüber mit dem evangelischen Pfarrer Justus Geilhufe aus Mittelsachsen. Fast vier Stunden lang sprechen die beiden über Jesus, Migration, Kirchenasyl, Kapitalismus und die Geschichte der Kirchen im Nationalsozialismus. Dabei widersprechen sie einander und fragen nach, ohne das Gespräch auf einen Schlagabtausch zu reduzieren.

Marcant ist dafür bekannt, politische Themen zugespitzt zu behandeln und auch dort nachzufragen, wo es unbequem wird – etwa bei Auftritten auf AfD-Demonstrationen. Im Gespräch mit Geilhufe geht es nicht nur darum, bestehende Positionen zu bestätigen. Die beiden prüfen vielmehr, welche Konsequenzen sich aus politischen Überzeugungen und religiösen Maßstäben ergeben. 

Politisch stehen Marcant und Geilhufe dabei nicht für zwei völlig gegensätzliche Lager. Geilhufe ist hier keinesfalls ein Gesprächspartner, der als Vertreter der AfD oder ihres politischen Umfelds auftritt. Als evangelischer Pfarrer bringt er vielmehr eine theologische Perspektive in gesellschaftliche Debatten ein und hinterfragt auch, welche politischen Ansprüche sich aus dem christlichen Glauben ableiten lassen.

Wenn sich die Kirche dem Zeitgeist anpasst

Besonders aufschlussreich ist das Gespräch über die evangelische Kirche während des Nationalsozialismus. Geilhufe beschreibt, dass sich evangelische Christ:innen historisch vergleichsweise schnell an gesellschaftliche Veränderungen und den jeweiligen Zeitgeist angepasst hätten. Das könne eine Stärke sein, weil die Kirche dadurch näher an der Lebenswirklichkeit der Menschen bleibe. Es berge aber auch eine Gefahr: Wenn sich die gesellschaftliche Stimmung in eine menschenfeindliche Richtung entwickle, könne Anpassungsfähigkeit in gefährliche Mitläuferschaft umschlagen.

Geilhufe beschreibt diese Problematik mit Blick auf den Nationalsozialismus: 

"Es ist dann die Gefahr, wenn eben sowas wie der Nationalsozialismus entsteht und groß wird, dass eben evangelische Gläubige viel mehr in der Gefahr stehen, dies als die neue Zeit wahrzunehmen, der man sich eben anpassen muss. Und dieser große Fehler ist in der NS-Zeit passiert."

Die historische Perspektive wirft eine unbequeme Frage auf: Wie widerstandsfähig sind religiöse Institutionen gegenüber politischen Entwicklungen, wenn sie sich stark an gesellschaftlichen Mehrheiten orientieren? Wer möglichst vielen Menschen gerecht werden will, muss nicht zwangsläufig die eigenen Überzeugungen verteidigen. Anpassung kann auch bedeuten, grundlegende Maßstäbe aufzugeben, sobald sie unbequem werden.

Geilhufe verweist in diesem Zusammenhang auf Unterschiede zwischen katholisch und evangelisch geprägten Regionen. Tatsächlich war die konfessionelle Prägung ein wichtiger Faktor für das Wahlverhalten in der Weimarer Republik. In katholischen Milieus waren die Bindung an das Zentrum und die dort verankerten sozialen und politischen Strukturen besonders ausgeprägt. In vielen protestantischen Regionen erzielte die NSDAP dagegen früh hohe Stimmenanteile. Daraus folgt allerdings nicht, dass Katholik:innen grundsätzlich immun gegen nationalsozialistische Ideologie gewesen wären.

Auch die katholische Kirche war in das Verhältnis zwischen Kirche und NS-Staat verstrickt. Mit dem Reichskonkordat von 1933 vereinbarte der Vatikan mit der deutschen Regierung die rechtlichen Rahmenbedingungen für die katholische Kirche. Das Abkommen wurde international als Vertrag mit dem NS-Staat wahrgenommen und verschaffte dem Regime damit auch außenpolitische Anerkennung. Zugleich gab es in beiden Konfessionen Menschen, die Widerstand leisteten, Verfolgte unterstützten oder selbst verfolgt wurden. Die Geschichte lässt sich deshalb nicht auf eine einfache Gegenüberstellung einer angepassten evangelischen und einer widerständigen katholischen Kirche reduzieren.

Jesus lässt sich nicht als Parteiprogramm vereinnahmen

Die historische Frage führt zurück zum Ausgangspunkt des Gesprächs: Was bedeutet es, wenn politische Bewegungen sich auf das Christentum berufen? Gerade die AfD und andere rechte Akteur:innen beziehen sich immer wieder auf ein vermeintlich christliches Abendland. Doch ein christliches Selbstverständnis lässt sich nicht allein durch Tradition, Herkunft oder religiöse Symbolik begründen.

Die biblischen Erzählungen von Jesus handeln immer wieder von Menschen, die gesellschaftlich ausgegrenzt werden. Jesus wendet sich Kranken, Armen und Fremden zu und stellt bestehende Vorstellungen von Zugehörigkeit infrage. Daraus lässt sich kein fertiges Parteiprogramm ableiten. Es stellt aber eine Frage an alle, die sich auf ihn berufen: Wie verhalten sich die eigenen politischen Positionen zu Menschenwürde, Nächstenliebe und dem Umgang mit Schwächeren?

Jesus zum ersten Antifaschisten zu erklären, wäre historisch anachronistisch. Der Faschismus ist eine moderne politische Bewegung, die erst lange nach Jesu Tod entstand. Trotzdem ist es legitim, die überlieferten Worte und Handlungen Jesu daraufhin zu befragen, welche Haltung sie gegenüber Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit nahelegen. Entscheidend ist nicht, welcher heutigen politischen Kategorie Jesus zuzuordnen wäre, sondern welche Konsequenzen Christ:innen aus seiner Botschaft ziehen.

Politische Gegner verstehen, ohne ihnen recht zu geben

Der vielleicht interessanteste Aspekt des Podcasts liegt nicht allein in seinen theologischen Antworten. Er zeigt auch, wie politische Auseinandersetzung funktionieren kann, wenn sie mehr sein soll als die Bestätigung der eigenen Haltung.

Marcant könnte sich darauf beschränken, die Positionen der AfD und ihrer Wähler:innen öffentlich zu kritisieren. Wer sich von rassistischen, homophoben oder demokratiefeindlichen Positionen distanziert, hat dafür gute Gründe. Niemand ist verpflichtet, sich persönlichen Anfeindungen auszusetzen oder menschenfeindlichen Aussagen eine Bühne zu geben.

Doch wer verstehen will, warum Menschen bestimmte politische Überzeugungen entwickeln und an ihnen festhalten, muss genauer hinsehen. Welche Erfahrungen und Argumente stehen hinter einer Haltung? Wo liegen Widersprüche? Und an welchen Punkten lassen sich diese offenlegen? Das Gespräch mit Geilhufe folgt zumindest in seinem Anspruch diesem Prinzip: Positionen werden nicht nur bewertet, sondern auf ihre Voraussetzungen und Konsequenzen hin befragt.

Das bedeutet nicht, dass alle Positionen gleichberechtigt wären oder sich jeder Konflikt durch ein Gespräch lösen ließe. Zuhören ist kein Selbstzweck. Es kann aber helfen, die eigene Argumentation zu überprüfen und die Denkweisen anderer besser zu verstehen. Wer politische Einstellungen verändern will, muss zumindest damit rechnen, dass die eigene Botschaft allein nicht ausreicht.

Dass Marcant mit Geilhufe einen Pfarrer einlädt, ist auch deshalb interessant, weil der Creator offenbar selbst mehr Berührungspunkte mit Religion hat, als sein politisches Auftreten zunächst vermuten lässt. Er ist mit der evangelischen Kirche aufgewachsen, obwohl sein Umfeld in der Region Frankfurt katholisch geprägt war. Das Gespräch handelt deshalb nicht nur von politischen Gegensätzen, sondern auch von persönlichen Erfahrungen, Zweifeln und der Frage, welche Bedeutung Religion heute noch haben kann.

Die Frage, ob die AfD Jesus abschieben würde, möchte Geilhufe letztlich nicht beantworten. Die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von christlicher Botschaft, politischer Verantwortung und gesellschaftlicher Ausgrenzung bleibt dennoch zentral. Gerade darin liegt der Wert des Gesprächs: Es liefert kein fertiges Urteil darüber, wer Jesus politisch für sich beanspruchen darf. Es fordert vielmehr dazu auf, die eigenen Überzeugungen an den Maßstäben zu prüfen, auf die man sich beruft.