Der rote Teppich liegt schon bereit, als die ersten Jugendlichen ins Gemeindehaus Wunsiedel kommen. Manche im Hemd, manche im Kleid, andere deutlich entspannter. Niemand muss soll hier in eine Rolle schlüpfen. Aber stylisch darf es schon sein. Kerzenlicht flackert auf den gedeckten Tischen, aus der Küche kommt der Duft des Drei-Gänge-Menüs, das ein ehrenamtliches Team vorbereitet hat. Und irgendwo zwischen Vorsuppe, Casino-Spielen und Gesprächen entsteht an diesem Abend etwas, das in kirchlichen Debatten oft komplizierter klingt, als es sich hier anfühlt: Gemeinschaft.

Rund 40 junge Menschen sind zum "Galaabend 2026" der Evangelischen Jugend Fichtelgebirge gekommen.

Warum der Galaabend für Konfis mehr ist als nur ein Event

Eingeladen wurden Konfirmand:innen aus verschiedenen Gemeinden im Dekanat Selb und Wunsiedel – nicht per nüchterner Rundmail, sondern mit goldenen Umschlägen, als Ehrengäste eines besonderen Abends. Gleichzeitig war die Veranstaltung offen: für Jugendliche, die die Evangelische Jugend einfach mal kennenlernen wollten, für Ehrenamtliche, für alle, "die einfach Bock hatten, einen tollen Abend zu erleben", wie Vanessa Rödel von der Evangelischen Jugend Selb es beschreibt. Heraus kam ein bunt gemischtes Publikum – und ein Abend, der so gar nicht nach dem klingt, was viele mit Kirche verbinden.

Der Galaabend ist Teil eines Konzepts. Die Evangelische Jugend Fichtelgebirge begleitet viele der Jugendlichen schon während der Konfizeit: durch Freizeiten, einzelne Aktionstage, Gruppenangebote. Der Galaabend gehört inzwischen ebenfalls dazu – als bewusster Gegenpol zum Alltag und als Brücke in die Zeit nach der Konfirmation.

"Wir wollen junge Menschen für Glauben begeistern und auch zeigen, dass man Gemeinschaft leben kann, aber auch miteinander feiern kann", sagt Rödel.

Dass Kirche und Galaabend auf den ersten Blick keine klassische Kombination ergeben, scheint dabei fast Teil des Konzepts zu sein. Gerade deshalb gibt es den roten Teppich.

"Von Gott wunderbar gemacht" – Warum Jugendliche hier gesehen werden

Gerade deshalb die festlich gedeckten Tische, das Drei-Gänge-Menü, die Kerzenlichtkulisse. Der goldene Umschlag, mit dem die Konfirmand:innen im Vorfeld eingeladen wurden, setzt diesen Ton bereits. Er signalisiert: Ihr seid keine Zielgruppe, die bespielt wird. Ihr seid Ehrengäste.

"Von Gott wunderbar gemacht"

Was hinter diesem Abend steckt, ist mehr als ein gelungenes Event-Konzept. Es ist eine Haltung. Jugendliche sollen nicht das Gefühl bekommen, geduldet zu sein oder irgendwie hineinpassen zu müssen – sondern willkommen. Gewollt. Gesehen.

"Ich finde, nicht nur Stars und Sternchen dürfen den roten Teppich betreten, sondern auch diese wunderbaren jungen Menschen", sagt Rödel.

Kein Dresscode, kein Druck: Kirche schafft Raum für echte Zugehörigkeit

"Die strahlen von innen heraus, haben ihr schönstes Outfit an und dürfen sich auch wie ein Star fühlen. Sie sind von Gott wunderbar gemacht. Und das dürfen sie zeigen und so sein, wie sie sind, mit all ihren Facetten."

Dieser Gedanke zieht sich durch den ganzen Abend. Jeder konnte das tragen, worin er oder sie sich wohlfühlt. Kein Dresscode, kein Zwang.

"Das war uns natürlich besonders wichtig, dass da keiner gezwungen wird, sondern die so kommen, wie sie eben sind", betont Rödel.

Wer noch sein Konfi-Outfit präsentieren wollte, durfte das – wer lieber in Jeans kam, war genauso willkommen.

Nach dem Essen wird gespielt, geredet, gelacht. Casino-Tische stehen bereit, später wird gemeinsam gefeiert. Dazwischen entstehen Gespräche zwischen Jugendlichen aus verschiedenen Gemeinden, die sich vorher oft gar nicht kannten. Rödel beschreibt den Abend als "Plattform, sich zu connecten". Ein Satz, der näher an der Lebenswelt der Jugendlichen liegt als viele kirchliche Strategiepapiere der vergangenen Jahre. Denn hier geht es nicht zuerst um Programme oder Formate, sondern um Begegnung.

Gegen das Wegdriften nach der Konfirmation

Viele der Jugendlichen haben erst kurz zuvor ihre Konfirmation gefeiert. Manche erleben danach, wie schnell der Kontakt zur Gemeinde abreißt. Der Galaabend setzt genau dort an – nicht mit Druck, sondern mit Atmosphäre. "40 junge Menschen, die gemerkt haben: Hey, wir sind viele, wir stehen im Glauben", sagt Rödel. Dieses gemeinsame Gefühl sei wichtig. Gerade in einem Alter, in dem vieles in Bewegung gerät.

Gerade dann, wenn Jugendliche spüren wollen, "dass sie gehört und gesehen sind – auch in dieser Gemeinschaft. Dass sie sich getragen fühlen."

Ehrenamt, Kerzenschein und rote Teppiche als Botschaft

Dass so ein Abend überhaupt möglich wird, liegt auch an den Menschen im Hintergrund. Das Drei-Gänge-Menü – von der Vorsuppe bis zum Nachtisch – wurde von einem ehrenamtlichen Team gekocht. Alles selbst gemacht, alles mit Sorgfalt. "Alles, was das Herz begehrt", beschreibt Rödel das Menü. Der Aufwand ist beträchtlich. Aber genau darin steckt eine Botschaft: Dieser Abend soll nicht wie ein beliebiger Programmpunkt wirken. Jugendliche merken sehr genau, ob Erwachsene nur ein Angebot verwalten – oder ob sie sich wirklich Mühe geben.

Der rote Teppich am Eingang mag auf den ersten Blick wie eine Spielerei aussehen. Tatsächlich verändert er den Raum sofort. Wer darüber läuft, wird wahrgenommen. Begrüßt. Für einen Moment in den Mittelpunkt gestellt – ohne Leistung bringen zu müssen.

"Es dürfen junge Menschen vor Ort auch spüren, dass sie besonders und einmalig sind", sagt Rödel. "Und das kommt mit so einem schicken roten Teppich natürlich auch ganz gut rüber."

Mehr als ein netter Abend: Was Kirche von solchen Momenten lernen kann

Natürlich löst ein Galaabend keine Kirchenkrise. Jugendliche kommen nicht automatisch dauerhaft zurück, nur weil es Kerzenschein und Casino-Spiele gibt. Aber vielleicht liegt genau darin eine Stärke dieses Abends: Er will gar nicht krampfhaft cool sein oder irgendetwas beweisen. Er schafft einen Raum, in dem Jugendliche miteinander essen, feiern, spielen und über Glauben nicht peinlich berührt schweigen müssen. Einen Raum, in dem das Ja der Konfirmation nicht sofort wieder verhallt, sondern noch einmal nachklingt – diesmal gemeinsam, mit anderen, die dasselbe erlebt haben.

"Ich bin sehr froh, das ausprobieren zu dürfen", sagt Rödel. "Und wir freuen uns schon auf den nächsten Galaabend.