3.05.2017
Sommer der Reformation

Weltausstellung in Wittenberg: Bayerischer Garten

Nur noch wenige Wochen trennen Wittenberg vom Startschuss zur Weltausstellung. Hier am Nullmeridian der Reformation feiert die evangelische Kirche in diesem Sommer mit hunderten Veranstaltungen ihr 500-jähriges Bestehen. Auch die Evangelisch-Lutherische Kirche aus Bayern (ELKB) ist dabei. Unsere Reporterin Christina Özlem Geisler war vor Ort und hat sich das Gelände der Bayern angesehen.
Bayerischer Garten in Wittenberg
Gelände des Bayerischen Gartens in Wittenberg bei der Weltausstellung zur Reformation.

Schon von Weitem wird man ihn lokalisieren können. Einen Katzensprung vom Lutherhaus entfernt, zwischen Schrebergärten und dem Gebäudetrakt der Universitätsstiftung Leucorea, gleich neben dem Riesenrad der Seelsorge: genau da liegt das Terrain des "Bayerischen Gartens". Auf 1.000 Quadratmetern darf sich die Landeskirche Bayerns hier für die 16 Wochen des Reformationssommers einrichten. "Einen schönen Ort gestalten" möchte sie, "mit Ausstellungselementen, einem Biergarten und Blumenbeeten", sagt Pfarrer Roger Schmidt von der Projektstelle Reformationsdekade der ELKB. "Damit das, was in Wittenberg herangewachsen ist, nach 500 Jahren nochmal Wurzeln schlagen kann."

Mit Phantasie wird der Parkplatz zum Garten

Es ist kurz nach Ostern und durch die historischen Gassen der Wittenberger Altstadt pfeift immer noch ein sibirisch anmutender Wind, der die Frühlingsblüher zu Boden drückt. Dort, wo sich bald bunte Pflanzen um den Pavillon des bayerischen Gartens ranken sollen, liegen Asphalt und Pflastersteine, darauf ein Parkplatz. Doch mit ein bisschen Phantasie kann man schon jetzt durch den Garten hindurchspazieren.


In der Mitte des Geländes steht auf einem Podest das Herzstück, die kreisrunde Agora. Passend zu den 16 Themenwochen der Weltausstellung erzählt hier mal die brasilianische  Partnergemeinde von der Reformation in ihrer Heimat, singt ein anderes Mal der Kanaani-Chor aus Tansania. Jeden Tag um 12 Uhr halten Pfarrer Schmidt oder seine Kollegin Britta Mann eine Mittagsandacht. Auf der Stufe zur Agora sitzt eine Gruppe Konfirmanden. Eine der vier Ehrenamtlichen, die jede Woche aus einer bayerischen Gemeinde nach Wittenberg kommen, streut den Jugendlichen Samen in die Hand. So können auch sie Blumen pflanzen in den Beeten um die Rotunde aus Stahl.


"Neben dem Wachstumsaspekt geht es unserer Landeskirche aber auch darum, die Bedeutung der Reformation für die Geschichte und unser Leben heute sichtbar und erlebbar zu machen", erklärt Roger Schmidt. An sechs Inforondellen um den Pavillon, den der Frankfurter Künstler Jochem Hendricks in den Farben des Kirchenjahres gestaltet, werden darum Personen aus der bayerischen Kirchengeschichte vorgestellt – in Hörbeispielen, Videosequenzen oder Lesestücken. Drei Männer und drei Frauen, jeder von ihnen Reformator einer Epoche seit Martin Luther.

Pavillion Wandel Lorch Architekten
Der Künstler Jochen Hendricks plant die sechs Inforondelle um den Pavillion in den Farben des Kirchenjahrs zu gestaltet.

Da steht die Jugendleiterin Else Müller aus Oberfranken, die sich im 20. Jahrhundert für die innerchristliche Ökumene einsetzte, neben Karl Steinbauer, einem der Gründer der Bayerischen Pfarrbruderschaft, die sich gegen den NS-Staat im "Dritten Reich" auflehnte. Oder der Missionar Johann Flierl, der um die letzte Jahrhundertwende die Gründung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Papua-Neuguinea antrieb. Will man von ihm zu Amalie Rehm, der ersten Oberin der Diakonissengemeinschaft Neuendettelsau, muss man dem Angebot des Biergartens widerstehen. Für bayerische Spezialitäten sorgt der Wittenberger Gastronom "Haus des Handwerks", der für seine Speisekarte auf regionale Anbietern setzt. Besonders viel zu hören gibt es schließlich zwischen dem Rondell des Komponisten Johann Pachelbel und der italienischen Humanistin Olympia Morata, einer Symbolfigur für die Gleichberechtigung der Frau. Bei ihr endet der Rundgang durch die Reformationsgeschichte im 16. Jahrhundert.


Wer in der Historie der Christenheit noch weiter zurückgehen möchte, kann die längste Krippe der Welt entlangschlendern. Für jedes Jahr seit Jesu Geburt hat der Tübinger Künstler und überzeugte Christ Martin Burchard ein Kantholz verwendet. So ist eine Art Zeitstrahl aus 2.017 Stücken Holz und von mehr als 80 Metern Gesamtlänge zustande gekommen, etwa 1,50 Meter misst das Kunstwerk in der Breite. Vier Sattelschlepper haben die 68 Segmente hierhergebracht. Ereignistafeln zeigen wichtige Neuanfänge in der Historie der Kirche und das Edelstahlblech in der Mitte der Krippe spiegelt je nach Perspektive den Himmel oder einen selbst.


Und wenn die Weltausstellung am 10. September zu Ende geht? Was bleibt vom Sommer der Reformation? Was wird dann sein, wo bald Samen keimen, Blumen sprießen und Wurzeln schlagen? Hoffentlich mehr als nur Asphalt, Pflastersteine, darauf ein Parkplatz.

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