27.04.2018
Kommentar

Beim Antisemitismus nicht mehr wegschauen!

Was jeder von uns gegen alten und neuen Judenhass tun kann. Kommentar von Markus Springer
Kollegah, München 2015, und Häftlinge in Auschwitz-Birkenau
Der Rapper Kollegah auf einem Konzert 2015 - Porträts von Häftlingen des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau.

 

Der Skandal um die Verleihung des Deutschen Musikpreises "Echo" an die umstrittenen Rapper Kollegah und Farid Bang hat sichtbar gemacht, was man wissen konnte, aber vielleicht nicht wissen wollte: Deutschland hat ein Antisemitismus-Problem.

Der eigentliche Skandal ist weniger die Mechanik des Echo-Preises (der nach Verkaufszahlen vergeben wird) oder ob dessen Ethik-Beirat samt seinem EKD-Vertreter versagt hat – sondern dass sich das Album mit den menschenverachtenden und antisemitischen Zeilen so gut verkauft.

Darüber darf man und muss man erschrecken – ebenso wie über die zunehmende Zahl von antisemitischen Übergriffen auf vielen deutschen Schulhöfen, wo "du Jude" inzwischen wieder ein gängiges Schimpfwort ist, oder die jüngsten Attacken in Berlin, von denen es sogar Videos gibt. Zuletzt prügelte ein junger syrischer Flüchtling mit "du Jude" auf einen Kippa tragenden Israeli ein; zuvor machte die Runde, wie ein "biodeutscher" Bürgersmann einen jüdischen Gastwirt antisemitisch anpöbelte.

Der Berliner Psychologe Ahmad Mansour ist als arabischer Antisemit in Israel aufgewachsen. Heute arbeitet er mit muslimischen Jugendlichen und mit Geflüchteten. Auf den Antisemitismus in Deutschland hat Mansour einen differenzierten Blick: Er sei überall, rechts, links und in der politischen Mitte zu finden. Besonders aber unter Muslimen. Teilweise bis heute weigere sich die deutsche Mehrheitsgesellschaft jedoch, hier genauer hinzusehen. Eine wichtige Rolle für den "scharfen" muslimischen Antisemitismus spielt Mansour zufolge der Nahost-Konflikt, dazu kommt religiöser Fundamentalismus. Verschwörungstheorien, wie sie auch Kollegah und Farid Bang verbreiten, sind weitverbreitet.

Die Berufung eines Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung ist gut und richtig; aber sie darf nicht zum folgenlosen Feigenblatt für ein billiges "Wir tun doch was!" werden. Richtig und wichtig ist es auch, antisemitische Attacken in einem zentralen Meldesystem zu erfassen.

Dabei darf es nicht bleiben. Antisemitismus geht jeden Einzelnen an. Gerne wird beim Kampf gegen den Antisemitismus ebenso wie bei der Solidarität mit Israel die deutsche "Staatsräson" beschworen. Das klingt nach höherer Gewalt. Dabei gebieten beides die Vernunft und die Menschlichkeit. Und sollte "Bürgerräson" der Menschen dieses Staats sein.

Was also jeder Einzelne tun kann gegen Antisemitismus? Nicht wegschauen. Das Thema nicht kleinreden, nichts relativieren und nichts beschönigen. Auf keiner Seite, nicht beim linken, nicht beim rechten und nicht beim muslimischen Antisemitismus. Und auch nicht, wenn der Antisemitismus als "Israelkritik" daherkommt. Das wäre ein Anfang.

 

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Judenhass

Hinter »Israelkritik« oder der »BDS«-Bewegung verbirgt sich heutiger Antisemitismus (Demonstranten in Australien, 2010).
Von "Kippa Colonia" bis "Berlin trägt Kippa": In mehreren deutschen Städten gab es Ende April 2018 Solidaritätsaktionen für jüdische Bürger. Anlass waren der Echo-Skandal um die Rapper Kollegah und Farid Bang unddie Häufung antisemitischer Übergriffe - zuletzt auf zwei Männer mit Kippa in Berlin. Doch was ist eigentlich Antisemitismus? Ein Überblick.
Sonntagsblatt