Fritz Griebel war nicht nur ein bedeutender Künstler Frankens, sondern auch ein stiller, tief im Protestantismus verwurzelter Mensch. Seine religiöse Prägung zieht sich wie ein Leitmotiv durch sein gesamtes Werk – besonders sichtbar in zahlreichen Werken, die ihren Platz auch in evangelischen Kirchen Bayerns gefunden haben.

Die Amberger Ausstellung zeigt die enorme Bandbreite seines Schaffens: über 3000 Werke aus dem Nachlass sind vereint. Darunter befinden sich Ölgemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Scherenschnitte, Papiercollagen sowie Entwürfe für Stickereien und großformatige Gobelins.

Die Präsentation ist thematisch in zehn Segmente gegliedert: von den frühesten Kindheitsarbeiten über die Entwicklung seiner Scherenschnitte bis zu Lieblingsmotiven wie Jahreszeiten oder arkadischen Szenerien. Auch technische Spezialitäten der Klebebilder, das Schattentheater und seine Lehrzeit an der Nürnberger Akademie sind enthalten – ergänzt durch biografische Zugänge und Beiträge aus dem Familien- und Schülerkreis. Höhepunkte der Schau sind das Selbstporträt (1924), das einen faszinierenden Blick in die junge künstlerische Seele bietet, daneben ein naturalistisch liebevoll angelegtes Blumenstillleben mit Gertrud Griebel (1939) oder eine Fotografie Griebels an der Staffelei (1963), die einen intimen Moment hinter den Kulissen zeigt.

Innovativ ist der interaktive Aufbau: An Mitmachstationen können Besucher selbst in Techniken wie Scherenschnitt oder Klebebild einsteigen. Besucher berichten sich gegenseitig ihre Eindrücke und Erlebnisse – sei es Erleben mit Fingern, Ohren, Augen oder Nase – und lassen so erlebbar werden, wie Griebel Kunst als Sinneserfahrung verstand.

Rechenbuch, gestaltet von Fritz Griebel
Rechenbuch, gestaltet von Fritz Griebel.

Seine Kunst ist heute noch im öffentlichen Raum allgegenwärtig. In der evangelischen Kirche St. Leonhard-Schweinau in Nürnberg sind bis heute drei Gobelin-Tapisserien Griebels zu sehen. Darunter der eindrucksvolle Weihnachtsgobelin aus den 1960er-Jahren – ein Werk, das in reduzierter, klarer Bildsprache die Verbindung von Sündenfall und Erlösung aufgreift.

In der St. Nikolauskirche in Dehnberg zeigt ein Bildteppich mit dem "Schmerzensmann" den leidenden Christus – ein zentrales, meditatives Werk der Passionszeit. Und darüber hinaus finden sich in vielen evangelischen Gemeindekirchen Bayerns Scherenschnitt-Entwürfe und Kalenderillustrationen, wie in der Reihe "Zeichen der Christenheit" (1959) oder "Gottesgarten" (1922), die in Gemeindebibliotheken, Kirchenarchiven oder liturgischen Wanderausstellungen überdauert haben.

Das Religiöse ist überall

Die Religiosität Fritz Griebels sei allgegenwärtig in seinen Werken und Erzählungen. "Mein Großvater war Pfarrer im alten Sinne", beginnt Peter Griebel, und "mein Vater war ein ganz frommer Mann, geprägt von der Bergpredigt". Ein prägendes, zutiefst einschneidendes Erlebnis war der Tod seines zwei Jahre älteren Bruders im Ersten Weltkrieg, nur wenige Tage vor Kriegsende im Oktober 1918. "Das war für meinem Vater so schlimm, dass er ab da voll Pazifist war". Diese tief verwurzelte Abneigung gegen den Krieg spiegelt sich in seinen Entwürfen wider, etwa dem nicht realisierten Kirchenfenster für St. Lorenz in Nürnberg, das explizit "Krieg, Vertreibung", flüchtende Menschen und Feuer thematisieren sollte. Griebels Glaube sei keine Angelegenheit des Haderns oder Zweifels, gewesen: er war "einfach Gott gegeben".

Schon als junger Künstler reiste er nach Italien, vertiefte sich in Museen, Friedhöfe und Kirchen, suchte nach Bibelsprüchen auf Lateinisch und studierte, wie Künstler das Christentum darstellten. Auch zuhause prägte der Glaube den Alltag: Vor dem Essen und vor dem Schlafengehen wurde gebetet, die Familie lebte im Kirchenjahr. Ein beeindruckendes Zeugnis dieser Verankerung ist das Plakat "Das Jahr der Kirche", das lange in Schulen verwendet wurde und erst bei der Nachlassaufarbeitung aufgerollt aus einem Keller "zwischen Kellerasseln und Spinnen" ans Licht kam. Selbst die anfängliche Amüsiertheit Jutta Griebels über die zahlreichen Vogelmotive in Griebels Werk wich einem tieferen Verständnis, als sie die Verbindung zu Franz von Assisi und seiner Vogelpredigt herstellte.

Ein Kind des Glaubens und der Natur

Geboren wurde Fritz Griebel am 12. August 1899 im unterfränkischen Engenthal – als Peter Christoph Friedrich. Er war der Sohn des evangelischen Pfarrers Georg Peter Griebel und dessen Frau Marie-Luise. Aufgewachsen in einer geistlich geprägten Umgebung in Heroldsberg, entwickelte er früh eine Verbindung zwischen religiöser Sinnsuche und künstlerischem Ausdruck.

Schon mit sieben Jahren malte er botanisch präzise Pflanzenporträts. Seine künstlerische Ausbildung begann dank eines Unterstützers der Familie, Professor Rudolf Schiestl, an der Kunstgewerbeschule in Nürnberg – ermöglicht durch den sogenannten "Genieparagraphen", der hochbegabten Schülern den Hochschulzugang erlaubte.

Nach einem Jahr Wachdienst im Ersten Weltkrieg – sein Bruder Paul fiel im Krieg – wandte sich Griebel nach Kriegsende wieder der Kunst zu. Besonders den Scherenschnitt entwickelte er zur künstlerischen Meisterschaft. Was lange als angestaubte Technik galt, formte er zu moderner Ausdruckskraft: Florale Kompositionen, Tierstudien, biblische Szenen – mit oft winzigen, zarten Motiven.

In vielen dieser Werke zeigen sich seine religiösen Wurzeln: der heilige Franziskus predigt den Vögeln, Engel und Lilien zieren seine Bilder, göttliche Schöpfung und irdisches Leben finden sich in harmonischem Gleichgewicht.

1922 führte ihn der Weg an die Hochschule der Bildenden Künste Berlin, wo er bei Hans Meid studierte. Dort experimentierte er mit Neuer Sachlichkeit, Realismus, bis hin zum Expressionismus. 1927 kehrte er zurück nach Heroldsberg. Seine Teilnahme an Ausstellungen der NS-Zeit – darunter die "Große Deutsche Kunstausstellung" – geschah aus ökonomischem Zwang, nicht ideologischer Nähe. Er war nie NSDAP-Mitglied.

Während andere Werke der Zeit das Heroische oder Kriegsverherrlichende betonten, blieben Griebels Motive menschlich, intim, leise: Porträts, Natur, Architektur – fern politischer Pose. Und gerade deshalb passten sie sich der Zeit still an, ohne sich ihr auszuliefern.

Peter Griebel vor einem Bildnis seines Vaters, das ihn als Kind mit seiner Schwester zeigt.
Peter Griebel vor einem Bildnis seines Vaters, das ihn als Kind mit seiner Schwester zeigt.

Krieg und Rückzug ins Private

Griebels Ehe mit der Ärztin Gertrud begann 1940. In den Kriegsjahren zog sich Griebel – oft im Luftschutzdienst, aber fern der Front – in das Familiäre zurück. Seine Kinder Annette und Peter, seine Frau und das Leben im Alltag wurden zu den zentralen Motiven.

Er führte ein Familientagebuch, zeichnete Bilderbücher für seine Kinder, in denen religiöse Themen, Jahreszeiten und Familienrituale verschmolzen. Diese Werke sind nicht nur liebevolle Illustrationen, sondern eine kunsttheoretische Rückbesinnung: auf das Ursprüngliche, auf das Ehrliche – eine fast biblische Klarheit in der Darstellung kindlicher Unschuld.

Nach dem Krieg lebte er von 1946 bis 1967 eine zweite Künstlerexistenz – als Professor für Malerei und freie Grafik an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. In einer Zeit des Mangels – ohne Materialien, ohne Räume – baute er gemeinsam mit Studierenden ein neues Fundament. Zwei Jahre nach Amtsantritt wurde er Direktor. Die von ihm 1941 gegründete und bis 2004 bestehende Nürnberger Gobelin-Manufaktur verband die Tradition der fränkischen Bildwirkerei mit den Erfordernissen des modernen Gobelins.

Griebel war jetzt nicht nur Lehrer, sondern Kulturarchitekt: Er organisierte Heizmaterialien, Unterrichtsräume, eine Mensa – und ließ durch praktische Kooperation mit Handwerksbetrieben die Akademie langsam wiederaufleben. Zu seinen Schülern zählten bekannte Künstler wie Michael Mathias Prechtl.

Auch in späteren Jahren blieb seine Kunst geprägt von der Idee der Harmonie. Seine Reisebilder – aus Schweden, Rom, Norwegen – zeigen Landschaften in stiller Klarheit. Besonders faszinierend: die Serie der Badenden – inspiriert von Cézanne, interpretiert als Vision einer besseren Welt, in der Menschen frei, friedlich und naturverbunden leben.

Fritz Griebel starb 1976 in Heroldsberg. Seine Frau Gertrud folgte 1990. Heute verwalten Sohn Peter und Schwiegertochter Jutta den Nachlass. Seine Werke sind zu sehen im Stadtmuseum Amberg, dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, im Weißen Schloss Heroldsberg – und nicht zuletzt: in den Kirchen Bayerns, wo sein Glaube bis heute weiterstrahlt.

Jutta Griebel mit dem Entwurf des Fensters für St. Lorenz in Nürnberg
Jutta Griebel mit dem Entwurf des Fensters für St. Lorenz in Nürnberg.

Von den Nachfahren in die Gegenwart geholt

Jutta Griebel, Schwiegertochter des Künstlers, und sein Sohn Peter Griebel wandeln immer wieder durch die Räume, in denen die vielschichtige Kunst ihres Vaters und Schwiegervaters zum Leben erweckt wird – ein Ergebnis über 20 Jahre langer, leidenschaftlicher Recherche.

Für Jutta Griebel war die Aufarbeitung des Nachlasses eine Reise voller Erstaunen. Anfänglich "unbedarft" in Kunstgeschichte, überwältigte sie die schiere Menge und Schönheit der Werke, die sich in Kisten und Mappen ansammelten. Ihr Herz habe wirklich "geklopft, weil das war so schön, das war alles so schön", als sie die ersten aufgerollten Stücke sah. Ihr war sofort klar: "die Sachen sind viel zu schön, um sie wegzuwerfen oder zu verkaufen oder wir müssen das alles einmal genau anschauen".

Nach dem Tod von Fritz Griebels Mutter und Schwester lagerten die Kunstwerke des Vaters zunächst bei Nichten und Neffen und wurden schließlich in das Haus von Jutta und Peter Griebel gebracht. Jutta Griebel gibt zu, sie habe anfangs "gar nicht gewusst, was ich da habe".

Die Recherche erwies sich als komplex und erforderte externe Expertise. Bei der Entdeckung eines Gobelins namens "Himmelskönigin" in der Münchner Christkönigskirche stellte sich heraus, dass selbst der Mesner nichts über dessen Herkunft wusste. Jutta Griebel fand das Monogramm "GM" darauf und kontaktierte Matthias Kammel von "Kunst und Krempel", der es als Zeichen der nicht mehr existierenden Münchner Gobelmanufaktur identifizierte.

Ein entscheidender Wendepunkt war der Kontakt zu Antje Buchwald, einer Kunsthistorikerin und Expertin für Scherenschnittkunst. Buchwald wurde zur Beraterin der Familie. Die Familie besuchte das Hauptstaatsarchiv in München, wo sie "vor den Bergen von Unterlagen" saßen. Das anfängliche Ziel, die Werke zu dokumentieren, entwickelte sich schnell zu der Erkenntnis, dass "das reicht gar nicht aus, dass wir es wissen. Da müssen wir Buch drüber machen." Die Ausstellung in Amberg ist somit nicht nur eine Hommage an einen bedeutenden Künstler, sondern auch ein eindrucksvolles Zeugnis der Hingabe seiner Familie, die ein verstecktes Erbe mit unermüdlichem Einsatz wieder ans Licht holte.

Fleiß und Inbrunst

Fritz Griebel wird von seinem Sohn Peter und seiner Schwiegertochter Jutta als ungemein fleißiger Mensch beschrieben. "Sein Leben war ein ständiges Schaffen als Künstler, Lehrer und Akademiedirektor", bestätigt Peter Griebel. Nach dem Krieg widmete er sich ganz dem Wiederaufbau der Nürnberger Akademie, wo er drei Aufgaben gleichzeitig bewältigen musste: die Verwaltung, den Wiederaufbau und die intensive Betreuung seiner Studenten. Er war den ganzen Tag in der Akademie präsent, "wenn einer geklopft hat, da war immer da".

Peter Griebel erinnert sich, dass die Kunst seinen Vater auf Reisen ständig begleitete. Bei Familienreisen ging es nicht "in den Urlaub" im üblichen Sinne. Die Familie besuchte Friedhöfe, Museen oder Kirchen.

Jutta Griebel ist überzeugt, dass Griebels Glaube ihm auch im Berufsleben Kraft gab: "das hat er nur ausgehalten, weil er ein gläubiger Mensch war". Als Direktor der Nürnberger Kunstakademie nach dem Krieg sah er sich einem "Wahnsinn" gegenüber – dem Wiederaufbau inmitten "nur Anfeindungen" von Kollegen und Architekten. Trotz der großen Gegensätze zwischen Katholiken und Protestanten seiner Zeit arbeitete er bestens mit dem katholischen Reformpädagogen Leo Weismantel zusammen. Die enge Bindung zur Nürnberger Lorenzkirche war ebenfalls prägend: Die Kunsthistorikerin Milena Bergmann entdeckte dort ein Kirchenfenster mit Josua und Kaleb, das einem Griebel-Gobelin verblüffend ähnelte.

Besonders faszinierend findet Jutta Griebel die enorme Bandbreite der künstlerischen Techniken, die Fritz Griebel beherrschte. Von seiner Ausbildung in Buchschmuck und Grafik, die ihm früh ein Einkommen sicherte, bis hin zu einem Studium der Malerei in Berlin, beherrschte er alle grafischen Techniken – "ob das jetzt Linolschnitt, Holzschnitt, Lithographie, all das hat er ja gelernt gehabt". Auch in der Malerei umfasste sein Repertoire Aquarelle und Ölgemälde. Diese Vielseitigkeit sei heute ungewöhnlich.

Märchenbuch zum Weihnachtsfest 1945
Märchenbuch zum Weihnachtsfest 1945.