Eine Sonderausstellung im Diakoniemuseum Rummelsberg beleuchtet die ambivalente, oft erschütternde Rolle der Inneren Mission im "Dritten Reich". Die Schau verdeutlicht, wie sich einzelne Einrichtungen zwischen Anpassung, Mitlaufen und punktuellem Widerstand positionierten - und wie nahe christliche Wohlfahrt und nationalsozialistische Herrschaft zeitweise beieinanderlagen.
NS-Euthanasieprogramm der Diakonie
Es sind nur fünf knappe Sätze, doch sie verdichten ein ganzes Kapitel deutscher Geschichte.
"Heute war eine Kommission bei Karl wegen der Kranken im Siechenheim. Eiskalt sind die! Was wird werden."
So schrieb Marie Nicol (1890-1965), Ehefrau des Rummelsberger Rektors, am 15. April 1941 in ihr Tagebuch. Gemeint war der Besuch einer Auslesekommission, die im Rummelsberger Altenpflegeheim Bewohner im Rahmen des NS-"Euthanasieprogramms" auswählen sollte. Diese Szene ist Teil einer Ausstellung, die ab 24. April 2026 im Diakoniemuseum Rummelsberg zu sehen ist – und die bewusst nicht auf tröstliche Erzählungen setzt.
Unter dem Titel "Eiskalt sind die!" widmet sich die Schau der Geschichte der Diakonie (der früheren Inneren Mission) in Bayern während der NS-Zeit. Sie macht sichtbar, was lange ausgeblendet wurde: die Nähe vieler protestantischer Akteure zur nationalsozialistischen Ideologie, ihre Hoffnungen auf eine "Versöhnung von Kirche, Volk und Staat" – und ihr Versagen gegenüber einem zunehmend mörderischen Regime.
Gerade in Bayern, vor allem im evangelisch geprägten Franken, stieß der Nationalsozialismus früh auf breite Zustimmung. Wahlergebnisse von bis zu 90 Prozent für die NSDAP waren keine Ausnahme. Diakonische Verantwortungsträger schlossen sich der "nationalen Erhebung" 1933 vielfach begeistert an.
In einer Loyalitätserklärung stellte sich die Innere Mission "hinter die Regierung Adolf Hitlers, des Führers, den Gott unserm deutschen Volk gegeben hat". Der Neuendettelsauer Rektor Hans Lauerer (1883-1953) sprach vom "herzlichen Zusammenklang zwischen unserer Diakonie und unserem Deutschtum".
Die Ausstellung zeigt, wie dieses Denken konkrete Formen annahm. Das sogenannte "Führerprinzip" wurde auch in der Diakonie eingeführt, Einrichtungen ordneten sich staatlichen Vorgaben unter, manche Arbeitsfelder – etwa die Fürsorge für Obdachlose – wurden vollständig an den NS-Staat abgegeben. Zugleich wurden Bewohnerinnen und Bewohner diakonischer Einrichtungen zwangssterilisiert, deportiert und ermordet. Über 1.500 Menschen aus dem Umfeld der Inneren Mission in Bayern fielen der NS-"Euthanasie" zum Opfer.
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs radikalisierte der NS-Staat auch die sozialpolitischen Maßnahmen, Hitler verfügte, dass "nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranke bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann". Die in Berlin ansässige Zentraldienststelle "T4" organisierte daraufhin Deportationen von Menschen mit geistiger Behinderung oder psychischen Krankheiten in eigens dafür eingerichtete Tötungsanstalten. Bis August 1941 wurden rund 70.000 Menschen ermordet.
Ausstellung über Diakonie widmet sich auch der Geschichte der Opfer
Die Schau im Diakoniemuseum zeigt auch Ambivalenzen: Von Einzelnen, die manche Maßnahmen verzögerten, blockierten oder – wie Karl Nicol in Rummelsberg – die Herausgabe von Schutzbefohlenen verweigerten. Offenen Widerstand jedoch gab es kaum. Selbst als man von den Tötungen wusste, wurde öffentlicher Protest abgelehnt: Man könne, so hieß es 1940, "nicht dem Volk gegenüber" sprechen, weil dies ihm schade.
Besonders herausgehoben werden auch einige Geschichten der Opfer. So wurden die Biografien von zwölf Menschen ausgewählt, die in Verbindung zu Einrichtungen der Inneren Mission gehörten und in die tödliche Maschinerie der NS-Rassenpolitik gerieten.
Kuratiert auf Grundlage eines mehrjährigen Forschungsprojekts mit internationaler Beteiligung, arbeitet die Ausstellung unter Leitung des Museumsdirektors und Kurators Thomas Greif mit historischen Fotos, Filmen, Dokumenten, Audiostationen und biografischen Graphic Novels. Besucher können sogar per KI-Audiostation mit dem Rummelsberger Rektor und Vorsitzenden des Landesvereins für Innere Mission, Karl Nicol, ins Gespräch kommen.
Die Botschaft der Ausstellung ist klar und unbequem: Die Geschichte der Diakonie im Nationalsozialismus ist keine Heldengeschichte, sondern eine von Verstrickung, Blindheit und verspäteter Aufarbeitung. Und die Schau stellt Fragen, die über Rummelsberg hinausweisen: nach Verantwortung, nach der Macht von Ideologien – und nach der Bedeutung christlicher Nächstenliebe, wenn sie unter politischen Druck gerät.
"Eiskalt sind die!" - Ausstellung über Diakonie im Nationalsozialismus in Rummelsberg
Die Ausstellung "Eiskalt sind die! Diakonie und Nationalsozialismus" ist von 24. April 2026 bis 14. Dezember 2028 zu sehen.
Das Museum hat jeden Dienstag und Donnerstag sowie jeden ersten Sonntag im Monat von 14 Uhr bis 17 Uhr geöffnet.
Hier geht es zur Webseite des Museums