Wenn in Franken die Karpfensaison beginnt, landet der beliebte Speisefisch wieder auf zahlreichen Tellern. Doch was, wenn die Karpfen selbst genug davon haben, immer nur als kulinarische Spezialität betrachtet zu werden? Der fränkische Schriftsteller Helmut Haberkamm gibt ihnen eine Stimme – und ein ziemlich eigenwilliges Eigenleben. In seinem neuen Buch "Die Kampfkarpfen. Ein tierischer Ko-Mix in Wort und Bild" schickt er vier ungewöhnliche Weiherbewohner in turbulente Abenteuer. Die von Kurt Neubauer illustrierten Geschichten verbinden fränkischen Sprachwitz mit Satire, Poesie und jeder Menge Schabernack. Das Buch ist im Cadolzburger ars vivendi Verlag erschienen.
Im Mittelpunkt stehen vier höchst unterschiedliche Charaktere: der einäugige Mosche, der schöne Haui mit edlem Koi-Einschlag, der tätowierte Mucki-Doni mit Waschbrettbauch und der lyrisch veranlagte Rainer Maria. Gemeinsam nehmen sie es mit ihren Erzfeinden auf, dem gefräßigen Waller und dem Kormoran, und geraten dabei auch mit der Menschenwelt aneinander. Aus den Abenteuern der vier Fische entsteht eine Mischung aus Fabel, Comic und humoristischer Erzählung, die das vertraute Bild vom trägen Karpfen gründlich auf den Kopf stellt.
"Ich wollte schon immer mal etwas Humoristisches machen, aber geistreich – auf keinen Fall platt oder klischeehaft", sagt Haberkamm über seinen schriftstellerischen Anspruch. Ihm geht es nicht um billige Witze oder Stammtischparodien, sondern um einen Humor, der genauer hinschaut und zwischen den Zeilen mehr entdeckt als die bloße Pointe. Auch die "Kampfkarpfen" sind deshalb mehr als eine augenzwinkernde Hommage an den fränkischen Speisefisch. Sie erzählen von Eigenheiten, Konflikten und dem Zusammenleben – und halten der Welt der Menschen auf tierische Weise den Spiegel vor.
Für die passende Tonlage hat sich Haberkamm intensiv in seiner Heimatregion umgehört. Er begab sich auf Spurensuche in den Dörfern des Aischgrunds, besuchte traditionelle Dorfwirtschaften und lauschte den Geschichten der Menschen vor Ort. Aus Anekdoten, Beobachtungen und Erzählungen entstand das sprachliche Material für seine Fabel. Die Figuren und ihre Dialoge leben dabei von jener Mischung aus Bodenständigkeit, Witz und sprachlicher Genauigkeit, die Haberkamms literarisches Werk seit Jahrzehnten prägt.
Die Sprache Frankens als literarischer Schatz
Helmut Haberkamm wurde 1961 in Dachsbach im mittelfränkischen Aischgrund geboren und wuchs in einer Landschaft auf, die von Weihern, Dörfern und einer lebendigen Mundart geprägt ist. Heute gilt er als einer der profiliertesten Vertreter der modernen fränkischen Dialektliteratur. Für ihn ist Mundart kein provinzielles Überbleibsel, sondern ein Ausdrucksmittel mit eigener Kraft, Klangfarbe und Geschichte. Seine Beobachtungen reichen bis in die historische Dialektologie: So beschäftigt ihn etwa die sogenannte "Steigerwaldschranke", eine historische Besiedlungsgrenze, die bis heute Unterschiede zwischen unterfränkischen sowie mittel- und oberfränkischen Dialekträumen erkennen lässt.
Der Weg zur Literatur begann für Haberkamm allerdings nicht unbedingt geradlinig. Ein prägender Lehrer am Gymnasium Erlangen weckte seine Begeisterung für das Lesen und für die Frage, was Texte mit dem eigenen Leben zu tun haben. "Ich bin ja ein Spätzünder gewesen", erinnert er sich. Entscheidend sei gewesen, Literatur nicht als Pflichtprogramm zu betrachten, sondern als Möglichkeit, die Welt und sich selbst besser zu verstehen.
Nach dem Abitur studierte Haberkamm Germanistik und Anglistik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Ursprünglich hatte er den Wunsch, Journalist zu werden. Nach dem Referendariat in Fürth und Kulmbach trat er 1993 seine erste feste Stelle als Gymnasiallehrer am Gymnasium Erlangen an. Später wechselte er an das Gymnasium in Spardorf, wo er bis zu seinem Ruhestand unterrichtete. Parallel dazu entwickelte er sich seit den frühen 1990er-Jahren zu einem produktiven Autor, der Gedichte, Theaterstücke und Erzählungen ebenso verfasst wie Texte in fränkischer Mundart.
Geprägt von christlicher Jugendarbeit und gesellschaftlichen Debatten
Ein wichtiger Teil seiner Biografie ist die Zeit in der Evangelischen Landjugend (ELJ). Haberkamm engagierte sich dort als Orts- und Kreisvorstand und nahm an den großen bayerischen Jugendtreffen in Koppenheld teil. Die Gruppe war für ihn weit mehr als ein Freizeitverein: Sie bot Raum für intensive Diskussionen über gesellschaftliche, politische und ethische Fragen.
"Die Evangelische Landjugend war damals enorm wichtig für mich, weil wir dort intensiv diskutieren konnten", sagt Haberkamm rückblickend. Die Zeit um 1980 war von der Friedensbewegung und den Debatten über die Nachrüstung geprägt. Auch die Entscheidung zwischen Bundeswehr und Zivildienst beschäftigte die Jugendlichen. Haberkamm verweigerte den Wehrdienst und leistete Zivildienst.
In der Landjugend setzte er sich zudem mit Fragen des Umweltschutzes, der Schöpfungsverantwortung und des menschlichen Umgangs mit der Natur auseinander. Biblische Vorstellungen von der Stellung des Menschen in der Schöpfung wurden ebenso kritisch diskutiert wie gesellschaftliche Entwicklungen. Diese Erfahrungen prägten seine Haltung nachhaltig: Es ging darum, eigene Überzeugungen zu hinterfragen, Verantwortung zu übernehmen und auch mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die andere Positionen vertreten.
Solche Fragen müssen in den "Kampfkarpfen" nicht ausdrücklich verhandelt werden, um im Hintergrund mitzuschwingen. Schon die ungewöhnliche Perspektive der Fische lenkt den Blick auf das Verhältnis von Mensch und Natur. Die Weiherbewohner sind nicht länger bloße Objekte menschlicher Nutzung, sondern eigenständige Figuren mit Charakter, Wünschen und Konflikten.
Schreiben als Entdeckungsreise
Dass Haberkamm nach Jahrzehnten literarischer Arbeit immer wieder neue Formen ausprobiert, gehört zu seinem Selbstverständnis als Autor. Das Schreiben versteht er als eine "private Art von Logbuch für die eigene Existenz". In alten Ordnern bewahrt er Entwürfe und verworfene Textpassagen aus mehr als drei Jahrzehnten auf. Wer darin blättert, begegnet früheren Lebensphasen und Gedanken – und entdeckt, wie sich die eigene Persönlichkeit mit der Zeit verändert hat.
Auch beim Schreiben der "Kampfkarpfen" stand für ihn das Entdecken im Vordergrund. "Man saugt etwas auf, verarbeitet es, und plötzlich entsteht beim Schreiben etwas auf dem Papier, das man vorher gar nicht geahnt hätte", beschreibt er den kreativen Prozess. Aus der genauen Beobachtung seiner fränkischen Heimat, der Lust am sprachlichen Spiel und dem Wunsch, humorvoll zu erzählen, ist so ein Buch entstanden, das den Karpfen aus seiner Rolle als bloßen Speisefisch befreit.
Die Illustrationen des Nürnberger Karikaturisten Kurt Neubauer ergänzen Haberkamms Wortwitz um eine eigene visuelle Ebene. Zusammen machen Text und Bilder aus den vier Weiherhelden unverwechselbare Figuren. Und vielleicht betrachtet man den fränkischen Karpfen nach der Lektüre tatsächlich mit anderen Augen – nicht nur als kulinarische Spezialität zur Saison, sondern als literarischen Helden mit erstaunlichem Eigenleben.
"Die Kampfkarpfen. Ein tierischer Ko-Mix in Wort und Bild" von Helmut Haberkamm, illustriert von Kurt Neubauer. Ars vivendi verlag, Cadolzburg, erschienen am 23. September 2026. 96 Seiten, gebunden, 24 Euro.