Roth
Eigenhändig alten Bibelversen nachzuspüren - darum geht es beim "Corona-Psalmenbuch". Jung und Alt illustrieren im Rother Ortsteil Pfaffenhofen die 150 biblischen Psalmen. Mancher macht dabei ganz unerwartete Erfahrungen.
Die Rotherin Gisela Gruhl und ihre 13-jährige Enkelin Anna arbeiten gemeinsam an ihrer ganz persönlichen Seite des "Corona-Psalmenbuches aus Pfaffenhofen"

Buntstifte liegen auf der weißen Tischdecke. Eifrig malt die 13-jährige Anna aus Erlangen Sonnenstrahlen in leuchtenden Farben auf ein großes Blatt Papier. Neben ihr sitzt ihre Großmutter und beobachtet interessiert die Handarbeit der jungen Künstlerin.

„Hast du schon eine Idee“, fragt die Oma ihre Enkelin und deutet auf die tintenblauen Lettern, die aufgereiht in akkuraten Zeilen das Zentrum des Papiers durchziehen, „wie du den ersten Vers des Psalms illustrieren willst?“

„Corona-Psalmenbuch aus Pfaffenhofen“ für die Dorfkirche

Die Rotherin Gisela Gruhl und ihre Enkelin arbeiten gemeinsam an ihrer ganz persönlichen Seite eines besonderen Buches: Für das „Corona-Psalmenbuch aus Pfaffenhofen“ sollen Freiwillige aller Altersgruppen einen biblischen Psalm ihrer Wahl in Szene setzen - mit Papier und Stift. Die Kreationen werden dann zu einem Lektionar für die Dorfkirche des Rother Ortsteils gebunden. Im wöchentlichen Gottesdienst sollen die zu biblischen Zeiten gesungenen Gebete dann daraus vorgelesen werden.

 

Gisela Gruhl und ihre 13-Jährige Enkelin Anna überlegen sich gemeinsam, wie man die Worte der biblischen Psalme am besten mit Buntstiften illustrieren kann.

Corona-konformes Gemeinschaftsprojekt 

Eberhard Hadem, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Pfaffenhofen, hat für die Aktion einen Aufruf gestartet. Online wählen Interessierte ihren Wunsch-Psalm aus, erhalten einige Bögen Papier und können ihrer Kreativität freien Lauf lassen.

Gemeindemitglieder aus Roth und Pfaffenhofen machen mit, professionelle Künstler wie der Weilheimer Wolf Schindler, junge Leute, ihre Eltern und Großeltern aus der Region und ganz Bayern.

Den 114. Psalm gestaltete der Kindergarten im Nachbarort. „Jeder kann dabei sein“, erklärt Hadem, „egal welcher Konfession, Religion, Herkunft.“ Alle arbeiteten für sich - ganz Corona-konform – und doch entstünde am Ende ein Gemeinschaftsprojekt. „Schreiben verbindet“, erklärt der Pfarrer. „Und wer den hoffnungsvollen Sätzen aus der Bibel eigenhändig nachspürt, der buchstabiert die alte Hoffnung neu für sich selbst.“

Frist des Projekts wurde verlängert

80 der 150 Psalmen sind bislang vergeben. „Ich bin gespannt, ob wir noch genügend Mitwirkende für die restlichen Psalmen finden“, sagt Hadem. „Die Frist des Projektes haben wir jedenfalls noch einmal um einige Wochen verlängert.“

Gisela Gruhl, die zur Kirchengemeinde Roth gehört, musste ihre Enkelin nicht lange dazu überreden, sie bei der Gestaltung eines Psalms zu unterstützen. Die 13-Jährige, die noch in diesem Jahr konfirmiert wird, malt und zeichnet für ihr Leben gern.

„Ohne Anna wäre ich aufgeschmissen“, sagt Gruhl, „ich kann überhaupt nicht malen.“ Weil Psalm 23, 90 und 103 schon „vergriffen“ waren, erzählt die Rentnerin, sei die Wahl schließlich auf Psalm 19 gefallen. „Manche andere Psalmen klingen viel zu martialisch, wünschen den Feinden alles Schlechte. Die kamen nicht in Frage.“

Suche nach der verständlichsten Variante

Mit Hilfe einer Online-Seite habe Gruhl dann die Formulierungen vieler verschiedener Bibel-Ausgaben verglichen, um die verständlichsten Varianten zu finden, „damit auch junge Leute wie Anna möglichst gut verstehen, was gemeint ist“. Gruhl ergänzt schmunzelnd: „Bloß nicht dem Pfarrer verraten.“

Einer der Verse, sagt Gruhl, sei ihr beim Abschreiben „mit dem guten, alten Füller aus der Schublade“ besonders wichtig geworden: „Ich musste die Zeile dann einfach in Großbuchstaben schreiben.“ Der Vers handelt von den vielen Verletzungen im zwischenmenschlichen Miteinander, die unentdeckt bleiben. „Das hat mich daran erinnert, dass auch ich manchmal andere kränke, ohne es zu merken oder obwohl ich es gar nicht möchte.“

Psalme malen als Abwechslung zum stressigen Arbeitsalltag

Für die Dozentin und Journalistin Susanne Hassen aus Ansbach stand bei der Mitarbeit an dem Psalmenbuch der meditative Aspekt im Vordergrund. „Neben der vielen Tipperei am PC im Beruf ist das Abschreiben mit der Hand eine willkommene Abwechslung“, sagt Hassen. Auch sie machte dabei eine besondere Erfahrung: „Ich habe entdeckt, dass sich die Inhalte beim Schreiben quasi verselbstständigen und sich mir auf sehr direkte Weise mitteilen.“

Projekt hat auch "versöhnende Wirkung"

Bei der Auseinandersetzung mit den tradierten Worten sei es ihr schlagartig ein Bedürfnis gewesen, den letzten Vers viel größer zu schreiben als die anderen. „Das hätte ich mir vorher nicht vorstellen können.“ Für Hassen, die zur Institution Kirche ein ambivalentes Verhältnis hat, entfaltete das Projekt so eine „versöhnende Wirkung“: „Es hat mich erinnert, dass es nicht die Institution ist, um die es geht, sondern die Inhalte - und die waren bei dieser Aktion plötzlich ganz nah und ganz klar.“

Am Esstisch mit der weißen Tischdecke hatte Anna eine zündende Idee. Zur feuerroten Sonne gesellen sich allmählich alle acht Planeten unseres Sonnensystems. „Das passt doch perfekt zu dieser Zeile“, findet die Jugendliche. Gisela Gruhl kann das, als sie den Bibelvers aus dem 19. Psalm noch einmal laut und deutlich vorliest, nur bestätigen: „Die Himmel verkünden die Herrlichkeit Gottes“, heißt es da, „und das Weltall erzählt von den Werken seiner Hand.“

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