1.02.2001
Nürnberger Schembartlauf

Nicht immer war der Karneval eine harmlose Volksbelustigung, zu der selbst die verspotteten Politiker gelernt haben, tapfer zu lachen. 1539 trieben es in Nürnberg die Narren so wild, dass ihr "Schembartlauf" von der Obrigkeit für alle Zeiten verboten wurde. Auf die Nachricht von dem Skandal schäumte selbst im fernen Wittenberg Martin Luther über das bekannteste Karnevalsspektakel seiner Zeit.
Die "Hölle" mit dem Prediger Osiander beim Nürnberger Schembartlauf 1539
Seit 1449 war der Schembartlauf Teil des Nürnberger Brauchtums an Fastnacht. 1539 fand er nach der Verspottung des Nürnberger Predigers Osiander jähes Ende.

Kein anderer Fastnachtsbrauch des Spätmittelalters ist urkundlich so gut bezeugt wie der Nürnberger Schembartlauf, dessen Bedeutung auf das Wort "scheinpot" (Scheinbote) zurückgeht, den Gegenbegriff zu den wahren Boten Gottes, den Engeln. Mehr als 80 Bilderhandschriften schildern, wie die Patrizierjugend in bunten Umzügen die Laster und Begierden ihrer Zeit als "Scheinboten" des Teufels aufs Korn nahmen, damit am Ende die Tugend siege. Ihr Pech war, dass sie auch den strengen Reformationsprediger Andreas Osiander in Luzifers Nähe stellten.

Bevor 1539 der Eklat passierte, war das 1449 erstmals erwähnte Spektakel 15 Jahre lang auf Eis gelegt gewesen. Der Obrigkeit der lutherischen Reichsstadt waren die "papistischen" Fastnachtsbräuche ein Dorn im Auge, allen voran dem Cheftheologen Osiander, einem reizbaren Herrn. Kein Wunder, dass seine Unduldsamkeit ihn zur Zielscheibe des Spotts machte, als der Schembartlauf nach der Zwangspause wieder stattfinden durfte.

Der Osiander-Darsteller in der Hölle

Es sollte der letzte Umzug sein. Denn eines hätten die Schembartläufer nicht tun sollen: Einen Osiander-Darsteller in die Hölle stecken. Die "Hölle" war ein Schauwagen, der jedes Jahr in anderer Form Untugenden darstellte, durch die Straßen gezogen und zum Abschluss vor dem Rathaus gestürmt und verbrannt wurde. 1539 war die Hölle ein Narrenschiff und der Prediger sein Bewohner. Was ihn kräftig in Rage brachte.

Der Rat der Stadt reagierte prompt mit einem Totalverbot und steckte die Verantwortlichen in den Turm. Der Schembart- Hauptmann, Jakob Muffel, büßte sogar sein Ratsmandat ein. Auch Luther prangerte das "äußerst unfromme Schauspiel" an und warf den Nürnbergern, die er sonst so schätzte, Verachtung des Evangeliums und Hass gegen die Prediger vor.

436 Jahre Unterbrechung

Dem Volk kam die Repression schwer an. Noch lange danach ergötzte es sich an aufwendig gestalteten Schembartbüchern. Doch erst 1973 gründete sich in Nürnberg wieder eine Schembartgesellschaft und 1975, nach 436 Jahren Unterbrechung, gab es sogar wieder einen Schembart-Hauptmann: den legendären Oberstaatsanwalt Hans Sachs, fernsehbekannt aus Robert Lembkes "Was bin ich?".

Wie feiern die Menschen Fasching, Karneval oder Fastnacht in Bayern? Lesen Sie in unserem Dossier mehr zum Thema Fasching: www.sonntagsblatt.de/Fasching

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