18.12.2016
Weihnachtsschlager

Vor 200 Jahren schrieb ein Priester "Stille Nacht"

Österreich feiert einen Exportschlager: Vor 200 Jahren schrieb der Priester Joseph Mohr den Text von "Stille Nacht". Organist Franz Gruber komponierte zwei Jahre später eine Melodie, und 1818 erklang das Lied erstmals in der Weihnachtsmette. Es wurde zum Weihnachtsschlager für Kaiser, Zaren und das einfache Volk.
Joseph Mohr und Franz Gruber, Karte zu 100 Jahre Stille Nacht, heilige Nacht
Joseph Mohr und Franz Gruber auf einer Ansichtskarte von 1918 zu »100 Jahre Stille Nacht, heilige Nacht«. Damals herausgegeben vom Verlag Karl Dietrich, Laufen/Oberbayern.

"Stille Nacht" ist das beliebteste Weihnachtslied der Deutschen und ein internationaler Klassiker: Es wird auf der ganzen Welt in mehr als 300 Sprachen und Dialekten gesungen. 1818 erklang es zum ersten Mal in der Weihnachtsmesse im österreichischen Oberndorf, der Text aber stammt schon aus dem Jahr 1816. Darum beginnt Österreich auch in diesem Jahr mit den 200-Jahr-Feierlichkeiten.

Verfasser war der Priester und Dichter Joseph Mohr (1792-1848) aus Mariapfarr, einem kleinen Dorf in der Region Lungau, rund 90 Kilometer von Salzburg entfernt. Ein 1996 entdecktes Schriftstück von seiner Hand belegt eindeutig, dass er 1816 den Text zu "Stille Nacht" schrieb.

Doch wie kam es zur Entstehung des berühmten Liedes, das meist einem anderen Ort zugeschrieben wird, der "Stille-Nacht-Kapelle" in Oberndorf direkt vor den Toren Salzburgs? Mit seinem Lied im Gepäck hatte Joseph Mohr Mariapfarr verlassen und war als Mitarbeiter des Bischofs nach Oberndorf gewechselt. Dort lernte er den Organisten Franz Xaver Gruber kennen.

In einem Schriftstück, der "Authentischen Veranlassung", schildert Gruber viele Jahre später die Entstehungsgeschichte des Weihnachtsliedes: "Es war am 24. Dezember des Jahres 1818, als der damalige Hilfspriester Herr Josef Mohr bei der neu errichteten Pfarre St. Nicola in Oberndorf dem Organistendienst vertretenden Franz Gruber ein Gedicht überreichte, mit dem Ansuchen eine hierauf passende Melodie für 2 Solostimmen sammt Chor und für eine Guitarre-Begleitung schreiben zu wollen."

Diakonie-Pionier Wichern machte das Lied im protestantischen Deutschland populär

Der Überlieferung nach war das alte Positiv - eine Art kleine Orgel - der Kirche nicht bespielbar. Deshalb vertonte Gruber den Text für zwei Solostimmen und Chor mit Gitarrenbegleitung, wie von Mohr gewünscht. Die Uraufführung des Liedes, das Weltruhm erreichen sollte, war am 25. Dezember 1818 während der Mitternachtsmette in der St. Nikolaus-Kirche: Mohr sang die Tenorstimme und begleitete auf der Gitarre, Gruber sang den Bass.

"Stille Nacht" habe bei der Oberndorfer Bevölkerung "allgemeinen Beifall" gefunden, heißt es in der Überlieferung. Spätestens 1822 hat die damals international bekannte Tiroler Sängerfamilie Rainer das Lied dem russischen Zar Alexander I. und dem österreichischen Kaiser Franz I. vorgesungen.

Lange Zeit als Tiroler Volkslied bekannt, hörte man "Stille Nacht" vermutlich 1831 das erste Mal in Leipzig. Von dort gelangte es nach Berlin, erschien wahrscheinlich bereits 1833 erstmals im Druck und wurde zum Lieblingslied von König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen.

Nun eroberte das Lied aus Oberndorf tatsächlich die ganze Welt. 1873 wurde die Melodie unter dem Namen "Choral of Salzburg" in einem amerikanischen Schulhaus gesungen, das auf der Wiener Weltausstellung gezeigt wurde. Bis 1891 soll "Stille Nacht" auch in England, Schweden und Britisch-Indien verbreitet gewesen sein. Christliche Missionare brachten es schließlich bis nach Ostafrika zu den Suahelis, nach Neuseeland und nach Südamerika.

Dass das österreichische Lied auch in Deutschland ein Klassiker wurde, verdankt es dem Hamburger Diakoniegründer Johann Hinrich Wichern (1808-1881). Im Liederbuch für seine Stiftung "Rauhes Haus" erscheint allerdings die Kurzfassung. Die Strophen drei, vier und fünf wurden gestrichen, und die sechste Strophe zwischen die ersten beiden platziert. So steht das Lied auch heute im Evangelischen Gesangbuch.

Aus "Jesus! in deiner Geburt" wurde bei Wichern "Christ, in deiner Geburt". Sein Vorschlag, aus dem "hochheiligen Paar" ein "so seliges Paar" zu machen, setzte sich allerdings ebenso wenig durch wie sein Titel "Freude am Christkind". In den evangelischen Gesangbüchern fand man das Lied lange Zeit entweder im Anhang der einzelnen Landeskirchen oder unter der Rubrik "Geistliche Volkslieder". Erst in den 1990er Jahren wurde "Stille Nacht" gemeinsam mit "Tochter Zion", "O du fröhliche" und "Ihr Kinderlein kommet" offiziell in den Weihnachtsteil übernommen (EG 46).

Für die "Stille Nacht"-Gesellschaft, die sich für die Verbreitung aller sechs Strophen einsetzt, ist das Lied mittlerweile fester Bestandteil der europäischen Festkultur. Es sei ein "Welt-Friedenslied", das weit über die christlichen Kirchen hinaus in andere Religionen hineinwirke. Im März 2011 wurde es in Österreich in die nationale Liste des immateriellen UNESCO-Kulturerbes aufgenommen.

Im Salzburger Lungau haben die Feierlichkeiten bereits begonnen. Zum 200. Jubiläum der berühmten Liedverse ist die Pfarrkirche Mariapfarr in den vergangenen zwei Jahren für rund zwei Millionen Euro saniert worden und ist nun Veranstaltungsort für Konzerte. Auch das Fernsehen schaut vorbei: Am Heiligabend wird die Fernsehsendung zur ORF-Hilfsaktion "Licht ins Dunkel" aus Mariapfarr gesendet.

Sie wollen mehr Weihnachtslieder? Wir haben die für uns 23 schönsten Lieder in unserem THEMA-Spezial "Heilige Nacht" zusammengestellt: Es ist wie ein kleines musikalisches Handbuch für den Heiligabend  und das gemeinsame Singen. Alle Lieder mit Noten und Akkordbezeichnungen und der jeweiligen Entstehungsgeschichte des Liedes. Nutzen Sie es für sich selbst, als Wichtelgeschenk und natürlich als Geschenk für Ihre Lieben zu Weihnachten!

HITLISTE

"O du fröhliche" auf Platz zwei

In einer aktuellen Rangliste der beliebtesten deutschen Weihnachtslieder kommt "O du fröhliche" im Jahr 2016 auf Platz zwei. Spitzenreiter ist "Stille Nacht, heilige Nacht", dessen Verse ebenfalls genau 200 Jahre alt sind. Wie das Institut Emnid im Auftrag der Fernsehzeitschrift auf einen Blick ermittelte, mögen 54,8 Prozent der Menschen in Deutschland das Anfang des 19. Jahrhunderts in Österreich entstandene Werk besonders. 43,6 Prozent nannten "O du fröhliche", knapp gefolgt von "O Tannenbaum" mit 43,3 Prozent.

Unter den Klassikern in den Top 10 findet sich als einzige moderne Komposition das Kinderlied "In der Weihnachtsbäckerei" von Rolf Zuckowski. Emnid hatte 1006 Frauen und Männer befragt. Mehrfachnennungen waren möglich. (epd)

Jetzt noch schnell die Liedersammlung "Heilige Nacht" bestellen.

 

THJEMA Heilige Nacht

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Weihnachtslieder

Johannes Daniel Falk (ca. 1800).
Der Dichter und Sozialreformer Johannes Daniel Falk schrieb "O du fröhliche" einst für arme Waisenkinder. Sie sangen es wohl erstmals 1816. Wann genau Falk den Weihnachtsklassiker dichtete, ist nicht völlig sicher: Die Urhandschrift ist noch nicht gefunden. Fest steht: Der festlich-fröhliche Christbaumschlager hat einen traurigen Hintergrund.
Sonntagsblatt