Protagonistin Hanna Krause wird im Kaiserreich geboren und erlebt fast alles, was das 20. Jahrhundert in Deutschland bereithält: zwei Weltkriege, zwei Diktaturen, zwei Demokratien, politische Umbrüche, Bombennächte, Wiederaufbau und Mangelwirtschaft. Sie bringt sechs Kinder zur Welt, verliert zwei von ihnen, führt einen Blumenladen im Magdeburger Armenviertel Knattergebirge und arbeitet später als Kranfahrerin im Schwermaschinenbau.
Ein einziges Leben, in das Autorin Annett Gröschner ein ganzes Jahrhundert legt. Für ihren Roman "Schwebende Lasten" erhält sie nun den Evangelischen Buchpreis 2026.
Aufgewachsen als Waise bei ihrer älteren Halbschwester Rose, arbeitet die fiktive Hanna Krause früh im Blumenladen und heiratet den Versicherungsvertreter Karl Krause. Als der seine Arbeit verliert, eröffnet Hanna selbst einen Blumenladen im Magdeburger Armenviertel Knattergebirge und baut sich dort eine fragile Existenz auf. Das Leben bleibt von Einschnitten geprägt.
Der Blumenladen scheitert, die Familie verliert ihre Wohnung. Im Zweiten Weltkrieg verliert Hanna ihren erstgeborenen Sohn bei einer Bombardierung, eine Tochter stirbt kurz nach der Geburt. Auch ihr Mann Karl wird durch einen Arbeitsunfall schwer beeinträchtigt.
Magdeburg wird zur eigentlichen Hauptfigur des Romans
Nach Krieg und Umbrüchen findet Krause in der DDR eine neue Arbeit und schult zur Kranfahrerin im Schwermaschinenbau um. Dort arbeitet sie viele Jahre in einer Welt aus Stahl, Gewicht und Präzision.
Gröschner erzählt die Geschichte einer Frau, die in politisch bewegten Zeiten ihren Alltag behauptet und sich durch unterschiedliche Lebens- und Arbeitswelten trägt. Die Idee zu "Schwebende Lasten" entstand bereits 2013 aus einem anderen Romanprojekt heraus. Über Jahre arbeitete die Autorin daran - mit Unterbrechungen: "Ich musste ja zwischendurch auch mal Geld verdienen", sagte sie dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Gröschner wurde 1964 in Magdeburg geboren und lebt seit 1983 in Berlin. Die Stadt ihrer Kindheit prägt ihren Roman, auch wenn sie Berlin heute als ihre Heimat versteht.
Magdeburg komme bisher selten in Romanen vor, sagt sie: "Dabei ist Magdeburg eine Stadt voller Geschichten." Die erzählt Gröschner in "Schwebende Lasten".
Da ist das Knattergebirge, das frühere Arbeiter- und Armenviertel, das im Krieg verschwindet und später nur noch in Resten und Lücken existiert: Hinterhöfe, enge Wohnungen, der Blumenladen, später die Werkhallen des Schwermaschinenbaus. Orte, die sich verändern und mit ihnen das Leben der Menschen.
Warum Wahrhaftigkeit für Annett Gröschner zentral ist
Beim Schreiben ihrer Romane sei Gröschner vor allem eines wichtig: "Die Geschichten müssen wahrhaftig sein", sagte sie dem epd. Es gehe ihr nicht darum, eine bestimmte Wirkung zu erzeugen oder eine These zu bedienen.
Für die Figur Hanna Krause hat sie mit vielen Frauen gesprochen, Lebensgeschichten gesammelt und Interviews geführt. Aus diesen Gesprächen sei die Figur Schritt für Schritt entstanden. Auch in Archiven habe sie lange recherchiert. Die genaue Recherche sei für sie ein zentraler Teil des Schreibprozesses. Sie sei nicht der Typ, der am Schreibtisch sitze. Ihre Ideen kämen ihr auf anderen Wegen, berichtete sie.
Ihre Ideen schreibt Gröschner "erst mal per Hand" in ihr Notizbuch, erst später werden sie in Form gebracht. Wichtig sei ihr dabei die Arbeit an den Figuren. Sich in sie hineinzuversetzen, sei zentral für ihr Schreiben.
"Man muss jede Figur gleichermaßen lieben", erläuterte die Autorin im epd-Gespräch.
Gröschner erzählt unaufgeregt und lakonisch, dabei zugleich poetisch. Blumen ziehen sich durch den Roman. Sie tauchen in Hannas Alltag immer wieder auf: im Laden, im Privaten, in Erinnerungen. Auch die Kapitel tragen Blumennamen und geben dem Roman eine leise, eigene Ordnung. Für Gröschner war von Anfang an klar: Krause ist Blumenhändlerin.
Eine stille Heldin zwischen Anpassung und Widerstand
Für ihre literarischen Werke erhielt Gröschner bereits zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Großen Kunstpreis Berlin und den Mainzer Stadtschreiber Literaturpreis. Mit "Schwebende Lasten" stand sie zudem auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2025.
Dass Gröschner nun den seit 1979 vom Evangelischen Literaturportal vergebenen Evangelischen Buchpreis erhält, habe sie überrascht: "Ich bin selbst nicht mal getauft." Auch ihre Figur Hanna Krause stehe der Kirche eher distanziert gegenüber.
"Die Kirche ist für Hanna ein Raum, in dem man mal durchatmen kann - mehr auch nicht", sagte die Autorin.
Dass die Wahl auf "Schwebende Lasten" fällt, begründet die Jury vor allem mit der Figur Hanna Krause. Sie bewege sich durch ein politisch aufgeladenes Jahrhundert, ohne selbst zur Akteurin historischer Erzählungen zu werden. "Sie ist keine große Widerstandskämpferin, aber auch keine Opportunistin", betonte Jurymitglied Miriam Weinrich im epd-Gespräch.
Darin liege die politische Kraft des Romans. Gröschner erzähle Geschichte aus dem Alltag einer Frau, deren "Leben von Arbeit, Fürsorge, Verlust und dem täglichen Durchhalten geprägt ist". Damit stehe die Protagonistin für unzählige andere Frauen, die keine Stimme erhalten.
Evangelischer Buchpreis würdigt einen Roman über das stille Durchhalten
Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wird diesen Mittwoch (20. Mai) um 17 Uhr im Heilig-Geist-Saal in Nürnberg an Annett Gröschner verliehen.