Der neue App-Trend aus China wirkt auf den ersten Blick etwas morbide: Die Smartphone-App heißt "Si le me?" und bedeutet etwa "Bist du tot?" – und erfreut sich derzeit großer Beliebtheit bei vielen Chines:innen. 

Doch hinter dem ungewöhnlichen Namen stecken weder Mordlust noch schwarzer Humor. Im Gegenteil: Es geht um Sicherheit, Fürsorge und ein wachsendes Gefühl von Einsamkeit. 

Wie die App "Si le me?" funktioniert

Das Prinzip der App ist simpel. Nutzer:innen müssen einmal täglich bestätigen, dass sie noch leben. Solange dieses Lebenszeichen regelmäßig erfolgt, passiert nichts weiter. Bleibt die Bestätigung jedoch 48 Stunden lang aus, werden automatisch die hinterlegten Notfallkontakte informiert. Diese wissen dann, dass etwas nicht stimmen könnte, und können nachsehen, anrufen oder im Ernstfall Hilfe organisieren. 

Dieses Konzept erinnert mich an eine Geschichte, die ich kürzlich gehört habe: Zwei 80-Jährige rufen sich jeden Morgen gegenseitig an, um sicherzugehen, dass es dem anderen gut geht – ein stilles, fürsorgliches Ritual.

"Si le me?" funktioniert ganz ähnlich, richtet sich jedoch überraschenderweise nicht an ältere Menschen, sondern vor allem an junge Erwachsene. Die App wird hauptsächlich von jungen, alleinlebenden Personen genutzt. 

Einsamkeit junger Menschen als gesellschaftliches Warnsignal

Damit spiegelt dieser Trend eine gesellschaftliche Entwicklung in China wider: Die Zahl der Single-Haushalte steigt rasant. Doch auch in Europa ist diese Entwicklung längst angekommen. Statistiken zeigen, dass Einsamkeit gerade unter jungen Menschen zunimmt. Es ist keine Seltenheit mehr, mehrere Tage lang keinen persönlichen Kontakt zu haben oder sich nur flüchtig über das Smartphone auszutauschen. 

In China verschärft sich diese Situation zusätzlich durch steigende Arbeitslosigkeit. Wer keinen Arbeitsplatz hat, fällt auch dort nicht durch Abwesenheit auf, denn Kolleg:innen, die nachfragen könnten, fehlen. In solchen Fällen kann eine App wie "Si le me?" tatsächlich ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. 

Eine App als Spiegel gesellschaftlicher Verwerfungen

Gleichzeitig wirft ihre Existenz ein beunruhigendes Licht auf den Zustand der Gesellschaft im Land. Die Tatsache, dass eine solche Anwendung überhaupt für notwendig erachtet wird, ist symptomatisch. Es ist daher gut möglich, dass "Si le me?" bald der chinesischen Internetzensur zum Opfer fällt. 

Es wäre jedoch sinnvoller, nicht die App zu verbieten, sondern die Ursachen für ihre hohe Nachfrage ernsthaft anzugehen.