25.11.2020
Kommentar

Nie war er wertvoller – Qualitätsjournalismus in schwierigen Zeiten

Die Demokratie braucht freie, unabhängige, der Wahrhaftigkeit und Menschenwürde verpflichtete Medien: als Dienstleister und Wächter zugleich. Gerade in Zeiten, in denen Lügen, Halbwahrheiten und Filterblasen demokratische Gesellschaften zu zerreißen drohen. Ein Kommentar von Stephan Bergmann.

Was wäre gewesen, wenn es in den USA in den vergangenen vier Jahren nicht seriöse Medien wie die New York Times, Washington Post oder CNN gegeben hätte? Wenn Donald Trump seine falschen Behauptungen unwidersprochen durchgegangen wären?

Was wäre, wenn Europas Medien über Rechtspopulisten und Nationalisten nicht ungehindert berichten könnten, wenn es in Sachen Pressefreiheit zuginge wie in der Türkei? Und schließlich: Was wäre, wenn der gesellschaftliche Diskurs über die Corona-Krise nur noch in den Echokammern und Filterblasen der "sozialen" Netzwerke stattfinden würde?

Die Demokratie – so will es ja auch unser Grundgesetz – braucht freie, unabhängige, der Wahrhaftigkeit und Menschenwürde verpflichtete Medien: als Dienstleister und Wächter zugleich. Es ist bemerkenswert, dass nach einer aktuellen Repräsentativumfrage von infratest dimap immerhin zwei Drittel der Menschen die Medien in Deutschland für glaubwürdig halten – mehr als in den Vorjahren und ganz im Gegensatz zu den "Lügenpresse"- oder "Systemmedien"-Schmähungen von Rechtsextremen und Verschwörungstheoretikern.

Aufklärungs- statt Aufregungsjournalismus

Besonders hohe Glaubwürdigkeitswerte werden dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und den Tageszeitungen bescheinigt, während die Boulevardpresse und die "sozialen" Medien weit hinten rangieren. Verantwortlicher, seriöser Qualitätsjournalismus ist gerade in Krisenzeiten wie jetzt gefragt. Saubere Recherche, Sorgfalt vor Schnelligkeit, Einordnung und Hintergrund gehören dazu.

Dem fühlt sich seit jeher auch die werteorientierte evangelische Publizistik verpflichtet. Die Kirche plädiert ja generell für einen achtsamen Aufklärungs- statt plumpen Aufregungsjournalismus.

Freilich dürfen die Medien gerade in einer Krise wie jetzt nicht der Versuchung erliegen, ein Thema überzustrapazieren und ihre Nutzer mit zu vielen Informationen bei gleichzeitig zu wenig Erkenntnisgewinn zu überfordern. Ein Lichtblick sind da neue Ansätze in der jungen multimedialen Szene wie die investigative Rechercheplattform Correctiv oder der konstruktive, lösungsorientierte Journalismus.

Brückenbauer für die Zukunft

Verantwortliche Medienarbeit bedeutet auch, Brücken in der auseinanderdriftenden Gesellschaft zu bauen. Die unabhängige, weltoffene evangelische Publizistik praktiziert das durchaus erfolgreich – mit Blick auf ihr Engagement für das Gemeinwesen genauso wie für die binnenkirchliche Kommunikation als Bindeglied für die Gläubigen.

In schwierigen Zeiten wird dieser positive Effekt besonders sichtbar. Deshalb sollte eine stärkere Förderung der kirchlichen Medien und der eigenen Journalistenausbildung zu den Prioritäten der Kirche der Zukunft gehören.

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