24.10.2018
Kommentar

Sozialisiert die "sozialen Medien"!

Hass und Fake News verschmutzen den öffentlichen digitalen Raum. Selbst unter den Anhängern der sozialen Medien hat sich inzwischen Ernüchterung breitgemacht. Was schafft mehr Zivilität in den "sozialen Medien" - ohne in Zensur abzugleiten?
Social Media

"Disruption" war eines der Schlagwörter, die die Digitalisierung begleitet haben. Es klang euphorisch und selbstbewusst. Herkömmliche ("analoge") technische Prozesse und Arbeitsweisen zu unterbrechen und kreativ zu zerstören war damit gemeint, um sie durch die schönen neuen Möglichkeiten zu ersetzen, die sich durch die Vernetzung und Computerisierung von immer mehr Lebensbereichen bieten.

Doch auch unter den glühendsten Anhängern der Freiheits- und Gleichheitsversprechen, für die Internet und Digitalisierung einmal standen, hat sich Ernüchterung breitgemacht: Inzwischen sind die Demokratie und die sie tragenden "offenen Gesellschaften" selbst von "Disruption" bedroht. Womöglich existenziell.

Ein evangelischer Medienkongress im Hauptquartier des Bayerischen Rundfunks in München stand jüngst unter dem Thema "Mensch oder Maschine: Wer programmiert wen?". Zur Debatte stand dabei auch die Frage: "Woher kommt der Hass?" – jener Hass im Internet, der sich wie Mehltau auch in der realen Welt über die Gesellschaften des Westens legt.

Emotionalisierung und Skandalisierung werden belohnt

Fake News sind überall, unendlich multipliziert durch Programme (Bots) oder russische Trollfabriken. Informationsmüll und Schlimmeres verschmutzen den digitalen öffentlichen Raum, der sich leider im privaten Besitz amerikanischer Unternehmen befindet. Deren Algorithmen sind an maximaler Aufmerksamkeit orientiert, weil sich die nur auf den ersten Blick kostenlosen Plattformen der "sozialen Medien" über Werbung finanzieren. Sie belohnen deshalb Emotionalisierung und Skandalisierung, die Lautesten und die Krassesten; sie schaffen Filterblasen, die Meinungen (egal welcher Couleur) nicht kritisch infrage stellen, sondern extrem bestätigen. Welche Folgen das hat, kann man weltweit besichtigen, von Chemnitz bis Washington.

Der EKD-Ratsvorsitzende und bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm wurde vor ein paar Jahren als "Facebook-Bischof" gefeiert. Bei seiner Tübinger Weltethos-Rede hat Bedford-Strohm nun eine entscheidende Frage gestellt: "Warum sind Straße und Schiene mit guten Gründen Gegenstand öffentlicher Daseinsvorsorge, die digitale Angebotsstruktur des Netzes, auf der Menschen täglich mehr Zeit als in Autos und Zügen verbringen, aber nicht?"

Genau darum geht es: Wir müssen viel mehr über Algorithmen, über die Machtverteilung und die Regeln im Netz streiten und vielleicht etwas weniger über Migration. Was schafft mehr Zivilität in den "sozialen Medien", ohne in Zensur abzugleiten? Es geht um die Zukunft der Demokratie: Auch der digitale öffentliche Raum ist öffentlicher Raum. Holen wir ihn uns zurück. Selbst wenn das bedeutet, Google zu zerschlagen und Facebook zu verstaatlichen.

 

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