Gastbeitrag
Der Himmel faszinierte die Menschen schon immer. Was sich an unserem Bild vom Himmel verändert hat und was über Jahrhunderte gleich geblieben ist - das zeigt Physik-Professor Rolf Heilmann von der Hochschule für angewandte Wissenschaften München in seinem Gastbeitrag auf.
Himmel und Wolken
Sonnenstrahlen brechen durch die Wolkendecke.

Professor Rolf Heilmann lehrt Physik, Messtechnik und Photonik an der Hochschule für angewandte Wissenschaften München. Im Frühjahr 2021 erschien sein Buch "Der Himmel! Eine Expedition in die Welt über uns". Sein Gastbeitrag für das Sonntagsblatt widmet sich ebenfalls dem Himmel.

Die Menschen schauten schon immer zum Himmel, denn große, existenzielle Fragen waren und sind damit verbunden. Früher fürchtete man sich vor Feuerregen und Sintflut. Heute sehen viele mit Bangen, wie die Sonne unsere Atmosphäre immer stärker aufheizt und es dadurch zu Dürre und Überschwemmungen kommt. Die Worte und Bilder, mit denen wir das beschreiben, sind dabei erstaunlich ähnlich geblieben. So lesen wir im 2. Brief des Petrus über das Ende der Welt: "… die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden verbrennen." Das klingt nicht viel anders als düstere Zukunftsvisionen über den Klimakollaps mit einer alles versengenden Sonne.

Früher wie heute: Rettung kommt vom Himmel

Aber auch Rettung erhoffen sich die Menschen immer "von oben": Frühere religiöse Vorstellungen sahen den Retter vom Himmel herab auf die Erde steigen. Heute hoffen wir auf einen Ausweg aus der Misere durch die vom Himmel gelieferten regenerativen Energien. Auch wenn die modernen Vorstellungen viel abstrakter sind, so blieben doch die Grundmuster unseres Denkens gleich. Das ist auch kein Wunder, denn unsere Existenz ist aufs Engste mit dem physikalischen Himmel verbunden: Die Sonne liefert Wärme und Licht. Der Mond stabilisiert die Rotation der Erde. Hohe Schichten in der Atmosphäre schützen uns von schädlicher Strahlung. Die Gestirne bestimmen unsere Zeitmaße. Und schließlich sind wir – tatsächlich! – alle aus Sternenstaub gemacht.

Wir wissen heute, dass es im Himmel anders zugeht als wir das auf den Gemälden der alten Meister sehen können. Gott dient auch nicht mehr als Lückenbüßer, um Vorgänge am Himmel deuten zu können. So erklären wir Himmelsphänomene wie Gewitter, extreme Regenfälle oder eine Sonnenfinsternis mit relativ einfacher Physik, ohne mehr auf unbekannte, überirdisch-himmlische Kräfte angewiesen zu sein. Folglich müssen wir uns Gott heute anders vorstellen. Aber brauchen wir ihn überhaupt noch? Können nicht letztlich die Naturwissenschaften alles "Natürliche" erklären?

Es werden immer Fragen bleiben

Unser Erkenntnishorizont wird sich ständig erweitern, doch es werden immer Fragen bleiben, die die Naturwissenschaften nicht beantworten können – und die möglicherweise auch etwas mit Gott zu tun haben: Warum laufen Prozesse in der Natur nach Gesetzen ab, die wir erkennen und sogar mathematisch formulieren können? Warum gelten diese Gesetze überall und zu allen Zeiten? Warum existieren einfache Grundprinzipien, nach denen die Natur aufgebaut ist?

Wir kennen wunderbare gotische Buchillustrationen, in denen Gott mit diesen Fragen verbunden wurde: In einer "Bible moralisée" wird dargestellt, wie er mit einem Zirkel in der Hand die Welt nach erkennbaren (geometrischen) Prinzipien erschafft.

Gott als Schöpfer des Universums, Frontispiz einer Bible moralisée, Paris ca. 1220 – 1230, Österreichische Nationalbibliothek.

Gott als Mathematiker?

Indem die Menschen in den Himmel schauten, haben sie solche Prinzipien erkannt. Im 17. Jahrhundert verfiel der große Astronom Johannes Kepler nach eigner Aussage in "heilige Raserei" als er die mathematisch-geometrischen Zusammenhänge der Planetenbewegung entdeckte. Die Vorstellung von Gott als Mathematiker, dessen Plan von der Welt wir insbesondere am Himmel entdecken und bewundern können, hegen etliche bedeutende Wissenschaftler bis in unsere Gegenwart hinein. Doch selbstverständlich gibt es auch gegensätzliche Positionen, aus denen heraus Gott als mittlerweile überflüssiges, ja sogar gefährliches Konstrukt betrachtet wird.

Ungeachtet dessen, ob man an (einen) Gott glaubt oder nicht: Der Blick in den Himmel bleibt für uns Menschen überlebenswichtig. Viele grundlegende physikalischen Sachverhalte auf der Erde sind erst über die Beobachtung des Himmels erklärbar geworden. Wir werden vom Himmel noch Vieles über uns erfahren und damit die Chancen bekommen, die Welt besser zu gestalten.

Verschiedene Himmels-Bilder haben Gemeinsamkeiten

Physikalischer und religiöser Himmel sollten zwar getrennt betrachtet werden, doch die alten Verbindungen dürfen wir nicht ganz kappen. Die verschiedenen Bilder vom Himmel haben doch Gemeinsamkeiten und Wurzeln, über die sich nachzudenken lohnt. Besonders im Sommer, zur Urlaubszeit, finden viele Zeit und Ruhe, um den Wolken nachzusehen, Morgen- und Abendrot zu genießen, Sternschnuppen oder Satelliten zu beobachten. Auf alle Fälle können wir dabei – schon für unser persönliches Wohlergehen – Marc Aurel folgen, der in seinen Meditationen schrieb: "Blicke oft zu den Sternen empor – als wandeltest Du mit ihnen. Solche Gedanken reinigen die Seele von dem Schmutz des Erdenlebens."

Buchtipp

Der Himmel! Eine Expedition in die Welt über uns, Rolf Heilmann

Verlag: Hirzel S. Verlag

Seitenzahl: 212

ISBN: 3777628972, EAN: 978-3777628974

Zu finden auf Buch 7.

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