14.08.2016
Gefühltes Gemüse

Aus dem Alltag eines sehbehinderten Kochs

Ronny Schumann ist blind und ein guter Koch. Mit seinem Talent hat er es bis in die Küche einer Würzburger Montessori-Kindertagesstätte geschafft.
Hände eines Kochs bei der Essenszubereitung

Dass sich Ronny Schumann in der Küche wohlfühlt, sieht man gleich. Der 37-Jährige weiß genau, wo alles steht, bewegt sich sicher zwischen den Arbeitsflächen und eckt nirgendwo an. Das ist gar nicht selbstverständlich, denn Ronny Schumann ist blind. Auf dem linken Auge sieht Ronny Schumann gar nichts mehr, auf dem rechten Auge hat er 25 Prozent Sehfähigkeit.

Lange hat Schumann, der mindestens 1,80 Meter groß sein muss, in der Werkstatt des Blindeninstituts Würzburg gearbeitet. Sägearbeiten und Maschinenarbeiten habe er dort gemacht, erzählt er. Dann ergab sich plötzlich die Möglichkeit für ein Praktikum in der Küche der integrativen Montessori-Kita in Würzburg. Außenpraktikum wird es ein wenig ehrfürchtig in der Werkstatt genannt. Denn nur ein Prozent der Menschen mit Behinderung werden in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt und Ronny Schumann hat es geschafft.

Unbefristeter Vertrag als Hauswirtschaftshelfer

Tief über das Papier gebeugt, unterschreibt er mit einem gelben Kugelschreiber gewissenhaft seinen unbefristeten Arbeitsvertrag als Hauswirtschaftshelfer in einer Kindertagesstätte. Neben ihm sitzt der Integrationsbeauftragte der Werkstatt für Sehgeschädigte, Thomas Aurich, der seinen Schützling bei der Eingewöhnung in die neue Arbeitsstelle unterstützt hat. Ronny Schumann hat eine Art Kooperationsvertrag bekommen. Ähnlich wie ein Leiharbeitsverhältnis, meint Aurich. Der Vertrag wird zwischen der Werkstatt und der Kita geschlossen. Für Schumann hat das den Vorteil, dass er immer in die Werkstatt zurückkehren kann. Ein Sicherheitsnetz sozusagen. Das sei vor allem auch wichtig für die Eltern, berichtet Aurich, die darauf drängen, dass ihre Kinder abgesichert sind.

Der Weg in den neuen Job war nicht immer einfach und anfangs hatte Schumann viele Bedenken und Sorgen. "Ich hatte richtig Bammel", erinnert er sich. Vor allem davor, wie er sich in einem fremden Umfeld zurechtfinden würde, dass er seine alten Kollegen vermissen könnte und ob er rauchen dürfte. "Das mit dem Rauchen war eine wichtige Frage für Ronny", erinnert sich Küchenchefin Silvia Popp, die seit mehr als drei Jahren die Küche managt.

Für Schumann war die neue Stelle anfangs schwer vorstellbar. Erst als er in der Küche mit der breiten Durchreiche zum Essbereich stand, den Thermomix und den Backofen berührte, Geschirr in die Spülmaschine einräumte und Gemüse schälte, wurde die neue Arbeit für ihn greifbar. Damit Schumann in Zukunft selbstständig arbeiten konnte, machte Thomas Aurich mit ihm ein Fußweg-Training, um den neuen Arbeitsweg kennenzulernen. Heute fährt Ronny Schumann morgens mit der Straßenbahn um zwei Minuten nach acht Uhr los, wie er erzählt.

Vieles kann Ronny alleine kochen

Insgesamt hat Aurich ihn zwei Wochen in der Küche begleitet und gemeinsam mit Silvia Popp, die von Schumann liebevoll als "Küchenfee" bezeichnet wird, alles so strukturiert, dass der 37-Jährige problemlos arbeiten kann. Schließlich wird in der Küche Frühstück, Mittag- und Abendessen für insgesamt 84 Kinder und mindestens 20 Erwachsene zubereitet. Da muss einiges gemacht werden.

Schumann hat noch zwei junge Kolleginnen, Sarah (20) und Dschemilje (22), die von den Mainfränkischen Werkstätten kommen und eine Lernbehinderung haben. Alle drei haben einen eigenen Aufgabenbereich. Schumann ist zuständig für das Aufräumen des Geschirrs, das Brotbacken, und er kocht einfache Gerichte.

"Viele Rezepte kann Ronny Schumann alleine kochen", sagt Silvia Popp, "da muss ich gar nicht mehr hinterhergucken." Sie und ihre Mitarbeiterinnen sind froh, dass Ronny Schumann da ist. "Er kann auch mal Sachen tragen und heben, die für uns sehr schwer sind", sagt Popp. "Außerdem weiß er immer, wie das Wetter wird."

Kollege unter Kollegen

Schumann mag es, wenn freitags die Gemüselieferung kommt. "Dann prüfe ich, ob alles da ist, und zur Not muss das, was fehlt, noch am Wochenende zu mir nach Hause geliefert werden", erzählt er. Ganz besonders gefällt Schumann die Zusammenarbeit mit den Leuten und den Kindern. "Ich fühle mich als Kollege unter Kollegen." Von den Kindern wird er ebenfalls gern gemocht. Sie kommen und schauen ihm bei der Arbeit zu und freuen sich, wenn er ihnen einen guten Appetit wünscht.

"Am Ende des Tages lass ich absegnen, dass alles sauber ist, dann bin ich beruhigt", beschreibt er den Moment, bevor er nach Hause geht.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Filmtipp Lebensformen

Seit gut zwei Jahren lebt Sultan im Hotel Steinbauer, einer Flüchtlingsunterkunft im oberbayerischen Amerang. Für die Fernsehsendung "Lebensformen" an Karsamstag um 17 Uhr auf SAT1.Bayern bereitet der gebürtige Pakistani Gerichte aus seiner Heimat zu und erzählt dabei seine Geschichte: von zu Hause, von Flucht, von Heimweh, von seinem besten Freund Markus und von Wünschen und Sehnsüchten für die Zukunft. Hier finden Sie schon mal einen kleinen Vorgeschmack.