Das optische Arrangement einer großen Veranstaltung kostet oft monatelang Mühe. Blinde Menschen allerdings bekommen vom schönsten Arrangement nichts mit. Außer, jemand hat für Audiodeskription (AD) gesorgt: Dann wird ihnen beschrieben, was zu sehen ist. Ein solches Angebot für sehbehinderte Menschen gab es etwa beim letzten Katholikentag in Würzburg - ein Novum in der Geschichte des Laientreffens.
Diese Premiere war der Tatsache zu verdanken, dass bei der Vorbereitung des Katholikentags im richtigen Augenblick der richtige Mann zur Stelle war: Markus Rummel. Der blinde Rentner kam über seine Mitgliedschaft beim Würzburger Behindertenbeirat ins Vorbereitungsteam. Dort begann er, für AD zu kämpfen.
Spende macht Audiodeskription möglich
"Ich habe wirklich alle Hebel in Bewegung gesetzt", erzählt Rummel. In mehreren Gesprächen habe er klargemacht, dass Blinde nur dann das Gefühl haben, wirklich dabei zu sein, wenn sie über alles, was andere sehen, informiert werden. Wie viele Leute nehmen am Gottesdienst teil? Wie ist der Gottesdienst ausgeschmückt? Was hat der Priester an? Wie sieht der Altar aus?
Audiodeskriptorin Tomke Koop beschrieb live blinden Besuchern zweier Gottesdienste auf dem Katholikentag, was andere sahen. "Es gab zum Beispiel ein großes Fass mit Taufwasser aus besonderem Holz", erzählt die Leipzigerin. Auch die in Gold und Weiß gefassten liturgischen Gewänder beschrieb sie. Als es zur Kommunion kam, erklärte Tomke Koop, wohin sich die blinden Menschen begeben müssen.
Bei einer so großen Veranstaltung wie einem Katholikentag sollte AD nach Koops Ansicht selbstverständlich sein. Das findet auch Rummel. Leicht sei sein Wunsch nicht durchzusetzen gewesen, erinnert sich der 70-Jährige: "Zuerst hieß es, das sei zu teuer und zu aufwendig." Eine Spende der Aktion Mensch ermöglichte schließlich die beiden AD-Einsätze. 2.300 Euro kosteten sie dem Würzburger zufolge. Das Katholikentag-Team denkt nun über eine Etablierung von AD nach. Außerdem sollen die evangelischen Kollegen des Kirchentags über die positiven Erfahrungen informiert werden.
Ehrenamt trägt die Audiodeskription
Koops Leipziger Kollege Florian Eib beschreibt seit mehr als zehn Jahren Sportevents. Aktuell vermittelt er live WM-Spiele für MagentaTV. "Auch im Stadion können blinde Menschen erst dann mitfiebern und haben sie erst dann das Gefühl, wirklich dabei zu sein, wird ihnen Audiodeskription angeboten", sagt er. Im Vergleich zur Kulturszene ist AD im Sport deutlich weiter verbreitet. Was daran liegt, dass sich hierfür viele Ehrenamtliche engagieren. Laut Eib seien das nicht selten Menschen, die als Kind den Wunsch gehegt hatten, Sportmoderator zu werden.
Für blinde Menschen ist die Sprache ein enorm wichtiges Bindeglied zwischen sich und der Welt, bestätigt Anke Nicolai. Die Berlinerin befasst sich seit fast 30 Jahren professionell mit AD, Schwerpunkt Kulturbereich. Wobei sie jederzeit auch einen Gottesdienst beschreiben würde. Sie rät, blinde Gottesdienstbesucher schon eine Viertelstunde vor Beginn einer großen Messfeier einzuladen, um ihnen zu vermitteln, wo sie sich genau befinden. In aller Ruhe könnten dann die Skulpturen im Kirchenraum und die Bilder an den Wänden beschrieben werden.
Nicolai setzt sich dafür ein, dass Audiodeskription selbstverständlicher wird. Die Frage "Rechnet sich das denn für die paar Blinden?" hält sie mit Blick auf die UN-Behindertenrechtskonvention für nicht legitim. Ihr großer Wunsch ist es, dass alle öffentlich geförderten Theater verpflichtet werden, AD anzubieten.
Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist AD seit langem etabliert. Als erster deutscher Sender strahlte das ZDF am 11. Oktober 1993 "Eine unheilige Liebe", ein TV-Drama zum Zölibat, als "Hörfilm" aus. 2025 wurden laut ZDF-Pressestelle 32 Prozent aller Inhalte mit AD ausgestattet. Beim Privatfernsehen, bedauert Aleksander Pavkovic, Vorsitzender des Katholischen Blindenwerks, bestünden diesbezüglich noch große Lücken.