17.02.2018
Ernährung

Ist Essen die neue Religion?

Vegetarier, Veganer, Paleo-Diät oder No Carb: Essen bekommt in der Konsumgesellschaft eine enorme Bedeutung zugeschrieben. Inzwischen hat dies beinahe religiöse Züge, meint die Ernährungswissenschaftlerin Christine Brombach von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften im Interview.
»Essen hat viele soziale Aspekte, die sich ritualisieren lassen«, sagt die Ernährungswissenschaftlerin Christine Brombach.
»Essen hat viele soziale Aspekte, die sich ritualisieren lassen«, sagt die Ernährungswissenschaftlerin Christine Brombach.

Frau Brombach, mit Süßem sündigen, bereuen, ein schlechtes Gewissen haben und fasten. Wenn Leute heute über das Essen reden, dann gebrauchen sie religiöse Begriffe. Ist Essen die neue Religion?

Christine Brombach: Ja, unser Umgang mit dem Essen weist durchaus religiöse Züge auf. Unsere Gesellschaft ist säkular, jedoch suchen Menschen Werte und Sinnhaftigkeit für ihr Leben oder auch Vorbilder. Diese sich auftuende Lücke füllt zunehmend das Essen. Essen ist erst einmal ein biologisches Bedürfnis, hat aber viele soziale Aspekte, die sich ritualisieren lassen. Menschen brauchen Rituale, und damit wird dem Essen diese Funktion übertragen.

 

Ein Trend ist ja, dass Gerichte fotografiert und in den sozialen Medien geteilt werden, sogenannter Food porn. Warum hat das Essen heute einen so einen Stellenwert?

Brombach: "Food porn" ist eine Form der Selbstdarstellung und hat insofern religiöse Züge, als durchs Essen eine gesellschaftliche Gruppenzugehörigkeit geschaffen wird. Das ist ja beim Abendmahl auch so. "Food porn" ist der Versuch, sich in der Gesellschaft zu positionieren, denn: Man ist, was man isst. Es wird abgebildet, mit wem man wann, was, wo isst. Das ist auch eine Form der Dokumentation, denn Lebensmittel und Essen sind an sich flüchtig, sie werden verzehrt und sind dann nicht mehr sichtbar. Im Bild wird die Botschaft festgehalten, sie vermittelt meine Lebenshaltung. Der Hintergrund des Begriffs Diät ist das griechische "diaita". Damit war ursprünglich eine Lebenshaltung, Lebensführung gemeint. In diesem Begriff ist noch erkennbar, dass Essen mehr ist als bloße Versorgung mit Nährstoffen.

 

Immer mehr Leute haben ihre Getränkeflaschen dabei, gegessen wird jederzeit und überall, nicht wie früher fünfmal zu festen Zeiten. Ist das Lebensstil?

Brombach: Reden übers Essen ist ein Luxusproblem! Menschen, die hungern, fragen nicht danach, was Essen bedeuten könnte, sondern Essen ist Nahrungsaufnahme, um zu überleben. Evolutionsbedingt sind Menschen darauf trainiert, dann zu essen, wenn Nahrung vorhanden ist. Ist sie immer und überall verfügbar, wie bei uns, dann essen wir eben, weil wir Appetit und Lust haben – nicht aus Hunger. Wir haben uns zu einer "Mampf- und Fress"-Gesellschaft entwickelt. Ältere Menschen essen kaum auf der Straße, weil das zu ihrer Zeit verpönt war. Bei heutigen Kleinkindern können wir oft beobachten, dass sie immer etwas zum Lutschen haben.

Christine Brombach ist Ernährungswissenschaftlerin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).
Christine Brombach ist Ernährungswissenschaftlerin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Wir machen uns heute viele Gedanken über das Essen, trotzdem zeigt die Statistik, dass die Menschen immer dicker werden? Was läuft falsch?

Brombach: Sie haben vollkommen recht. In der Schweiz gelten 44 Prozent der Bevölkerung als übergewichtig bis fettleibig, in Deutschland sind es rund 50 Prozent und in den USA noch um einiges mehr. Viel Information übers Essen heißt eben noch nicht, dass man sich besser ernährt. Ein Faktor, der dazu führt, ist die Zeit. Kochen und gesund essen braucht viel Zeit. Man muss die Produkte bewusst einkaufen und sorgfältig zubereiten. Den meisten fehlt dazu die Zeit, weshalb sie auf Fertigprodukte setzen (müssen). Aber eigentlich braucht Essen Muße und sollte in unser Alltagshandeln eingebunden sein. Der französische Philosoph Marcel Mauss definierte das Essen als "soziales Totalphänomen".

 

Der Jahresbeginn ist die Zeit der guten Vorsätze: Viele nehmen sich vor, ihr Gewicht zu reduzieren. Wie sollte man vorgehen?

Brombach: Das menschliche Essverhalten ist eine Routine. Diese zu durchbrechen braucht viel Willenskraft. Versuchen Sie mal, Gabel und Messer vertauscht zu benutzen und damit zu ändern, was Sie ein Leben lang eintrainiert haben. Das ist fast unmöglich. Deshalb sollten Sie die Umstellung in ganz kleinen Schritten vornehmen. Ein Vorschlag wäre, einen kleineren Teller zu benutzen. Der sieht dann voll aus – man isst ja bekanntlich mit dem Auge –, es ist aber weniger drauf. Beim Trinken sollte das Getränk dort stehen, wo man sich häufig aufhält, um stets daran erinnert zu werden. Und fürs Gemüse empfehle ich, zu Mahlzeitenbeginn etwas rohes Gemüse oder Salat zu essen. Damit sind wir schneller satt und haben überdies mehr Gemüse verzehrt.

 

Im Zentrum des christlichen Glaubenslebens steht eine Mahlzeit: das Abendmahl. Ergibt das für Sie einen Sinn?

Brombach: Ja, das ergibt Sinn. Essen ist ein sozialer Akt. Man kommt zusammen, um zu essen. Damals war das Abendmahl eine volle Mahlzeit, Brot und Wein hatten die symbolische Bedeutung, sich der Verheißung zu vergewissern. Die Leute versammelten sich nach dem Tageswerk, um sich zu stärken: körperlich und geistig. Heute hat sich das gewandelt, das Abendmahl wird am Sonntagmorgen eingenommen und ist auf seine symbolische Funktion reduziert.

 

Womit werden Sie am liebsten satt?

Brombach: Ich habe sehr viele Sachen gerne, bin neugierig und probiere, wenn immer möglich, von allem ein wenig. Ich schätze Brot sehr und ebenfalls Kartoffeln, wie auch Milchprodukte und Gemüse.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Sonntagsblatt