10.03.2020
Online-Date mit Hörgerät

Nürnbergerin wagt auf Tinder einen Selbstversuch zu ihrer Behinderung

Eine Youtuberin wagt einen Selbstversuch. Begegnen ihr Singles auf der Dating-Plattform mit Vorurteilen, weil sie eine Behinderung hat? Aus dem Experiment entstand ein Video, das jetzt beim Jugendfilmfestival in Nürnberg zu sehen ist.

Aley studiert Media-Engineering in Nürnberg. Seit knapp einem Jahr produziert sie in ihrer Freizeit Kurzfilme für ihren YouTube-Kanal. Mal kreiert die junge Frau ein kunterbuntes Musikvideo, mal gibt sie Tipps für Urlaubsreisen mit dem Rucksack. Beim Mittelfränkischen Jugendfilmfestival (JuFiFe) in Nürnberg wiederum bringt Aley nun ein ganz anderes Thema zur Sprache: ihre Schwerhörigkeit.

"Mein Handicap sieht man mir nicht an", sagt Aley. "Die langen Haare machen meine Hörgeräte unsichtbar - da vergessen selbst meine Freunde manchmal, dass ich ein Flüstern nicht verstehen kann." Aley spricht offen über ihre Schwerhörigkeit - den starken Hörverlust erlitt sie in ihrer Kindheit. Im Alltag fühle sie sich selten eingeschränkt.

"Nur wenn viele Leute durcheinanderreden, in Bars oder Clubs zum Beispiel, dann fällt es mir auf Dauer schwer, mich zu konzentrieren", erzählt die Nürnbergerin. Wenn sie Fremde darauf hinweise, werde das manchmal als Spaß missverstanden.

"Da kriege ich schon mal zu hören: 'Ach, ich bin auch manchmal schwerhörig.'"

Ob die Schwerhörigkeit Einfluss auf die Partnersuche beim Online-Dating hat, hat Aley kurzerhand ausprobiert. Bei der Dating-App Tinder legt sie sich zwei verschiedene Profile an: eines, bei dem sie ihre Hörgeräte offen zeigt, dort nennt sie sich Lina.

Und ein anderes, das keinerlei Hinweis auf ihr Handicap gibt. Dieses Profil heißt Mara. Mara schreibt in ihrem Steckbrief nur über ihre Hobbys, Lina erwähnt auch, dass sie schwerhörig ist. In allen anderen Angaben gleichen sich beide Profile. Dann stürzt Aley sich mit ihren beiden Profilen in das digitale Dating-Getümmel. Nach zwei Stunden zieht sie Bilanz.

Über das Ergebnis ihres Experiments freut sich die junge Frau. Lina und Mara können sich vor interessierten Singles kaum retten. Aus beiden Profilen ergeben sich im gleichen Zeitraum etwa gleich viele "Matches" - die Behinderung ist kein Erfolgshindernis.

Handicap nicht verstecken

"Ich hätte erwartet, dass mein Handicap häufiger angesprochen wird, vielleicht sogar abschreckt." Stattdessen habe Aley alias Lina viele freundliche Reaktionen erfahren, Missverständnisse waren im Dialog schnell ausgeräumt. "Das kann Mut machen, sich und sein Handicap nicht zu verstecken", sagt Aley.

Mit ihrem Video will sie Vorbild sein für andere. "Mir ist es wichtig, ehrlich zu mir selbst zu sein und mich nicht zu verstecken." Gerade Jugendliche mit Behinderung müssten sich selbst häufig erst akzeptieren lernen. "Vielleicht kann ich zu mehr Selbstbewusstsein ermutigen", sagt Aley.

Und auch Menschen ohne Handicap müssten sich offen mit Behinderungen auseinandersetzen. "Das darf kein Tabuthema sein. Denn nur, wer sich wirklich informiert, kann Vorurteile abbauen." Auch deshalb hat sie ihren zehnminütigen Clip beim mittelfränkischen Jugendfilmfestival eingereicht. Im Nürnberger Kino Cinecittà ist der Film am Samstag, 14. März, auf großer Leinwand zu sehen.

Erfahrungen auf Dating-Plattform

Ein Freund hat Aley von gegenteiligen Erfahrungen berichtet. Als der seine Behinderung auf einer Dating-Plattform erwähnte, beendete die Gesprächspartnerin plötzlich den Chat. "Ob es anders aussieht, wenn Männer auf Partnersuche gehen, will ich noch herausfinden", sagt Aley.

"Und natürlich ist mir bewusst, dass unterschiedliche Handicaps das Leben unterschiedlich stark beeinflussen." Dementsprechend dürften auch die Reaktionen auf Tinder variieren.

Allzu große Wellen hat das Video "Hörgeschädigte auf Tinder?! Das Experiment" noch nicht geschlagen. Die Reaktionen in den Kommentaren aber sind durchwegs positiv. "Meine Reichweite ist ja sehr begrenzt", sagt Aley, "aber wenn das Video auch nur einen Menschen zum Reflektieren anregt, ob er auf Behinderungen wirklich ohne Vorurteile reagiert, hat sich das Projekt für mich gelohnt."

"Respektvoll" mit Handicap umgehen

Viele hätten nun einmal unbewusst eine bestimmte Meinung gegenüber Menschen mit Handicap. Erst ein Bewusstsein um diese Voreingenommenheit könne dazu beitragen, sie zu überwinden. "Nicht nur ich als Hörgeschädigte muss mit dem Handicap umgehen - auch die Menschen in meinem Umfeld müssen ihren Weg finden", sagt Aley. "Respektvoll und ohne vorschnelle Schlüsse."

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