15.02.2018
"Ich dachte, das ist die Endstation"

Zeitzeugin Ruth Melcer hat als Kind Auschwitz überlebt

Mit neun Jahren überlebt Ruth Melcer das KZ Auschwitz. Bislang hat die heute 82-Jährige über ihre Erinnerungen nur im Kreis der Familie gesprochen. Im Kloster Karmel Dachau erzählte die Zeitzeugin erstmals öffentlich aus ihrem Leben – begleitet von ihrer Tochter und Enkelin.
Zeitzeugin Ruth Melcer im Kloster Karmel Dachau.
Zeitzeugin Ruth Melcer bei ihrem ersten öffentlichen Zeitzeugengespräch im Kloster Karmel Dachau.

 

Ruth Melcer wurde 1935 als Ryta Cukierman im polnischen Tomaszów Mazowiecki nahe Lodz geboren. Das blond gelockte Mädchen war gerade mal vier Jahre alt, als die deutsche Wehrmacht in Polen einmarschierte, und neun Jahre, als sie halb verhungert die Befreiung im KZ Auschwitz erlebte. Viele Erinnerungen bewahrt sie aus den Erzählungen ihrer Eltern. "Aber ab Auschwitz erinnere ich mich an alles, als wäre es heute, der Himmel, der Geruch – da gibt es leider keine Gedächtnislücke", sagt Melcer. Bislang hielt sie ihre "paar Kindheitserinnerungen" nicht für mitteilenswert. Doch nun, da es immer weniger Zeitzeugen gibt, nennt sie es eine Pflicht, zu reden: "Ich kann jetzt nicht mehr sagen, ich mache es nicht."

Doch wie bei so vielen Zeitzeugen lastete auch auf der Familie Melcer zunächst ein jahrelanges Schweigen. "Wir Kinder wussten zwar, dass unsere Eltern Holocaust-Überlebende sind – aber wir haben auch gespürt, dass wir besser nicht nachfragen sollten", sagt die 53-jährige Tochter Vivian Schenavsky. Ihre Mutter habe immer behauptet, sich an nichts zu erinnern. Erst durch die amerikanische Mini-Serie "Holocaust", die im Januar 1979 im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde und die Deutschen erschütterte, brachen die Eltern ihr Schweigen.

Tochter: "Ich wollte nie nach Auschwitz reisen"

Enkeltochter Elise, Jahrgang 1989, wuchs schon mit dem Wissen um die Vergangenheit ihrer Großeltern auf. Dennoch wagten es Tochter und Enkelin jahrelang nicht, sich das Interview anzusehen, dass Ruths Mann Jossi der Shoa Foundation von Regisseur Steven Spielberg gegeben hatte. "Ich konnte das nicht", sagt Vivian und schluckt. Für sie war auch die Polenreise der Familie vor fünf Jahren eine harte Anfechtung. "Ich wollte nie nach Auschwitz", sagt sie, und Tränen steigen in ihre Augen. Nur ihren drei Kindern zuliebe sei sie mitgefahren.

 

Zuggleise ins KZ Auschwitz.
Zuggleise ins KZ Auschwitz.

 

Die 28-jährige Elise schaut ihre Mutter mitfühlend an. Auch für sie war die Reise von Tomaszów bis Auschwitz, die ihre Großmutter initiiert hatte, "die schwerste Reise meines Lebens". In Auschwitz zu stehen, mit dem Wissen um die Monate, die Ruth Melcer hier durchlitten hatte, sei schwer gewesen. Ob sie sich vorstellen konnte, was ihre Großmutter dort erlebt hatte? "Ich glaube, wir waren alle froh, dass wir es uns nicht vorstellen konnten", sagt Elise, und Mutter Vivian nickt.

Doch Ruth Melcer steht die Zeit in Auschwitz und manches Ereignis aus den Jahren davor noch klar vor Augen. Sie weiß, dass sie das Leben bis 1941 nicht als Bedrohung empfand. Zwar hatte ein deutscher Treuhänder die Woll-Firma des Vaters übernommen, aber "wir haben alle zusammen in einer Wohnung gelebt und es wurde niemand erschossen", erinnert sich die elegante alte Dame. Das änderte sich, als die Familie in das "kleine Ghetto" des polnischen Städtchens umziehen musste. Zu viert teilten sie sich ein Kellerzimmer, und wenn die Eltern morgens zur Arbeit gingen, blieben Ruth und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Mirek den ganzen Tag allein in dem Raum.

 

Deportation der Juden aus dem Ghetto Litzmannstadt (Lodz) 1940.
Deportation der Juden aus dem Ghetto Litzmannstadt (Lodz), der nächstgrößeren Stadt zu Tomaszów Mazowiecki, dem Heimatort Ruth Melcers.

 

Der ersten "Aussiedlungswelle", bei der tausende Tomaszówer Juden ins Vernichtungslager Treblinka geschickt wurden, entkamen die Kinder nur, weil eine junge Polin sie gegen Bezahlung auf ihrem Bauernhof im benachbarten Dorf versteckte. Der deutsche Firmenchef hatte den Eltern, die selbst als "kriegswichtige" Arbeitskräfte eingestuft waren, dabei geholfen. An die Dorfkirche hat Ruth Melcer gute Erinnerungen: "Das war für mich ein Ort der Sicherheit, an dem mir nichts passieren konnte." Dem kleinen Bruder verbot sie jedes Wort, damit er sich in der Nachbarschaft nicht verplappern konnte.

Gerade für Kinder wurde die Lage immer bedrohlicher: Die SS hatte an Juden nur ein Interesse, solange man sie als Arbeitskräfte ausbeuten konnte –das galt ab einem Alter von 12 Jahren. Als die Familie Ende 1942 ins Zwangsarbeiterlager Bliżyn verschleppt wurde, schwindelte Ruths Mutter die Tochter zur Zwölfjährigen. "Ich war damals für mein Alter sehr groß – sieht man, oder?" sagt Ruth Melcer, geschätzte 150 Zentimeter klein, und lacht gemeinsam mit ihrem Publikum. Doch für ihren Bruder war die Altersgrenze das Todesurteil. "Es gab eine Razzia, bei der alle Kinder abtransportiert wurden. Als Kind dachte ich nie, dass er nicht mehr lebt. Ich dachte noch nach dem Krieg, er kommt wieder", erinnert sie sich. Ihre Mutter, die den Sohn begleiten wollte, aber von Lagerwachen zurückgehalten wurde, wusste es besser - doch sie schwieg. Erst bei der Polen-Reise vor fünf Jahren erhielt die Ruth Melcer und ihre Familie Gewissheit: Mirek war, wie alle anderen Kinder, im nächstbesten Wald erschossen worden.

Auch das Arbeitslager überlebte die kleine Ruth nur mit gekaufter Hilfe: Das Kontingent an Stopfwäsche war für das Mädchen nicht zu schaffen. Ihre Mutter bezahlte eine Arbeiterin dafür, dass sie ihrer Tochter half.

 

Kinder im KZ Auschwitz.
Kinder im KZ Auschwitz.

 

1944 schließlich der Transport nach Auschwitz. Der Neunjährigen war voll bewusst, was Auschwitz war und was dort mit Juden passierte. Doch wieder hatte die Familie Glück. "Wir kamen als Arbeiter, deshalb gab es keine Selektion an der Rampe", berichtet Melcer. Allen wurden die Haare geschoren, nur Ruth ließ man ihre blonden Locken. Mutter und Tochter kamen nach Birkenau. Ein weiblicher Kapo namens Olga bot an, Ruth zu verstecken. "Sie sagte, ich käme sonst lebend nicht aus dem Lager heraus", erinnert sich die Zeitzeugin. Also ging Ruth mit und tauchte ab. Sie nahm nicht an den Appellen teil, und sie löste sich praktisch in Luft auf, wenn der berüchtigte KZ-Arzt Josef Mengele im Lager nach Kindern suchte, die er für seine Experimente missbrauchen konnte.

Doch noch jemand hatte Interesse an dem hübschen Mädchen. "Ich hatte frappierende Ähnlichkeit mit einer Frau von der SS, als wäre ich ihre Tochter", berichtet Melcer. Diese Frau nahm Ruth zu Spaziergängen mit. "Können Sie sich das vorstellen, spazierengehen in Auschwitz?" fragt Melcer mit sarkastischem Unterton in der Stimme. Die Frau führte sie in Hallen voller Kleidung und staffierte sie mit französischen Mäntelchen und Lackschuhen aus. Bis heute weiß Melcer nicht, was die SS-Wache bezweckte. Aber sie erinnert sich an ein Gefühl der Enttäuschung: "Ich hätte lieber etwas zu essen bekommen, als Lackschühchen."

Als Neunjährige im KZ Auschwitz sechs Wochen auf sich gestellt

Im Dezember 1944 kam das Mädchen in das "C-Lager" für Alte, Zigeuner und Kinder. Ihre Mutter wurde nach Ravensbrück abtransportiert. "Ich lebe nur, weil ich nicht mitgegangen bin", sagt Melcer. Ruth war jetzt völlig auf sich gestellt. Hunger, Einsamkeit, Angst waren sechs Wochen lang ihre einzigen Begleiter. Engere Kontakte zu Mitgefangenen gab es nicht: "Die meisten waren praktisch tot, es gab da nichts Lebendiges mehr. Ich dachte: Das ist die Endstation." Die Befreiung durch die Rote Armee erlebte sie "wie eine Fata Morgana". Alle Kinder wurden in eine Kutsche gesetzt und ins Waisenhaus nach Krakau verfrachtet. In dieser Kutsche fasste Ruth einen Entschluss: "Ich habe beschlossen, dass ich mir nie wieder etwas gefallen lassen wollte."

 

Die Schuhe der ermordeten Juden von Auschwitz.
Schuhe, Kleider oder Brillen der ermordeten Juden von Auschwitz wurden auf Haufen geworfen.

 

Durch glückliche Fügung erfuhr ihr Onkel von Ruths Überleben und holte sie nach Tomaszów, wo im Mai 1945 erst ihre Mutter und im September auch ihr Vater zur Familie stießen – wie durch ein Wunder hatten sie die Transporte von Auschwitz überlebt. Doch der Judenhass war mit dem Dritten Reich nicht untergegangen: Im Juli 1946 wurden im polnischen Kielce 40 Juden ermordet. Ruths Vater beschloss, Polen endgültig Richtung Westen zu verlassen. Schleuser brachten die Familie von Stettin nach Berlin. "Das wurde natürlich bezahlt, die Situation hat sich nicht sehr verändert", sagt Ruth Melcer. Nach zwei Jahren in einem Lager für Displaced Persons gelangte die Familie über Kassel, Bad Reichenhall und Augsburg schließlich nach München. Aber warum blieben sie ausgerechnet im Land der Täter? "Meine Eltern konnten sich das Land ihrer Träume nicht aussuchen", sagt Ruth Melcer lakonisch.

 

Gedenktafel in Auschwitz-Birkenau.
Gedenktafel an die rund 1,5 Millionen Ermordeten in Auschwitz-Birkenau.

 

Der Vater gründete eine Sockenfabrik in Germering, Ruth besuchte das hebräische Gymnasium und änderte ihren Vornamen von Ryta zu Ruth. "Ich hatte das Gefühl, ich wollte lieber einen hebräischen Namen tragen." Sie erinnert sich gern an die Zeit: "Ich hatte eine wunderschöne Kindheit – ab zehn." Am Anna-Gymnasium geriet sie jedoch mit Nazi-Lehrkräften aneinander. "Ich habe meinem Lehrer gesagt: Ich habe nicht Auschwitz überlebt, um mich jetzt von Ihnen beschimpfen zu lassen", erinnert sich Melcer. Besser wurde die Situation dadurch nicht, also beschloss sie mit 15 Jahren, ihr Abitur in Tel Aviv zu machen. 1954 kehrte sie zurück, wurde Chemielaborantin, heiratete und bekam drei Kinder.

An die Familienreise nach Auschwitz vor fünf Jahren erinnert sich Ruth Melcer so: "Unsere Führerin brachte uns an der Warteschlange der Touristen vorbei über das Gelände. Wir haben alles angeschaut. Sie hat uns auch die Latrinen gezeigt. Und dort, bei den Latrinen, da dachte ich: Nein, hier warst du nicht. Ich konnte nicht begreifen, dass ich dort gewesen sein soll. Es war eine grausame Reise."

 

Buch-Tipp: Ruths Kochbuch

"Viele unserer Traditionen sind eng mit dem Essen verknüpft, besonders an Feiertagen", sagt Ruth Melcer. Sie hat ein Kochbuch geschrieben, in dem sie nicht nur die Rezepte ihrer Familie aufgeschrieben hat, sondern auch persönliche Erinnerungen und Geschichten dazu. Neben Tipps für die Zubereitung von gehackter Leber, Hühnersuppe oder Hamantaschen erfährt man auch viel über die jüdische Kultur und Bräuche. 

Ruth Melcer und Ellen Presser: Ruths Kochbuch, die wunderbaren Rezepte meiner jüdischen Familie; erschienen im Gerstenberg Verlag

Ruth Melcers Rezept für den Tscholent, den Eintopf für Schabbat.
Sonntagsblatt