20.05.2018
Predigt zum Pfingstsonntag

Pfingsten: Ein heilloses Durcheinander

In der Erzählung vom Pfingstwunder berührt der Himmel die Menschen und die Botschaft der Liebe vermittelt sich in allen Sprachen. Predigt zum Pfingstsonntag von Pfarrerin Julia Rittner-Kopp.
Ausgießung des Heiligen Geistes
"Ausgießung des Heiligen Geistes" im syrischen Rabulla-Evangeliar (586)

Pfingsten: Ein heilloses Durcheinander

Ein heilloses Durcheinander, liebe Gemeinde, alle sind auf den Beinen, alle mischen mit, die Stadt platzt aus allen Nähten. Kommt mal besser mit den Öffentlichen - einen Parkplatz findest du sowieso nicht... Ein Wirrwarr aus Menschengesichtern und Stimmen, alle strömen zur Party-Meile, Multi-Kulti vom Feinsten, ein rauschendes Fest. Da kannst du einfach dazukommen, dich unters Volk mischen, treiben lassen, ohne festen Plan. Wenn du durch die Menschenmassen gehst, dann hörst du da diese Sprache und dort jenen Dialekt, hier lacht ein Kind, da singt einer ein Friedenslied, hier wird gestritten und gefeilscht... Du riechst gegrilltes Fleisch und Fisch und Zuckerwatte. Festival-Stimmung. Fast alles ist bunt und laut.. Und manchmal wird es dir auch unheimlich, hoffentlich passiert nichts...  Ein Bad in der Menge nehmen -vielleicht gefährlich, ab er das eigene Alleinsein abschütteln –  wunderbar! Und doch kannst du dich inmitten der vielen eingeengt oder erst recht allein fühlen.

Vielleicht wirft einer Konfetti.
Oder ein Rosenblatt segelt genau vor deinem Gesicht herab. Das berührt dich.
Und du fragst dich:
Was soll das alles?
Was geschieht hier?

Wie komme ich hier in dem ganzen Durcheinander zurecht?
Die Antwort weiß ganz allein der Wind...
Pfingsten gibt eine Wind-Antwort. Von oben. Vom Himmel herab.

Die Bibel erzählt von einem Riesen-Event in Jerusalem. Jüdinnen und Juden aus vielen Ländern und Gegenden treffen sich und feiern Schawuot miteinander, das Wochenfest. 50 Tage nach dem Befreiungs-Fest Passa feiern sie die Tora, die Zehn Gebote. Gott hat uns seine Hilfe und Weisung geschenkt. So können wir in aller Freiheit miteinander klarkommen. Das muss gefeiert werden!

Darum ist da so ein Durcheinander mit so unüberschaubar vielen Leuten.
Aber auch die vielen Menschen sind lauter einzelne Personen. Die Jesus-Jünger sind auch dabei. Es ist sieben mal sieben Tage nach Ostern. Viel Trauer-Zeit ist vergangen.. Sie hatten aufgegeben, haben geweint und sich geschämt - und dann ist ihr Jesus auferstanden und mit ihm all ihr Hoffen. Sie spüren sich wieder, fühlen sich wieder lebendig - und doch ist es anders als früher. Unglaublich anders. Sie sind völlig durch den Wind - es sprudelt aus ihnen heraus - sie reden wie von selbst, wie von Sinnen.
An diesem Pfingsttag, wo sie alle beieinander sind - ergreift sie dieses Brausen vom Himmel.

Die Wind-Antwort

Und dieses Wind-Brausen und Rauschen - spricht für sich.
Damals musste das keiner übersetzen oder erklären: Ruach - Wind, Atem, Sturmbraus - das gleiche Wort bedeutet: Gottes Geisteskraft. Sie weht über den Wassern vor Beginn aller Zeiten und als Atem in uns Menschen. Kein Leben ohne diesen Geist-Wind...
Komm, Schöpfer Geist, veni Creator Spiritus - so klingt der jahrhundertealte Pfingstruf.


Komm, komm herab.
Berühre und bewege uns, komm, Heilger Geist.
So steigen Pfingstgebete himmelwärts - aus allen Kirchen.
Und nicht nur dort und nicht nur an Pfingsten kommt die Wind-Antwort von oben -auf uns herab.
Überraschend.
Wie Rosenblätter.

Da ist nichts zu sehen, zu berühren - kein Kreuz, Grab, keine Krippe. Da sind nur lauter Menschen, die sich wie im Rausch auf einmal gut verstehen. Vielleicht ist deshalb schon in den ersten Jahrhunderten der Brauch entstanden, dass in Pfingst-Gottesdiensten Rosenblätter herabregnen - wie das Feuer vom Himmel - heute noch im Pantheon in Rom und wer weiß, in welch anderer Kirche noch...
Wir schauen hinauf, ein bisschen von uns weg.
Nicht wir berühren den Himmel sondern der Himmel berührt uns.

Von oben nach unten, von unten nach oben?
Das läuft im normalen Leben andersrum. Da wollen die meisten hoch hinauf - auf der Erfolgsleiter, dem Siegertreppchen. Eine fixe Idee ist das. So sind viele von uns aufgewachsen und geben es immer noch so weiter: Orientiere dich nach oben, nach denen, die besser sind. Streng dich an. Werde Klassenbeste, Pokalsieger, Voice of Germany ...  Klar, das ist auch schön zu erleben: Ich wachse über mich hinaus. Ich habe mich selbst übertroffen.
Es tut meinem Körper gut, wenn ich nach oben ausgerichtet bin, Kopf, Nacken, Schultern frei sind - wunderbar! Dann geht es auch der Seele gut.

Weil so alles leichter wird - das Stehen, das Sitzen, das Gehen, das Atmen.
Leicht - ohne den Druck, etwas zu erreichen. Leicht, weil ich dann unten gut stehe und oben Raum ist - für ... Rosenblätter und den Rhythmus des Atmens...
Raum, vom Himmel berührt zu werden.
Das ist ein anderes Hoch-hinaus-wollen. Denn es geht gerade nicht ums Wollen. Da lasse ich geschehen.
Kennen Sie diesen Spruch von einer Schwarzweiß-Postkarte „Was machen Sie? Nichts, ich lasse das Leben auf mich regnen.“ Und eine altmodisch gekleidete Frau tanzt mit Regenschirm durchs Leben.
Mir wird da ganz pfingstlich zumute. Diese Leichtigkeit erinnert mich an
Gottes unermüdliches, einfallsreiches Zur-Welt-herab-kommen. Es erinnert mich an Brot vom Himmel für die Hungrigen in der Wüste. Es erinnert mich an Jesus, der auf die Welt herab kommt, für uns das Schwere leichter nimmt, der auf Kinder, die Vögel am Himmel und die Lilien auf dem Felde achtet.
Er macht sich nicht groß, um den Himmel zu berühren und seine Macht zu beweisen.

Wolkenkratzer-Welt

Die Turmbau-Leute aber wollen den Himmel berühren. Als Kind habe ich mir das immer so vorgestellt. Und das hatte etwas Verbotenes und Faszinierendes...
Als Kind habe ich auch das Wort Wolkenkratzer geliebt. Ich habe mir gerne vorgestellt: Das sind Häuser mit Menschen drin, und die können an den Wolken kratzen und ein bisschen was Himmlisches, etwas Sonnenlicht oder Sternenglanz abbekommen.
Ich hab auch ganz gerne Wolkenkratzer gemalt. Denn die waren einfach und ich nicht so eine große Zeichnerin - hohe Türme, viele Fenster und nach oben hin ein paar Zacken oder Zinnen. Alles eckig, spitz. Gut zum Wolkenkratzen.
Viele, viele Jahre später stehe ich in Nürnberg in der Sebalduskirche. Dort sehe ich auch Kinderzeichnungen von Wolkenkratzern. Sie hängen zwischen vielen beschriebenen Zetteln an einer Gebetswand. Sie sind genauso gemalt wie meine Kinder-Wolkenkratzer, und doch ist alles anders. Weil ein Flugzeug auf sie zufliegt. Auf manchen der Bilder stürzt der eine Turm ein und Rauch steigt auf. Daneben steht in Kinderschrift: Warum?
Das war in den Tagen nach dem 11. September. Bei dem Terrorangriff auf die Twin Towers des World Trade Centers sind unzählige Menschen getötet worden. Das selbstverständliche Vertrauen in ein sorglos-sicheres Leben war zutiefst erschüttert oder sogar zerstört.

Weltweit waren wir wie erstarrt in Angst vor Terror, Fanatismus und Hass, vor „Bomben, Raketen und Tod“.
Aber nicht erst seit dem 11. September ist das Zusammenleben auf dieser Welt angekratzt. Und es geht immer so weiter in dieser verwundeten Welt. Weil die Angst vor Terror um sich schlägt und weil diese Angst umschlägt - in einseitiges und einfältiges Abgrenzen, in Angst vor denen, die anders sind, anders als wir. Die anders aussehen und deren Glauben vielleicht auch anders aussieht.
Die Angst vor der Vielfalt gebiert einfältige Ideen, politische Turmbau-Projekte zwischen Kleingeist und Größenwahn, um sich einen Namen zu machen, gut dazustehen.
Und Gott?

Heilsames Durcheinander

Gottes Wille ist die Vielfalt.
Die Turmbau-Leute erleben das.
Gott zeigt ihnen: Es braucht keine Türme, keine Zusammenrottung von Gleichen, kein Mächtemessen.
Was wie ein heilloses Durcheinander wirkt, das ist aus Himmelssicht heilsam, ein heiliges Durcheinander. Denn es ist das vielfältige, vielfarbige, vielstimmige Leben. Da ist Musik drin. Und Frieden. Und Segen.
Auch in dem Land, in dem wir leben. Deutschland, einig und vielfältig Vaterland. Es gibt eine Muttersprache, die klingt am Chiemsee anders als am Rhein, in Franken anders als in Nordfriesland. Und wir alle leben hier zusammen mit Menschen aus vielen Vaterländern, mit vielen Muttersprachen. In aller Verschiedenheit, im gleichen Land. Das ist nicht für alle einfach. Und nichts ist einfach eindeutig. Außer der Vielfalt...

Darum hat mich total begeistert, was der Politiker Johann Saathoff vor einigen Wochen im Bundestag gesagt hat - vor allem, wie er es gesagt hat. Er hat auf den Antrag einer Partei reagiert. Da wurde gefordert: Im Grundgesetz solle die deutsche Sprache als Landesssprache verankert werden, um den Wert der Muttersprache zu heben.
Meine Muttersprache ist Plattdeutsch, sagt Johann Saathoff  - und hält seine weitere Gegenrede auf Plattdeutsch. Oh, da wird es unruhig im Bundestag. Viele lachen befreit auf. Auch wenn da nicht jedes Wort zu verstehen ist, trotzdem in dem Moment und später im Radio, auf youtube und sonstwo  - da verstehen es alle:
Wir werden nicht ärmer durch andere Sprachen sondern reicher. Wer fremde Sprachen kennt, versteht auch seine eigene besser. Wenn ich mich auf eine andere mir fremde Person einlasse, erfahre ich auch etwas über mich. Wir bleiben verschieden und kommen doch zusammen.

Es geht ums Fließen und Austauschen. Um das Wehen des Geistes, der aus der Enge, in Köpfen und Herzen, in die Weite führt. Wo der Geist des Herrn weht, da ist Freiheit!
Es war nur eine Rede im Bundestag, liebe Gemeinde, aber die hatte was von Pfingsten. Denn da war einer ziemlich geistreich, ein bisschen verrückt und sehr inspiriert. Vielleicht vom Himmel berührt.
Das gelingt nicht immer.
Ein geistreicher und passender Kommentar kommt mir oft erst dann, wenn mein wortreiches Gegenüber schon weitergegangen ist.
Die coole Antwort fällt mir erst auf dem Heimweg ein, auf dem Fahrrad oder in der U-Bahn.
Dann ärgere ich mich, aber vielleicht bin ich beim nächsten Mal schneller - es ja gibt viele Gelegenheiten für einen Geistesblitz.
Wir schaffen nicht immer alles sofort und richtig gut.
Na und?

Verrückte, frohe Pfingsten! Christenmenschen müssen nicht immer alles richtig machen. Nicht alles machen!
Also: Keine Gewaltakte, keine Turmbau-Projekte.
Sondern geschehen lassen, was die Welt verändert und ver-rückt. Es steht uns auch gut an, dem Himmel zu vertrauen, um auf der Erde etwas zu verändern.
Gott selber hat das Verrückteste überhaupt gemacht: Den Tod besiegt. Das Todsichere erschüttert - und alles verwandelt.
Und davon reden die Jesus-Jünger in Jerusalem - sie haben den Tod von Jesus erlebt und das Ende von allem - und dann - wie verrückt! - dann geht es erst richtig los.
Davon reden sie - wie im Rausch.
Begeistert.

In dem ganzen Durcheinander in Jersualem, in dem Durcheinander dieser Welt.
Sie feiern einen Gott, der im Geist der Freiheit und der Liebe darauf schaut. Der uns zur Vielfalt berufen hat und begeistert.
Schaut euch um: Was für ein heilsames, heiliges Durcheinander!
Alles voller Rosenblätter...
- und Menschen, kunterbunt verschieden...
Frohe Pfingsten!
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen - und HALLELUJA!

Predigt von Pfarrerin Julia Rittner-Kopp im evangelischen Gottesdienst am Pfingstsonntag, 20. Mai 2018 in der Friedenskirche St. Johannis in Nürnberg. Der Gottesdienst wird live übertagen ab 10 Uhr von Das Erste und BR1.

 

 

 

 

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