4.06.2014
Pfingsten & Feiertage

Pfingsten: Die weibliche Darstellung in Urschalling ist weltberühmt

Pfingsten feiern die Christen die Ausschüttung des Heiligen Geistes. Im oberbayerischen Urschalling hat ein Freskenmaler dem Heiligen Geist weibliche Züge verliehen: Zwischen Gottvater und Christus lächelt eine Frauenfigur die Betrachter an.

Romantischer kann eine Kirche kaum liegen: hoch oben auf einem Berg, umringt von grünen Wiesen mit weidenden Pferden und Bauernhöfen. Die Zwiebelhaube der St. Jakobuskirche von Urschalling im oberbayerischen Chiemgau ist weithin zu sehen. Die Region um Prien am Chiemsee zählt zum »Bayerischen Meer« und gilt als Urlaubsregion schlechthin.

Die kleine Kapelle ist weltberühmt. Denn sie beherbergt die wohl ungewöhnlichste Darstellung der Heiligen Dreifaltigkeit: Zwischen dem weißhaarigen Gottvater und dem bärtigen Christus lächelt eine hübsche junge Frau mit langem Haar und roten Wangen die Betrachter an.

Pfingsten in der Bibel

Die Pfingsterzählung in der Bibel schildert, wie die Jünger erfüllt wurden von »dem Heiligen Geist und anfingen, zu predigen in anderen Sprachen«. Dann »sah man etwas wie Feuer, das sich zerteilte, und auf jeden von ihnen ließ sich eine Flammenzunge nieder«, heißt es in der Apostelgeschichte. Petrus rief der Überlieferung zufolge die Menschen daraufhin auf, Buße zu tun und sich auf den Namen Jesu Christi taufen zu lassen. Ihm folgten laut Pfingsterzählung an dem Tag rund 3.000 Menschen.

Symbol Taube erinnert an Pfingsten

In der christlichen Kunst wird das Ereignis oft mit dem Symbol einer Taube, einem Auge in einem Dreieck oder Zungen auf den Köpfen der Jünger dargestellt. Das Urschallinger Fresko zeigt drei Figuren. Ist der Heilige Geist also eine Frau? »Die Darstellung in Urschalling lässt diese Interpretation vermuten«, erklärt Kirchenführerin Helga Schömmer den knapp zwanzig Gästen, die neugierig den Kopf heben, »allerdings streiten sich Kunsthistoriker und Theologen bis heute, wie sie dieses Fresko interpretieren sollen«.

Die gotischen Fresken auf den Wänden der Kapelle sind außergewöhnlich. Überlebt haben sie nur, weil sie fast 400 Jahre unentdeckt unter Putzschichten verborgen blieben. Der Grundstein für die Kapelle wurde Anfang des 12. Jahrhunderts gelegt, vermutlich zur selben Zeit, als die mächtige und reiche Adelsfamilie der Grafen von Falkenstein über die Ländereien rund um den Chiemsee herrschte.

Kapelle in Urschalling mit Fresken

Die Kapelle befand sich damals am Rand einer heute nicht mehr vorhandenen Burganlage, wie das Mauerwerk auf der Westseite der Kirche vermuten lässt. Zwar wurde die Kirche barockisiert und erhielt um 1711 die markante Zwiebelhaube, die wertvollen Fresken wurden mehrfach übertüncht. Ein Foto von 1926 zeigt die Kapelle noch mit Barockaltar und weißen Wänden. Erst in den 1960er Jahren bis 1980 wurden die Fresken vorsichtig freigelegt.

Um die Deutung des Freskos mit der »Heiligen Geistin« gebe es immer wieder kontroverse Diskussionen, erklärt Kirchenführerin Schömmer. Vor allem die Darstellung der mittleren Figur ist umstritten. Befürworter der Theorie, dass es sich hier tatsächlich um die Darstellung einer Frau handelt, verweisen auf die alttestamentliche Rede vom Gottesgeist: Der hebräische Begriff dafür lautet "Ruach" und ist einer der wenigen weiblichen Begriffe der hebräischen Sprache. Möglich, dass sich der Freskenmaler auf diese Idee berufen hat.

Maria als Braut des Heiligen Geistes

Die kleine Kirche ist zwar eine Jakobuskirche. Dennoch sind bei den Fresken viele Darstellungen der Mutter Gottes zu sehen, und auch ein Zierband schmückt die Wand, in dem sich in gotischer Minuskelschrift »Ave Maria« lesen lässt. Anfang des 15. Jahrhunderts, als die Fresken entstanden, wurde Maria oft als Braut des Heiligen Geistes oder Tempel des Heiligen Geistes bezeichnet, erklärt Schömmer. Manche erkennen in dem Faltenwurf der Gewänder sogar eine weibliche Scham und einen Phallus - die als Symbol gelten könnten für die göttliche Liebe in Person.

Pfingsten, Dreifaltigkeit oder Mariendarstellung?

Handelt es sich also bei der Mittelfigur der Dreifaltigkeit um eine Mariendarstellung? Gegner dieser Interpretation meinen, dass die Mittelfigur einen jungen Mann zeigt und sich die Szene auf Abraham bezieht, der an anderer Stelle zu sehen ist. Dann würde es sich um die Darstellung der drei Männer handeln, die Abraham bei der Eiche von Mamre voraussagen, dass er einen Sohn bekommen wird.

Kirchenführerin Helga Schömmer jedenfalls will sich nicht festlegen mit einer Deutung: »Ich mache diese Führungen seit nunmehr acht Jahren, und immer wieder werden neue Thesen aufgestellt«, erklärt sie. Viel wichtiger sei der Erhalt der kleinen Kapelle und ihrer Fresken - und dass sich »noch viele Besucher der Urschallinger Kirche be-Geistern lassen«.

Buchungen zu den Kirchenführungen beim Landkreis Rosenheim sind hier möglich.

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