16.09.2018
Evangelische Morgenfeier

Predigt: Alt werden ist nichts für Feiglinge (Pred. 12, 1-7)

In seiner evangelischen Morgenfeier denkt der Pegnitzer Dekan Gerhard Schoenauer über die Angst vor dem Älterwerden und Altsein nach, die vielen zu schaffen macht.
Alter Mann mit Rabe

Alt werden ist nichts für Feiglinge

Kaum geboren, ist man schon achtzig – so hat es einmal der Karikaturist Viktor von Bülow alias Loriot geäußert. Die Bibel beschreibt es so: Der Mensch blüht auf wie eine Blume auf dem Felde, wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da.  Dass wir Menschen ein so rasch vergehendes Leben führen, macht uns schon zu schaffen. Die Angst vor dem Älterwerden und Altsein lässt ganze Wirtschaftszweige blühen: Die Kosmetik- und Pharmaindustrie, Schönheitschirurgen, Fitnesscenter Gesundheitsmessen und was noch alles. Tipps ohne Ende werden gegeben und gesucht, um das Altern hinauszuzögern oder zu verschleiern oder gar zu locken, wie man es am Krückstock noch so richtig krachen lassen kann. Tipps, wie einer sich fit hält, gesund ernährt, damit es sich auch im Alter gut leben lässt. Alles schön und gut, nur allzu leicht wird übersehen, dass das Leben – ob jung oder alt – nicht unser Produkt ist, sondern Geschenk, dass wir nicht Schöpfer, sondern Geschöpfe sind. Manchmal hat man den Eindruck, als ob es wirklich allein an mir selbst, an uns Menschen läge, im hohen Alter noch fit und unbeschwert leben zu können.

Ich möchte in dieser Morgenfeier über das Älterwerden nachdenken, über Lust und Last des Alters. Für beides – Lust und Last – lassen sich gute Beispiele und Begründungen finden, wobei sich die Tonlage schon verändert hat und das Alter oder der sogenannte Ruhestand manchmal fast wie eine zweite Jugend besungen werden.

Second Life People

Unglaublich, dass das Leben mit 66 noch einmal anfangen soll. Von second-life-people, zweite-Leben-Leute spricht man heute oder von den Goldies oder den Herbstzeitlosen. Das mag damit zusammenhängen, dass wir älter werden als die Generationen vor uns, dass wir mit 65 Jahren noch lange nicht an ein Altersheim denken, sondern eben noch einmal durchstarten mit neuen Zielen. Vorbilder dafür lassen sich leicht finden: Michelangelo z.B., der mit 71 Jahren die Bauleitung des Petersdoms in Rom übernahm. Oder Goethe, der mit 73 Jahren seinen Faust II schrieb. Oder der kürzlich der kürzlich verstorbene amerikanische Politiker John McCain, der bis ins hohe Alter für seine Sache gekämpft hat. 

Aber – und davon können wir alle aus eigener Erfahrung erzählen oder weil wir alte Eltern und Großeltern haben, so federleicht und unbekümmert wie es oft verkauft wird, so ist das Alter nicht. Die Schauspielerin Mae West hat diesen nun schon zu einem Sprichwort gewordenen Satz geprägt: "Alt werden ist nichts für Feiglinge."

Ungewöhnliche Bilder für das Alter

Der weise Mann aus dem Alten Testament, den wir Prediger nennen, beschreibt das Alter so wie es ist. Liebevoll klingt das, aber auch sehr realistisch.

Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre sich nahen, da du wirst sagen: Sie gefallen mir nicht, ehe die Sonne und das Licht, Mond und Sterne finster und Wolken wiederkommen werden nach dem Regen, - zur Zeit, wenn die Hüter des Hauses zittern und die Starken sich krümmen und müßig stehen die Müllerinnen, weil es so wenige geworden sind, und wenn finster werden, die durch die Fenster sehen, und wenn die Türen an der Gasse sich schließen, dass die Stimme der Mühle leiser wird, und wenn sie sich hebt, wie wenn ein Vogel singt, und alle Töchter des Gesangs sich neigen; wenn man sich vor Höhen fürchtet und sich ängstigt auf dem Wege, wenn der Mandelbaum blüht und die Heuschrecke  sich belädt und die Kaper aufbricht; denn der Mensch fährt dahin, wo er ewig bleibt, und die Klageleute gehen umher auf der Gasse; - ehe der silberne Strick zerreißt und die goldene Schale zerbricht und der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad zerbrochen in den Brunnen fällt.
Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat. (Pred. 12, 1-7)

Der weise, alte Mann spricht zunächst die Jungen an: Denk an deinen Schöpfer in der Jugend – ehe das Alter kommt. 17 ist man nur einmal – ein ganzes Jahr lang, aber ebenso 70 und alle Jahre davor, dazwischen und danach sind gute Jahre, wenn man sagen kann: Ich lebe gern – jetzt. Nicht morgen oder übermorgen, nicht erst, wenn ich einen Führerschein habe, nicht erst, wenn ich einen tollen Beruf erlernt habe, nicht erst, wenn ich ein Haus gebaut habe – nein jetzt. Ich lebe jetzt gern und freue mich darüber, was mein Schöpfer mir schenkt Jahr für Jahr – Tag für Tag. Denk daran! Und dann beschreibt der Prediger das Alter in ungewöhnlichen und verfremdenden Bildern und doch so einfühlsam:

Die bösen Tage nennt er das Alter, wenn das Licht, Sonne, Mond und Sterne finster werden. Regentage – und die Kälte in die Knochen zieht. Die Sonne kommt nach den Wolken nicht wieder. Es geht nicht mehr aufwärts.

Die Hüter des Hauses zittern: Ein Bild für die Hände und Arme – was haben sie alles angepackt in diesem Leben, gearbeitet, wie oft jemanden gestreichelt, einen lieben Menschen umarmt. Jetzt zittern sie, die Hüter des Hauses.

Die Starken krümmen sich: Die Beine und Füße: Wie schwer fällt so mancher Schritt und erst recht das Treppensteigen. Da sehnt sich eine zurück, wie leichtfüßig sie so manchen weiten Weg gelaufen oder gerannt ist, zwei Treppenstufen auf einmal nehmen konnte und sich beim Tanzen mühelos gedreht hat. Jetzt fällt jeder Schritt schwer, die Starken, die Beine krümmen sich.

Man fürchtet sich vor Höhen und ängstigt sich auf dem Weg: Unsicher ist das Leben geworden, ängstlich geht man auf die Straße, man findet sich nicht mehr zurecht und manch einer seinen Weg nicht mehr. Die äußere Welt ist einem nicht mehr vertraut, die kleinen, alltäglichen Lebenstechniken werden zu großen Problemen.

Müßig stehen die Müllerinnen, weil es so wenige geworden sind: Wie kraftvoll konnte man früher zubeißen, jetzt ist man vorsichtig, auch mit den dritten Zähnen und überlegt, was man in den Mund schieben kann.

Finster werden sie, die durch die Fenster sehen: Fast blind ist die alte Frau, die ich besucht habe. Ein Leben lang hat sie gerne gelesen, es war ihre Leidenschaft. Nun kann sie kaum noch die Buchstaben entziffern, auch nicht mit Brille und Vergrößerungsglas. Trübe sind ihre Augen geworden. Die Welt rückt ihr in die Ferne, auch die Menschen, die sie nicht mehr richtig sehen und hören kann.

Die Türen an der Gasse schließen sich: So beschreibt der Prediger die Ohren. Was alles ist in ihrem langen Leben an ihre Ohren gedrungen: Musik, Stimmen, Worte wie: Ich brauche dich. Ich liebe dich. Oder ein Versprechen, das sich tief in ihr Herz gelegt hat, Gottes Versprechen zum Beispiel. Ich will dich tragen bis ins Alter (Jes 46,4). Ist sie dafür nun taub? Hoffentlich klingt das in ihrem Herzen nach.

Ich kenne keinen anderen Text, der das Alter so stimmig und zärtlich beschreibt wie dieser aus dem Alten Testament:

Die Stimme der Mühle wird leiser und wenn sie sich hebt, klingt es, wie wenn ein Vogel singt: Undeutlicher, leiser wird die Stimme, die einmal so kraftvoll erzählen und rufen und singen konnte. Jetzt klingt sie wie ein Vögelchen, hoch und leise.
Zutreffend eschreibt der Prediger das Alter mit ungewöhnlichen Bildern, die verschieden Deutungen zulassen.

Der Mandelbaum blüht: Die Haare werden grau

Schwer schleppt sich die Heuschrecke: Das Tragen fällt schwer.

Die Kaper zerplatzt: Die Sexualität lässt nach. Die sommerliche Reife steht im Gegensatz zu dem abnehmenden Leben.

Ja, so ist das Alter, wie es dieser weise Mann beschreibt. Und dazu kommt die große Angst: Ich werde nicht mehr gebraucht, was man wie eine Unverschämtheit empfinden kann. Dass ich im Alter immer mehr Dinge nicht mehr kann, abgeben muss, das verschärft die Frage: Wozu bin ich denn noch da? Der wohl bedeutendste Cellist des 20. Jahrhunderts Pablo Casals, übte auch als Neunzigjähriger noch täglich vier bis fünf Stunden Cello. Auf die Frage "Wozu?" antwortet er: "Weil ich den Eindruck habe, ich mache Fortschritte". Und über sein Alter sagt er:

"Ich habe immer geglaubt, mit achtzig wäre man alt. Aber jetzt bin ich anderer Ansicht. Es gibt Zeiten, in denen ich mich wie ein Junge fühle. Solange man im Stande ist zu bewundern und zu lieben, solange ist man jung. Und es gibt viel zu bewundern und zu lieben!
 Ich bin jetzt über 93 Jahre alt, also nicht gerade jung, jedenfalls nicht mehr so jung wie ich mit neunzig war. Aber Alter ist etwas Relatives. Wenn man weiter arbeitet und empfänglich bleibt für die Schönheit der Welt, die uns umgibt, dann entdeckt man, dass das Alter nicht notwendigerweise Altern bedeutet, wenigstens nicht im landläufigen Sinne. Ich empfinde heute viele Dinge intensiver als zuvor, und das Leben fasziniert mich immer mehr." (Pablo Casals, Licht und Schatten auf einem langen Weg. Erinnerungen aufgezeichnet von Albert F.Kaba, 1974)

Nicht jeder ist ein Casals, Michelangelo oder Goethe und trotzdem ist das Alter mehr als nur Gebrechen, mehr als nur Last. Nein, ich will nichts beschönigen und für so manche ist die Last zu groß und es bleibt nur die Frage: Warum? Warum muss ich das alles aushalten? Aber es kann auch eine so fruchtbare und wichtige Zeit sein. Es bietet Chancen und Möglichkeiten, drei davon möchte ich nennen:

Ich muss nicht mehr siegen!

Erstens: Ich muss nicht mehr in der ersten Reihe stehen. Die Karriereleiter ist ein Relikt aus vergangener Zeit, worüber ich gelassenen lächeln kann. Der Kampf um die besten Plätze ist längst vorbei. Ich muss nicht mehr siegen, nicht mehr dieses oder jenes erreichen. Es wird leichter, es anzunehmen, dass nicht ich der Meister meines Lebens sein muss oder bin, dass nicht ich Herr im eigenen Haus bin. Denk an deinen Schöpfer – ja, im Rückblick erkenne ich, was ich alles aus seiner Hand genommen habe und nehme Tag für Tag. Das war nicht ich, nicht mein Verdienst, was da gelungen ist in meinem Leben. Ich darf so sein, wie ich bin: unvollkommen, ein Fragment, fehlerhaft und manchmal ganz schön angeschlagen und hinfällig wie mein Körper. Ich muss mein Leben nicht rechtfertigen durch das, was ich leiste. Niemand muss das, aber jetzt im Alter erkenne ich das besser. Ich bin einfach da, weil es Gott so gefällt und nicht, weil ich für irgendeinen Zweck verwendbar bin. Ich erinnere mich: Damals in dieser bösen Zeit, verloren kam ich mir vor mit dieser üblen Krankheit, verlassen und nichts habe ich von ihm, meinem Gott gespürt, eine gottlose Zeit. Und jetzt, im Rückblick denke ich: Er war dabei, hat mich gestützt und gestärkt und als ich nicht weiter konnte, hat er mich durch manche Krise getragen. Was für eine Befreiung ist es, zu erkennen, dass nicht ich es bin, der dieses Leben führt, sondern eine andere Hand mich wärmt und schützt, auch wenn ich alt und gebrechlich bin.

Brücken bauen zwischen den Generationen

Zweitens: Es ist noch gar nicht so lange her, da habe ich über die Großväter gelacht, die zu spinnen angefangen haben, ganz albern, immer dann, wenn ihre Enkelkinder in der Nähe waren. Seit ich selbst Enkel habe, lache ich darüber nicht mehr. Es ist schön, Großvater zu sein. Es ist alles viel leichter und lockerer als es bei den eigenen Kindern war. Ich bin nicht mehr für die Erziehung verantwortlich, naja ein bisschen schon noch, aber es ist ganz anders. Ich muss sie nicht mehr dazu anhalten, ihre Hausaufgaben zu machen oder aufzuräumen. Ich kann mit ihnen spielen und herumtoben ganz ohne Druck. Ich kann ihnen Geschichten vorlesen oder erzählen. Nein, nicht mit dem Unterton: Früher war alles besser. Aber ich kann erzählen von dem, was gut war in meinem Leben, von Erfahrungen, die ich gemacht habe. Erzählen war schon immer die Sache der Großeltern. Biblische Geschichten z.B., die den Kindern ins Ohr flüstern, wie das Leben gelingt. Und wer keine eigenen Kinder hat oder keine Enkel bekommen kann – heute gibt es so viele Möglichkeiten, sein Leben mit Kindern zu teilen. Ich kann mit Kindern Schätze heben, die bei mir schon lange verschollen waren. Und ich kann mit ihnen singen.

Brücken bauen zwischen den Generationen, erzählen davon, woher man kommt und was schon war – das können nur die Alten. Aber manchmal, nein oft beschleicht mich ein schlechtes Gewissen: Was hinterlassen wir den nachkommenden Generationen, wie sieht diese Welt aus, wenn unsere Enkelkinder einmal groß sind?

Ich stehe im Garten und sehe einen wunderschönen Schmetterling vorbeifliegen. Werden meine Enkelkinder diesen Schmetterling auch noch bewundern und sich daran freuen können in zehn oder zwanzig Jahren? Oder gibt es ihn dann nicht mehr? Denk an deinen Schöpfer, ruft uns der weise Prediger zu. Ich sehe das Bild des toten Kindes, das ertrunken im Meer ans Land geschwemmt wurde. War meine Reaktion nur Betroffenheit? Habe ich irgendetwas unternommen? Wir haben so viel versäumt, zu wenig gekämpft für diese Welt, für Gerechtigkeit, für Menschenwürde. Immer waren andere Dinge wichtiger. Noch habe ich Zeit. Meinen Zorn über die Ausbeutung dieser Erde, über die Verachtung Andersdenkender, über Feindseligkeit und Hass – wie wir es gerade in Deutschland wieder erleben – diesen Zorn will und darf ich auch in meinem Alter nicht aufgeben. Das bin ich mir schuldig, das bin ich meinen Kindern und Enkelkindern schuldig, das bin ich meinem Glauben und meiner Hoffnung schuldig.

Auf der Zielgeraden

Drittens. Ein letzter Gedanke: Je älter ich werde, desto größer werden die Schatten des Todes. Der weise Mann aus dem Alten Testament beschreibt das wieder in fremden und sehr eindrücklichen Bildern:

...denn der Mensch fährt dahin, wo er ewig bleibt, und die Klageleute gehen umher auf der Gasse; - der silberne Strick zerreißt und die goldene Schale zerbricht und der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad fällt zerbrochen in den Brunnen.
Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.

Der Mensch stirbt nicht nur am Ende des Lebens, sondern jeder Tag bringt mich näher dahin. Es ist so, wie wenn einer sich langsam aus dem Leben hinausstiehlt. Im Alter ist das deutlicher wahrzunehmen: Die Kontakte werden weniger, die Beweglichkeit eingeschränkt, von dem ein oder der anderen verabschiedet man sich, auf vieles muss verzichten werden. Man befindet sich auf der Zielgeraden. Das ist die Zeit zum Entrümpeln. Wie bei einem Umzug: Was nicht mehr gebraucht wird, wird weggegeben. Das Haus wird leer, nur die wichtigen und wesentlichen Dinge sollen mitgenommen werden. Wenn ich nur noch ganz wenig um mich habe – in einem Kranken- oder Sterbezimmer – ist dann mein Leben endlich entrümpelt? Bin ich dann endlich beim Wesentlichen angekommen?

Bin ich dann auch frei von der Last, die ich so lange mit mir herumgeschleppt habe und die schwer auf meiner Schulter liegt? Frei von meiner Schuld, wo ich anderen Menschen wehgetan habe, was ich alles versäumt habe? Ist da noch Zeit, etwas in Ordnung zu bringen? Die Gebrechen des Alters können furchtbar sein, eine Krankheit schrecklich, aber es ist schön, so viel Zeit zu haben, sich zu verabschieden, etwas zu ordnen, zu entrümpeln. Ein altes Sprichwort sagt das so: Bewahre mich vor einem schnellen, bösen Tod. Und hoffentlich begreife ich da endlich: Ich kann vieles nicht mehr gutmachen. Was geschehen ist, ist geschehen. Womit ich das Leben vergiftet habe – ich kann es nicht mehr rückgängig machen. Aber ich bin nicht mein eigener Richter. Mein Richter ist einer, der nicht nur gerecht, sondern barmherzig ist, einer, der mich liebt, einer, der mir die Hände unter den Kopf legt, wenn ich sterbe. Denk an deinen Schöpfer! Der Tod gewinnt? Nein! Die Liebe gewinnt, die Liebe gewinnt immer.

Käthe Kollwitz hat das Sterben einmal so beschrieben:

Einen Ausspruch… habe ich unterdes gehört,
den ich schön finde…
Sterben ist ja nur, als ob man sich auf die andere Seite legt.
Das ist schön nicht wahr?
Anders ist das nicht, man legt sich eben auf die andere Seite.
(Käthe Kollwitz, Meine Zeit in Gottes Händen 1996, S.60 )

Die andere Seite – davon kann man träumen. Der weise Mann aus dem Alten Testament sagt an einer anderen Stelle: Gott hat uns die Ewigkeit ins Herz gelegt. So träume ich von der anderen Seite: wie es dort wohl sein wird? Wem ich da begegne: Auf meinen Bruder freue ich mich, so viel hätte ich noch mit ihm zu besprechen. Martin Luther King ist da, dem wäre ich so gern einmal begegnet, vielleicht singen wir miteinander einen Blues. Ach, da mag jeder und jede für sich selber träumen. Es sind Träume, die Gott uns schickt.

Altwerden ist nichts für Feiglinge. Das stimmt schon. Aber Altwerden ist etwas für Träumer. Die Träume richten sich nicht nur zurück auf das, was schön und gut war in diesem Leben. Sie schauen verstärkt nach vorne, auf einen neuen Anfang, auf ein Ziel. Weil ich aus Gottes Hand bin – denk an deinen Schöpfer – werde ich auch in Gottes Hand bleiben. So gesehen ist das Alter ein Zieleinlauf nach einem langen Marathon mit all seinen leichten und mühsamen Wegstrecken. Es ist gut, wenn ich dann so auf der Zielgeraden sagen kann: Ich habe gern gelebt. Aber jetzt habe ich das Ziel vor Augen, den Jubel, wenn ich die Linie überschreite, die Siegerehrung.

Evangelische Morgenfeier vom 16.09.2018 (16. Sonntag nach Trinitatis) mit Dekan Gerhard Schoenauer, Pegnitz, Thema: Alt werden ist nichts für Feiglinge

Das PDF mit dem vollständigen Text kann beim BR heruntergeladen werden unter diesem Link.

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