25.10.2017
Sonntagsblatt-Sprechstunde

Streit im Seniorenkreis über die richtige Haltung zum Altwerden. Und über ein Lied im evangelischen Gesangbuch.

Im Seniorenkreis unserer Gemeinde hatten wir neulich eine temperamentvolle Diskussion. Ansonsten geht es da harmonisch zu, aber diesmal war richtig Pfeffer drin. Wir kamen nämlich auf das Thema »Alt werden« zu sprechen, und dabei gab es sehr unterschiedliche Meinungen!

Die Älteren unter uns neigten dazu, sich vor allem auf Gott zu verlassen. Er wisse, was gut für uns sei, ihm dürften wir vertrauen. Heißt es nicht in einem alten Choral: »Wer nur den lieben Gott lässt walten ...«? (Gesangbuch 369) Und weiter: »Man halte nur ein wenig stille und sei doch in sich selbst vergnügt, wie unseres Gottes Gnadenwille, wie sein’ Allwissenheit es fügt ...«

Die Jüngeren erregten sich sehr darüber und meinten, das sei eine naive, überholte und unverantwortliche Einstellung. Es gelte vielmehr, selbst so weit wie möglich für sein Alter zu sorgen. Durch gute Ernährung, regelmäßige Vorsorge, Anregungen für Herz und Seele. Manchmal schien es fast, als ob wir uns richtig auseinanderredeten, aber am Schluss waren wir doch der Meinung, dass dieser Streit so verkehrt nicht war.

Frau U.

 

Kompliment! Mein Kompliment dafür, dass Sie aus der Ruhe und Harmonie ausgestiegen sind und Pfeffer zugelassen haben. Dabei haben Sie im Seniorenkreis das erlebt, was auch im Allgemeinen gilt. Das hat jedenfalls die Altersforschung herausgefunden. Nämlich: Menschen, die in den 1920er-Jahren geboren wurden, neigen dazu, gott- oder schicksalsergeben alt zu werden. Menschen, die in den 1930er-Jahren geboren sind, neigen zu der Einstellung, dass man für ein gutes Alter etwas tun kann, aber das mache vor allem der Arzt, die Medizin. Menschen, die in den 1940er-Jahren geboren sind, sprechen von Gesundheitsvorsorge und sehen darin eine persönliche Aufgabe. Ganz sicher liegt in dieser Entwicklung auch ein Lernweg.

Der Choral »Wer nur den lieben Gott lässt walten ...« eignet sich dabei schlecht als Sach­argument. Einen Zugang zu seinen Strophen bekommt man wohl nur, wenn man sich für die Erfahrungen interessiert, die da zu Wort kommen:

Der Dichter Georg Neumarkt ist 20 Jahre alt, man schreibt das Jahr 1641, da stößt ihm etwas Schreckliches zu. Er wird überfallen und ausgeraubt: Übrig bleibt ihm nur, was er auf dem Leib trägt. Es folgen Monate, in denen er verzweifelt eine Anstellung sucht. Immer wieder fleht er Gott weinend um Hilfe an. Da geschieht das Wunder: Völlig überraschend findet er eine Stelle als Lehrer. Die Choralstrophen sind eine Antwort auf dieses überwältigende Glück.

Das Problem dabei ist, dass aus einer so persönlichen ­Erfahrung Verse entstehen, die sehr verallgemeinern. Von ­daher verstehe ich die Einwände: naiv, überholt, unverantwortlich. ­Dieser Choral geht nur dann tiefer, wenn ich das Fremde daran überspringen kann. Dann kann ich mir vielleicht das eine oder andere Bild borgen – für meine Sehnsucht, meinen Lebensmut, meine Zuversicht. Ich kann zum Beispiel viel für ein gesundes Altwerden tun und mich gleichzeitig einüben in die Haltung des Vertrauens. Ich kann »ein wenig stille und in mir selbst vergnügt« darauf vertrauen, dass Gott weiß, was mir fehlt.

 

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Sonntagsblatt