17.05.2017
Sonntagsblatt-Ratgeber

Sprechstunde: Silberhochzeit und ein totes Kind

Der Tod ihres Kindes belastet auch noch nach Jahrzehnten die Beziehung eines Ehepaars.
Leere Schaukel auf einer Wiese

Wir feiern bald Silberhochzeit. Als ich meinen Mann kennengelernt habe, war er wirklich ein Geschenk für mich. Ich hatte wenig Selbstbewusstsein und seine Liebe hat mich aufgebaut und gestützt. Aber er war auch oft mit sich selbst beschäftigt und hat immer wieder gesagt, dass er sich mir nicht ganz öffnen will.

Wir sind dann durch viele Höhen und Tiefen miteinander gegangen. Am schlimmsten war, dass wir unser zweites Kind mit zwei Jahren durch einen Unfall verloren haben. Er hat mir nie die Schuld gegeben, aber er hat sich in den Jahren darauf sehr zurückgezogen und wurde depressiv.

Ich habe ihm dann durch viel Reden geholfen. Ich habe selber Therapie gemacht und wusste ungefähr, wie das geht. Er hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Er unterstützt mich in allem, was ich tue. Aber etwas nagt an mir. Ich kann diese frühen Jahre, wo er zwar an meiner Seite war, aber irgendwie auch fern, nicht vergessen. Ich kann darüber natürlich nicht mit ihm reden, das würde ihm das Herz brechen. Aber ich möchte irgendwie darüber hinwegkommen.

Frau H. (53)

Sie haben einen Schicksalsschlag durchlitten, den viele Ehen nicht überstehen. Der Tod eines Kindes kann eine heftige Krise auslösen, weil Partner unterschiedlich trauern und den Verlust sehr unterschiedlich verarbeiten. Womöglich zeigte sich im depressiven Rückzug Ihres Mannes seine Art zu trauern. Sie haben das anders bewältigt: durch Therapie und indem Sie alles getan haben, um Ihrem Mann zu helfen.

Was haben Sie beide also alles miteinander geschafft! Das wird schon in Ihren wenigen Zeilen deutlich.

Wichtig ist aber auch: Nicht alles, was Sie an Reaktionen bei Ihrem Mann feststellen, hat mit Ihnen zu tun. Ihr Reden mit ihm war nicht der einzige Grund, weshalb er aus seiner depressiven Phase herausgekommen ist.

Sie haben sicher großen Anteil daran, dass Ihr Mann seine depressive Phase überwunden hat. Aber vermutlich wissen Sie aus Ihrer eigenen Therapieerfahrung, dass das Reden von Paaren miteinander, und sei es auch noch so hilfreich, eine Therapie, in der es auch darum geht, durch einen Außenstehenden eine neue Perspektive zu gewinnen und neue Erfahrungen zu machen, nicht ersetzen kann.

Ihr Mann hat also ganz sicher in hohem Maß eigene Kräfte mobilisiert. Genauso wenig ist seine zeitweilige Zurückgezogenheit, die Sie auch jetzt noch, trotz aller Nähe, zuweilen erinnert, wie es am Anfang Ihrer Beziehung war, ein Zeichen dafür, dass er Sie nicht (oder nicht mehr so) liebt.

Es könnte doch sein, dass Ihr Mann jemand ist, der sich Rückzugsmöglichkeiten ganz unterschiedlicher Art sucht und auf diese Weise sein Leben und seine Beziehungen gestaltet. Das ist aber offensichtlich – seit 25 Jahren schon – kein Widerspruch zu seiner Liebe zu Ihnen.

Vielleicht schaffen Sie einen Perspektivwechsel, indem Sie auf das sehen, was Ihrem Mann und Ihnen gemeinsam gelungen ist und was Sie heute gemeinsam leben. Jeder von Ihnen hat in 25 Jahren Stärken und Schwächen gezeigt – aber es sind die Stärken, die Sie beide zusammenhalten.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Sonntagsblatt