13.07.2020
Inklusion

Pandemie verstärkt Ausgrenzung: Blinde, Sehbehinderte und Gehörlose leiden besonders unter der Corona-Krise

Die Corona-Pandemie bringt für fast jeden Einschränkungen mit sich - für gehörlose, sehbehinderte und blinde Menschen aber in ganz besonderer Weise. Denn die Verlagerung ins Digitale birgt für viele Menschen mit Behinderung weitere Schwierigkeiten.
Markus Rummel
Markus Rummel wünscht sich als Blinder dringend Verbesserungen bei Bankgeschäften.

Durch die coronabedingten Hygienemaßnahmen haben viele Arbeitnehmer in den vergangenen Wochen unfreiwillig die Vorteile der Heimarbeit kennengelernt: Dank Internet konnten sie im Homeoffice arbeiten, der stressige Weg zur Arbeit fiel weg. Auf der anderen Seite haben allerdings viele den direkten Kontakt zu Kollegen vermisst.

Für Blinde ist das Internet nur bedingt ein Ersatz für das "reale" Leben, sagt Markus Rummel: "Denn wir sehen mit den Händen." Der Zwang, zunehmend online agieren zu müssen, schränke blinde Menschen deshalb noch mehr ein als sonst, erläutert er.

Rummel ist keiner, der sofort lamentiert. Für den 64-jährigen aus Würzburg ist klar, dass eine vollständige Inklusion blinder Menschen kaum möglich ist. Auch nicht in der digitalen Welt:

"Was Software anbelangt, hinken wir den Sehenden meist fünf Jahre hinterher."

In einigen Lebensbereichen würde er sich aber dringend Verbesserungen wünschen. So hat ihm seine Bank noch keine Alternative zum Einsatz eines TAN-Generators angeboten: "Die Transaktionsnummer, die auf dem Gerät erscheint, wird nicht vorgelesen". Will er Bankgeschäfte tätigen, braucht er immer seine Frau Rita Fiedler dazu.

Arbeiten zu gehen, ist für Rummel nach wie vor noch nicht möglich. Denn das, was er tut, lässt sich virtuell nicht erledigen: Er arbeitet als Musiktherapeut am Würzburger Blindeninstitut. Seit mehr als drei Monaten ist er zu Hause. Mit seinen sehenden Kollegen kommuniziert er per Videokonferenz.

Das Problem: "Die Sprachqualität ist einfach nicht gut genug." Weil er wegen vollständiger Blindheit keine Gestik und Mimik wahrnehmen kann, ist er auf den Klang der Stimme angewiesen. Sensibel hört er im Live-Kontakt Unmut, Zufriedenheit oder Skepsis heraus. Das gelingt ihm derzeit nur bedingt.

Herausforderungen für Blinde

Blinde und Sehbehinderte werden gerne über einen Kamm geschoren. Doch gerade in der Corona-Krise zeigt sich, so Rummel, dass zwischen beiden Welten liegen: Sehbehinderte profitieren anders als Blinde stark von Videokonferenzen.

Der 34-jährige Sozialpädagoge Daniel Musizza, der dem Münchner Verein "Sehbehindert - aber Richtig" vorsitzt, ist auf dem rechten Auge komplett blind, links sieht er noch zehn Prozent.

"Weil ich die Teilnehmer einer Videokonferenz ganz nah heranzoomen kann, bekomme ich mehr mit als bei Teambesprechungen, wo manche Teilnehmer fünf Meter von mir wegsitzen", schildert er.

Barrierefreies Internet

Auch virtuelle Veranstaltungen findet Musizza ganz in Ordnung, nehmen sie ihm doch beschwerliche Anreisen ab. Schwierig ist für ihn allerdings, dass viele Internetseiten noch immer nicht barrierefrei sind. Musizza kommt zum Beispiel nicht weiter, werden plötzlich Aufgaben gestellt, mit denen der Nutzer beweisen soll, dass er kein Roboter ist.

Da kann er noch so sehr vergrößern: "Der Buchstabe 'O' lässt sich für mich nicht von der Ziffer '0' unterscheiden." Auch an verschnörkelten Schriften, wie sie Restaurants gern für ihre Speisekarten verwenden, scheitert der gelernte Kaufmann wegen seines Handicaps.

Insgesamt sei es sehr positiv, dass es für Sehbehinderte jetzt viel mehr Möglichkeiten als noch vor ein paar Jahren gibt, virtuell zu partizipieren, meint Musizza. Nur eines findet er inakzeptabel:

"Man muss zum Teil lange kämpfen, bis man die entsprechenden Hilfsmittel bekommt."

Das hat er selbst erlebt. Der junge Mann, der in seinem gelernten Beruf nicht mehr zufrieden war, entschied 2012, auf die Berufsoberschule zu gehen, um die ur Hochschulreife zu erwerben. Damit er sehen konnte, was an der Tafel stand, benötigte er eine Tafelbildkamera: "Dafür musste ich zwei Jahre gegen den Bezirk Oberbayern kämpfen."

Online-Unterricht

Laut Monika Weigand, Expertin für barrierefreie IT beim Berufsförderungswerk Würzburg (BFW), gelang es ihrer Einrichtung zwar gut, die Ausbildung beim Ausbruch der Krise kurzfristig auf Online-Unterricht umzustellen.

"Unser großer Vorteil war, dass wir schon viele Jahre eLearning anbieten, und mit unserer barrierefreien Lernplattform über eine bewährte Arbeitsumgebung auch für Blinde und Sehbehinderte verfügen", sagte sie. Problematisch sei gewesen, die Teilnehmer mit blindengerechter Hardware auszustatten. Rund 80 Arbeitsplatzausstattungen für 350.000 Euro wurden verschickt.

Informationen aus sicherer Quelle waren und sind gerade in Krisenzeiten wichtig. Jeder möchte wissen, wie schlimm die aktuelle Situation ist und womit in Zukunft gerechnet werden muss. Für Gehörlose war es laut Uta Schmitgen, Gehörlosenberaterin beim Paritätischen Wohlfahrtsverband in Würzburg, gerade am Anfang schwer, an sichere Infos zu kommen.

Erst nach einer Petition wurden Gebärdensprachdolmetscher bei wichtigen Nachrichtensendungen eingeblendet: "Oft jedoch nur im Livestream, was nicht jeder gehörlose Mensch nutzen kann, insbesondere nicht die gehörlosen Senioren."

Fokus auf Schriftsprachenkompetenz im Internet

Dass es im Internet Informationen in Hülle und Fülle gibt, nützt den meisten gehörlosen Menschen nur wenig. "Der starke Fokus auf die Schriftsprachkompetenz ist problematisch", erklärt Cornelia von Pappenheim, Geschäftsführerin des Gehörlosenverbands München und Umland. Dem stimmt Schmitgen zu: "Ein Großteil meiner gehörlosen Klienten tut sich sehr schwer mit schriftsprachlichem Ausdruck und dem Lesen von Texten."

Die Kommunikation mit gehörlosen Menschen per SMS und E-Mail stelle oftmals eine "große Herausforderung" dar.

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