21.04.2020
Bücher lesen

"Müssen jetzt kreativ werden": Das hat sich für Buchhändler, Schriftsteller und Bibliotheken durch die Corona-Krise geändert

Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen sind für viele eine Belastung - aber: sie schafft auch neue Freiräume. Zeit zum Lesen etwa. Die Welt der Literatur wird zur gedanklichen Spielwiese. Inhaftierte kennen dieses Gefühl gut.
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Ein Virus zwingt plötzlich dazu, ein zurückgezogenes Leben zu führen. Partys sind tabu. Selbst der Cafébesuch scheidet aus. "Und weil man nicht dauernd vorm Fernseher sitzen oder am Computer zocken kann, greifen die Menschen zum Buch", sagt Christina Rauch, Buchhändlerin aus Nürnberg, im Vorfeld des "Unesco-Welttags des Buchs", der jährlich am 23. April stattfindet. Geradezu "überwältigend", sagt die 55-Jährige, sei die Solidarität der Kundinnen und Kunden mit ihrem im Juli 2017 eröffneten Buchladen.

Normalerweise steht der Faktor Zeit genüsslichen Lesen im Wege. Die Arbeit stresst. Kinder, Haushalt und auch Ehrenämter fordern. "Aktuell wird all das gelesen, was man schon immer mal lesen wollte, wozu man aber nie gekommen ist", sagt Rauch. Was an Lektüre bei ihr telefonisch oder über den Online-Shop nachgefragt wird, ist breitgefächert: "Das reicht von Büchern fürs Homeschooling, über Studienbücher, Lernhilfen, Sachbücher bis hin zu Romanen und Biografien." Zu den Rennern gehört die Neuauflage von Ernest Hemingways "Paris - Ein Fest fürs Leben": "Die gerade aber nicht lieferbar ist."

Gefangenenbibliothek in Würzburg

Menschen, die unter Arrest stehen, erleben monate- und zum Teil jahrelang Ähnliches, was nun alle durch das Coronavirus erfahren: Sie müssen sich mit wenigen Ablenkungsmöglichkeiten irgendwie die Zeit vertreiben. Besonders Gefangene, die noch keinen Fernseher haben, wagen sich in dieser Situation nach Jahren oder womöglich zum ersten Mal in ihrem Leben in eine Bibliothek, sagt Arnd Bartel, der für die Gefangenenbibliothek in der Justizvollzugsanstalt Würzburg zuständig ist. Über Zeitschriften, Illustrierten und Comics tasten sich die sonst leseabstinenten Inhaftierten allmählich zum "richtigen" Buch vor.

Bevorzugt wird leichte Kost. Besonders begehrt sind erotische Romane. "Der absolute Renner stammt von Sophie Andresky", verrät Bartel: "Vögelfrei". Seit neun Jahren ist der "Roadmovie durch die Abgründe der Lust" im Bestand der Gefangenenbibliothek. Seitdem wurde er zweimal wiederbeschafft und insgesamt nahezu 200 Mal ausgeliehen. Alexander Solschenizyns "Archipel Gulag" folgt auf Platz zwei der absoluten Bestenliste: "Allerdings auf Russisch." Insgesamt verfügt die Bücherei über 10.000 Medien und 40 Zeitschriften.

Einige Gefangene haben schon etliche Bücher aus der Bibliothek der JVA gelesen. "Von diesen Stammlesern kommen auch Wünsche und Empfehlungen für Neuanschaffungen", sagt Bartel. Allein im Februar wurden 1.400 Bücher ausgeliehen, im Augenblick sind etwa 900 Titel im Umlauf. Einmal pro Woche können Inhaftierte dorthin, selbst stöbern oder sich beraten lassen. Viele haben einen Migrationshintergrund. Für die hält die JVA-Bibliothek Bücher in 35 Sprachen bereit. "Gerade in diesem Bereich sind wir auf Spenden angewiesen", berichtet Bartel: "Wobei die gespendeten Bücher oft in erbärmlichem Zustand sind."

Schriftsteller in Corona-Zeiten

Für Schriftsteller ist die Corona-Pandemie extrem ungünstig - aber auch sie versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. "Wir müssen jetzt kreativ sein", sagt Klaas Huizing, evangelische Theologieprofessor an der Uni Würzburg und Buchautor. Im März erschien sein neuer Roman "Das Testament der Kühe". Die Präsentation des Werks auf der Buchmesse in Leipzig wurde ebenso wie alle Lesungen bis Sommer gecancelt. "Ich produziere deshalb jetzt einen kleinen Videofilm, lese die erste Geschichte, zeige die Fotos, die im Roman eingebaut sind und rede über das Buch", berichtet Huizing.

Den ganzen Tag vor dem Fernseher chillen oder am Computer spielen, das geht auf Dauer nicht, meint auch Huizing. "Das Leben zu Hause wird für alle leichter, wenn ein Rhythmus den Tag strukturiert, also etwa: Um 14 oder um 18 Uhr eine Stunde lesen, oder sich gegenseitig eine halbe Stunde vorlesen", erzählt er. Für Huizing ist das Buch ein "Entschleunigungsmedium" par excellence: "Es kann vor allem helfen, die Entschleunigung mit Genuss voranzutreiben." Huizing tippt darauf, dass die Pandemie dem periodisch totgesagten Buch ein "second life" bescheren wird: "Und zwar in allen denkbaren Formen."

Digitale Angebote

Dass nun vermehrt Menschen nach der Devise "Lesen ist Leben im Kopf" zum Buch greifen, merkt man auch in der Stadtbibliothek München. Die schloss zwar am 13. März die Türen ihrer über 20 Standorte. "Da wir aber weiterhin ein offener Ort sein wollen, offerieren wir allen, die in der Region leben, für die Dauer von drei Monaten einen kostenfreien Zugang zu unseren digitalen Angeboten", sagt Bibliotheksmitarbeiterin Sabine Hahn. Der Erfolg der Aktion sei riesig, er habe die Erwartungen des Teams weit übertroffen: "Innerhalb einer Woche haben sich über 5.000 Personen angemeldet."

Nun könnte man meinen, dass "Krisenbücher" boomen, doch dem ist nicht so. "Krisenliteratur wird nicht häufiger nachgefragt als vor der Pandemie", sagt Hahn. Besonders begehrt sind bei den Münchnern Regionalkrimis von Rita Falk. Das Buch "Guglhupfgeschwader" der gebürtigen Oberammergauerin führt die Hitliste bei den eBooks an, Falks "Kaiserschmarrndrama" rangiert bei den eAudios ganz oben. Insgesamt hat sich die Zahl der Neukunden im Zusammenhang mit dem Digitalabo im März im Vergleich zum Februar mehr als verdoppelt. Die Ausleihen stiegen ebenfalls um über 50 Prozent.

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