11.10.2014
Schuld

Wegen Mordes verurteilter Kirchenmusiker: "Ich kann mir nicht vergeben"

Hans-Martin R. war Landeskirchenmusikdirektor der bayerischen Kirche. Im Mai 2008 erstach er seine Ehefrau mit einem Messer. Er verbüßt deswegen eine lebenslange Haftstrafe in einer Münchner Justizvollzugsanstalt. Ein Gespräch über Schuld und Vergebung.
Mann vor einem vergitterten Fenster

Warum sind Sie zum Mörder geworden?

Hans-Martin R.: Dafür gibt es keine Worte. Es geschah in einem Moment, in dem ich nur noch schwarze Wolken über uns sah. Es war kein Ausweg mehr, ich war tief verstrickt in schuldhaftes Verhalten und Probleme, ich sah mich in einem Tunnel ohne Umkehr.

Warum war das so?

R.: Wir hatten massive finanzielle Probleme, ein gescheitertes Immobilienprojekt im Osten hat uns ruiniert, schließlich drohte die Pfändung. Ich hatte Affären mit anderen Frauen und habe zwei nicht eheliche Kinder. Ich wusste nicht, wie ich ihr das finanzielle Desaster beibringen sollte. Ich dachte, sie würde die Wahrheit nicht verkraften. So wurde der Druck immer größer: die Schuld, die Schulden, die Schande, die Verzweiflung. Ich hatte geglaubt, unser beider Tod sei die einzige Möglichkeit, die Ultima Ratio.

Ihre Frau ist tot, Sie leben noch…

R.: Ich wollte mit ihr sterben. Ich nahm nach ihrem Tod erst von ihr Abschied, dann wollte ich noch einmal die Städte und Kirchen besuchen, zu denen ich mich hingezogen fühlte. Ich wollte in den Bergen bei Bayrischzell sterben. Ich rief meine Tochter an, um mich von ihr zu verabschieden. Sie brachte mich davon ab. Sie sagte: "Ich brauche dich, du bist mein lieber Papa." Nach dem Gespräch wählte ich die 110 und stellte mich.

Wie war für Sie die erste Zeit im Gefängnis?

R.: Neun Monate U-Haft waren zermürbend, fast ohne Kontaktmöglichkeit nach außen. Es wird nur gegen einen untersucht. Ich hatte 2006 einen Herzinfarkt und galt als suizidgefährdet. Durch die hämischen Zeitungsberichte waren einige Mitgefangene sehr feindselig gegen mich eingestellt, ich hatte Angst. Ich habe diese Mithäftlinge gebeten, mir zuzuhören. Sie haben mir danach abgenommen, dass ich meine Tat zutiefst bereue.

Dann kam der Prozess.

R.: Ich war am Boden. Die Verhandlung und die Öffentlichkeit treffen einen in dem Moment, in dem man nicht dafür bereit ist. Das Plädoyer des Staatsanwalts war für mich verheerend, das Urteil des Richters vernichtend. Er hat mich einen Versager genannt. Dieser Begriff hat in der Rechtssprechung meiner Meinung nach nichts verloren. Es war für mich wichtig, dass diese Entgleisung wenigstens in einem Nürnberger Gemeindebrief kommentiert wurde. In der schriftlichen Urteilsbegründung stand das dann auch so nicht mehr drin. Ich muss also davon ausgehen, dass die mündliche Urteilsbegründung für die Galerie gehalten war. Die Presse, auch die "seriöse", hat sich darauf gestürzt.

Wie sehen Sie Ihre Tat heute?

R.: Es ist furchtbar, es ist irreparabel, was ich getan habe. Ich lebe, aber ich habe meiner Frau diese Chance nicht gegeben. Ihr Tod ist meine Schuld, mit der ich lebe. Ich hoffe, es gibt ein Morgen. Ich zünde jeden Tag für meine Frau eine Kerze an, ich bete für sie. Ihr Geburtstag, unser Hochzeitstag, ihr Todestag, das sind die Tage, an denen alles noch viel präsenter ist als sonst. 

Verändert sich die Perspektive auf die Tat?

R.: Vor und während der Tat fühlte ich mich wie in einem Tunnel. Ich dachte, Gott hätte mich verlassen und es gibt keinen anderen Weg. Jetzt habe ich einen anderen Blick, nennen wir es Weitwinkel. Mir ist bewusst, was ich getan habe. Jetzt weiß ich, dass ich Wegmarkierungen nicht wahrgenommen hatte. Es ist verrückt, in meinem engsten Freundeskreis waren Menschen, die mir auf ihre Weise hätten helfen können, aber ich habe aus falschem Stolz und Scham nichts von meinen Schwierigkeiten erzählt.

Wenn Sie freikommen, sind Sie weit über 70 Jahre alt.

R.: Ich denke nicht darüber nach. Lebenslänglich, 15 Jahre … Was dann ist, weiß ich nicht. Ich denke an heute. Was mache ich aus dem heutigen Tag? Hier muss ich mich jeden Tag meiner Tat stellen. Das ist über die Jahre ein Prozess, der im zivilen Leben nicht stattfinden kann. Ich habe inzwischen gelernt, zurechtzukommen, hier nicht unterzugehen.

Wie kann man diese Schuld bewältigen?

R.: Gar nicht. Aber man ist mit seiner Tat und seiner Schuld hier nicht allein, eine Handvoll Menschen begleiten einen. Ich möchte mit jeder Haftwoche weiterkommen. Ich bin vor sechs Jahren als Mörder hier hereingekommen, ich möchte nicht als Mörder hier hinausgehen. Aber ein Stigma wird bleiben, und ich werde Fragen beantworten müssen. Ich bin gezwungen, darüber nachzudenken - das ist ein Teil der Strafe.       

Mit wem können Sie sprechen?

R.: Mit wenigen Mitgefangenen im Bibelgesprächskreis und mit den beiden Anstalts-Seelsorgern. Meine Geschwister, eine gute Freundin und die Regionalbischöfin kommen regelmäßig zu Besuch. Meine Tochter darf mich einmal im Vierteljahr besuchen. Viele Freunde sind abgesprungen. Von denjenigen, denen ich zum Beispiel beruflich geholfen habe, ist keiner übrig.

Wie verbringen Sie Ihre Zeit?

R.: Ich habe in der Bücherei und in der Wäscherei gearbeitet, zuletzt als Vorarbeiter. Von der Kirche wollte ich nichts mehr wissen, ich hatte gedacht, Gott hat mich verlassen. Auch mit der Musik war es vorbei. Ich ging ins Gefängnis mit der festen Absicht, nie mehr eine Taste anzurühren und nie mehr einen Ton zu singen. Bis mir jemand im Gefängnis sagte: "Ihnen fehlt die Musik." Als ich im Obergeschoss der Kirche ein Klavier entdeckte, konnte ich nicht widerstehen. Ich spielte Brahms und Bach - nur für mich.

Seit drei Jahren sind Sie nun "Musikmesner" der Anstaltskirche.

R.: Ich wollte auf keinen Fall den großen Organisten spielen und sagte auf die Bitte des Pfarrers erst einmal Nein. Doch da hatte ich bereits den kleinen Finger gegeben. Im Sommer 2011 übernahm ich den Chor. Weil in Stadelheim zwei Drittel der Insassen U-Häftlinge sind, ist die Fluktuation sehr groß. Es ist ein Kommen und Gehen. Bei 25 Chorsängern sind jede Woche zwei weg und zwei neu dabei. Nur zwei sind aus der Anfangszeit noch übrig.

Macht es trotzdem Freude?

R.: Ja, unbedingt. Die meisten können keine Noten lesen, andere können kein Deutsch, einige haben noch nie vorher einen Ton klassische Musik gehört. Für viele ist der Chor ein Rettungsanker im Gefängnisalltag. Es ist schon sehr speziell, wenn afrikanische Christen mit arabischen Muslimen und einem Punk-Sänger "Ein feste Burg ist unser Gott" singen. Wobei wir hauptsächlich Gospels und Spirituals singen - und das ziemlich gut. Sie werden von der Musik angerührt, auch wenn sie es nicht zeigen. Der Chor hat ein Ziel. Zielorientiert zu arbeiten ist im Gefängnis sonst nicht möglich. Wir sind sehr dankbar, dass wir es hier können. Ich glaube fest daran, dass sich Inhalt und Ziel der Haft nur dann erschließen, wenn die Zeit sinnvoll genutzt wird.

Was vermissen Sie am meisten?

R.: Ich vermisse bestimmte Menschen. Ansonsten gewöhnt man sich an vieles, richtet sich ein. Aber die verordnete Begrenztheit der Kommunikation ist sehr schlimm. Was ich sehr vermisse, ist das regelmäßige, persönliche Gespräch mit Menschen, die mir nahestehen. Der persönliche Kontakt fehlt mir sehr. Die strenge Besuchsregelung kommt einem Kommunikationsverbot nahe, und die Anstalt betreibt einen hohen Aufwand, dass es so ist. Menschen, die gerne Kontakt halten würden, werden abgeschreckt. Das ist deprimierend.

Hoffen Sie auf Vergebung?

R.: Ich habe den Geschwistern meiner Frau einen Brief geschrieben und um Vergebung gebeten. Ich habe keine Antwort bekommen.

Damit konnten Sie wohl auch nicht rechen.

R.: Ich wusste, dass ich keine Antwort bekommen werde, ich habe dennoch ehrlichen Herzens um Vergebung gebeten. Wichtig war mir, zu erkennen und auszusprechen, dass ich vor allem meiner Frau und meiner Tochter unsagbare Schmerzen zugefügt habe. Gegen dieses Eingeständnis hatte ich mich anfangs gesträubt. Um die drei oder vier Sätze in diesem Brief habe ich lange gerungen. Mit meiner Tochter habe ich vereinbart, dass wir ausführlich über alles reden. Den Zeitpunkt soll sie bestimmen. Ihre Bereitschaft dazu ist für mich ein Zeichen der Vergebung.

Wird Gott Ihnen vergeben?

R.: Ich hoffe darauf. Ich hoffe, dass Gott mich nicht auf meine Tat reduziert. Meine Rettung war, dass es nach der Tat noch Menschen gab, die sagten: "Was du getan hast, ist unbegreiflich, aber wir kennen dich auch anders." Als Mensch wahrgenommen zu werden ist unschätzbar. Für meine Frau und mich hoffe ich, dass die letzten dunklen Momente nicht für alles stehen, sondern die schöne Zeit, die wir hatten. Als Zeichen dafür trage ich unseren Ehering weiter.

Können Sie sich selbst vergeben?

R.: Nein, ausgeschlossen. Das geht nicht, ich kann mir nicht selbst vergeben, auch nach den fast sieben Jahren in Strafhaft nicht. Wenn meine Tochter eines Tages sagen könnte, "Papa, ich vergebe dir", dann wäre es gut.

Über Hans-Martin R.

HANS-MARTIN R. war Landeskirchenmusikdirektor der bayerischen Landeskirche und Honorarprofessor für Kirchenmusik an der Universität Bayreuth. Sein Osterlied "Die Sonne geht auf. Christ ist erstanden" steht im Evangelischen Gesangbuch (EG 556). Er hatte die profilierte Kantorenstelle an St. Sebald in Nürnberg inne und wirkte in Coburg-St. Moriz, in München-Solln und am Tegernsee.

Am 19. Mai 2008 erstach er seine 59-jährige Ehefrau in der gemeinsamen Wohnung in Gmund am Tegernsee mit einem Messer. Ein Münchner Schwurgericht verurteilte den damals 63-Jährigen zu lebenslanger Haft - wegen heimtückischen Mordes.

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