Synodale in Bayern
Die Probleme der Menschheit sind so existenziell, dass sie nur in einem Miteinander gelöst werden können, findet Werner Reuß. Im Sonntagsblatt-Interview erklärt er, warum sich Kirche um existenzielle, soziale und lebenspraktische Themen kümmern sollte.
Synodaler Werner Reuß

Die Probleme der Menschheit sind so existenziell, dass sie nur in einem Miteinander gelöst werden können, findet Werner Reuß. Im Sonntagsblatt-Interview erklärt der Synodale, warum sich Kirche um existenzielle, soziale und lebenspraktische Themen kümmern sollte.

 

Welches aktuelle Thema beschäftigt Sie als Synodaler?

Zum einen beschäftigt mich, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt durch viele Entwicklungen bedroht ist – auch durch eine zunehmende Polarisierung und Radikalisierung. Mit der Zunahme organisierter Partikularinteressen nimmt ganz offenbar die Toleranz gegenüber den Interessen anderer ab.

Zudem befindet sich unsere Öffentlichkeit in einem hysterisierten Erregungsszustand, der von sich überschlagenden Dauer-Breaking-News noch zusätzlich befeuert wird. Wer soll da noch den Überblick behalten über die wirklich relevanten Themen?

Was mich auch besorgt ist, dass wir nicht nur das Zuhören verlernt haben, sondern auch noch freudig-eifernd tribunalisieren. Mit einer Selbstverständlichkeit erheben sich Menschen über andere und sitzen über sie moralisierend zu Gericht. Das sind meines Erachtens bedrohliche Entwicklungen, für unsere Demokratie, für unsere  Freiheit und ein friedvolles Miteinander. Manche dieser Entwicklungen trägt schon  pathologische Züge.

Was hat das mit meiner Aufgabe in der Synode zu tun? Nun, Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen muss dem mit aller Kraft entgegenwirken. Die Synode ist dabei eines der vier kirchenleitenden Organe und ihr kommt große Verantwortung zu. Die Probleme der Menschheit sind so existentiell, dass sie nur in einem Miteinander und nicht in einem Gegeneinander gelöst werden können: Klima, Wetterextreme, Biodiversität, Migration, Flucht, Vertreibung, Energie, Mobilität, Gesundheit,  Armut, Chancenungleichheit, Rückgang demokratischer Systeme und Abbau demokratischer Strukturen (auch in Europa), und vieles mehr. Auch wenn es schwer ist und immer wieder neuer Anstrengungen bedarf, die Orientierung an der Goldenen Regel oder dem Dreifach-Gebot der Liebe würden schon mal sehr helfen, uns zuversichtlicher in die Zukunft schauen zu lassen.


Was möchten Sie in den nächsten sechs Jahren erreichen?

Da ich nur einer von über einhundert Synodalen bin, möchte ich mich nicht wichtiger nehmen, als ich bin. Ich wäre schon sehr zufrieden, wenn sich unsere Kirche noch offener, den Menschen noch zugewandter zeigen würde. Wenn wir weniger über Landesstellenpläne, Doppik oder Profil und Konzentration reden müssten – alles nach innen gerichtete Themen  - sondern uns noch mehr und für die Gesellschaft wahrnehmbar um die existenziellen, sozialen und lebenspraktischen Themen kümmern könnten.

Welche Themen möchten Sie in der Landessynode besonders vorantreiben?

Natürlich braucht Kirche – verstanden als Gemeinschaft der Gleich-Glaubenden – eine Organisation und Struktur, einen Finanzplan und ein Regelwerk, aber mir wird manchmal zu viel, zu lang, zu exzessiv über innerkirchliche Fragen diskutiert. Ich gebe allerdings zu, dass ich mir den Luxus einer solchen Ansicht nur deshalb erlauben kann, da ich nicht Angestellter der Kirche oder einer ihrer Unterorganisationen bin.

Was reizt Sie am Amt des Synodalen?

Na, vor allem die vielen und langen Wahlprozeduren, die langen Sitzungen bis tief in die Nacht, die Plenums-, Arbeitskreis- und Ausschusssitzungen, die hohe Anzahl von Grußworten und vor allem die Haushaltsberatungen (*lach). Nein, im Ernst, das alles sind eher die Mittel zum Zweck. Ich finde es herausfordernd und inspirierend über so viele wichtige Themen sprechen, diskutieren, disputieren zu dürfen, viele unterschiedliche Meinungen zueinander führen, um eine Lösung ringen und am Ende zu einer Haltung kommen zu dürfen, die hoffentlich vielen Menschen als hilfreiche und ganz lebenspraktische Handreichung dienen kann.

Welche Themen bewegen Sie persönlich - und warum?

Es sind eigentlich die klassischen Themen von Kirche und Religion: Alle Themen rund um das Leben und Sterben, die Bewahrung der Schöpfung, Nachhaltigkeit und Friedenssicherung, die Linderung von Armut und Not, um es mal ganz allgemein zu fassen.

Jetzt konkret finde ich so ein Thema wie "assistierter Suizid" unglaublich bewegend. Bei solchen Themen, und das macht sie ja so spannend,  kommen wir an die Grenze des rechtlich oder auch nur allgemein Regelbaren. Da gibt es kein absolut "richtig" oder "falsch", kein gut oder böse. Derart existentielle Fragen können nahezu nur individuell und von Fall zu Fall beantwortet werden, wenngleich sich die Gesellschaft und unsere Kirche – bei solchen Themen ist sie meines Erachtens besonders gefragt – dazu eine Haltung erarbeiten muss. Dabei wird die schwierige Sachfrage noch mit einer hohen emotionalen Befindlichkeit befrachtet.

Bei solchen Fragen stehen verschiedene Werte in einem Spannungsverhältnis zueinander. Und immer wieder müssen wir uns dem  Dilemma stellen: was tun wir, wenn ein Individualrecht durch Ausübung oder Unterlassung im tatsächlichen oder vermeintlichen Gegensatz zu den moralischen, sittlichen oder konventionellen Regeln der Gemeinschaft steht? Noch schwerer wird es, wenn man konstatieren muss, dass ein Individualrecht deutlich absoluter und zeitlich überdauernder Geltung genießt, während moralische und sittliche Regeln zumindest zum Teil auch immer zeitgeistig und daher kurzweiliger geltend sind.

Früher war z.B. Homosexualität bei uns ein Straftatbestand und gesellschaftlich geächtet, auch ein gescheiterter Suizidversuch wurde unter Strafe gestellt. Mit diesem Beispiel wollte ich nur andeuten, dass sich unsere Synode auch komplexen Themen stellt mit einer trotz aller Emotionalität und Unterschiedlichkeit der Auffassungen hohen Ernsthaftigkeit und Professionalität. An der Erarbeitung einer Haltung zu solchen Fragen ein klein wenig mitarbeiten zu dürfen, erfüllt mich mit Freude und Demut.

Wo muss Kirche besser werden?

Aus meiner Sicht in der Außendarstellung, in der medialen Wahrnehmung. Unsere Kirche darf nicht apolitisch, nein, sie muss Partei sein. Nicht im Sinne einer Organisationsform oder im Wettbewerb mit politischen Parteien, sondern indem sie Position bezieht aus den Werten und Grundlagen des christlichen Glaubens. Dazu gibt es Anlass und Themen genug!

Wie bewerten Sie das Thema "Digitalisierung" im Bereich von Kirche und Diakonie?

Da ist unsere Kirche sicher absolut genauso gut wie unsere Gesellschaft insgesamt. Wenn Sie sich die Schnelligkeit der Internet-Leitungen in Deutschland, die Verfügbarkeit von Clouds oder die Ausstattung unserer Schulen vor Augen halten, ahnen Sie sicher, was ich meine.

Werner Reuß

Werner Reuß leitet den Programmbereich Wissen und Bildung in der Fernsehdirektion des Bayerischen Rundfunks. Der Medienprofi ist seit 1989 beim Bayerischen Rundfunk, wo er zunächst als Redakteur im Programmbereich Politik und Zeitgeschehen arbeitete. Er war bei ARD-aktuell in Hamburg und kam 1993 in die Chefredaktion des Bayerischen Fernsehens. 2002 wurde er mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet, 2004 bei der Verleihung des 40. Adolf-Grimme-Preises mit der besonderen Ehrung des Deutschen Volkshochschul-Verbandes für den Aufbau vorbildlichen Bildungsfernsehens.

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