Es ist ein Abend, an dem Gott, Elon Musk, Seneca, Donald Trump, Bonobos und die deutsche Automobilindustrie irgendwie zusammenpassen. Zumindest bei Erwin Pelzig. Frank-Markus Barwasser, der Mann hinter der fränkischen Kunstfigur, hat beim siebten Volkacher Kabarettsommer am Freitag wieder einmal bewiesen, dass sich Gesellschaftskritik, Philosophie und gepflegtes Poltern nicht ausschließen müssen. Im Gegenteil: Bei Pelzig gehören sie zusammen.

Der Festplatz in Volkach ist dafür längst zur idealen Bühne geworden. Dort, wo sonst Mitte August das größte fränkische Weinfest gefeiert wird, stehen seit sieben Jahren für zehn Tage Kabarettisten und Comedians auf der Bühne. Zwischen Weinbuden und Biergarnituren, unter freiem Himmel und vor einem Publikum, das sich seit Jahren auf 6000 bis 7000 Besucher summiert, hat sich der Weinfestplatz als Veranstaltungsort bestens bewährt. Der Abend mit Barwasser ist ausverkauft.

Veranstalter ist die Comödie Fürth. Einer ihrer beiden Chefs, der Kabarettist Volker Heißmann, begrüßt die Besucher sogar schon am Kassenhäuschen. Hinter den Kulissen sorgt Projektleiter Marco Maiberger dafür, dass der Abend funktioniert. Rund 250 Ehrenamtliche aus Volkacher Vereinen sind im Einsatz, bewirten das Publikum und verdienen sich mit ihrem Engagement zugleich etwas für ihre Vereine dazu. Maiberger organisiert das zehntägige Comedy- und Kabarettfestival gemeinsam mit dem künstlerischen Leiter Heißmann. Und die Zukunft ist offenbar gesichert: Bis 2029 werde das Festival "sicher noch" stattfinden, kündigt Maiberger an.

Auf der Bühne aber gehört der Abend zunächst einem Mann, der die Gegenwart partout nicht in Ruhe lassen kann. Erwin Pelzig beginnt mit einem Vorsatz: Er wolle einmal nicht das erwartbare Kabarettistenprogramm abliefern, nicht nur negativ sein, sondern "die Dinge anders sehen". Das hält naturgemäß nicht lange.

Pelzig und die großen Fragen des Lebens

Die Bundesregierung, Friedrich Merz, die CSU, die AfD und die Brandmauer bekommen ihr Fett weg. Pelzig hangelt sich von der großen Politik zu den großen Krisen und von dort zu den großen menschlichen Fragen. Denn hinter dem politischen Spott steckt an diesem Abend immer wieder die Frage: Wie soll man eigentlich leben in einer Welt, die sich schneller verändert, als man sie gedanklich verarbeiten kann?

Dafür hat Pelzig eine besondere Gesprächspartnerin. Aus dem Off meldet sich Livia, seine stoizistische Lebensberaterin. Sie ist die Stimme der philosophischen Vernunft, während Pelzig selbst regelmäßig an der Gegenwart verzweifelt. Ihre Gespräche wirken wie kleine Denkpausen zwischen den großen Wutausbrüchen. Livia erinnert ihn an die stoische Grundhaltung: Nicht alles lässt sich kontrollieren, also sollte man sich darauf konzentrieren, wie man selbst mit den Dingen umgeht.

Pelzig braucht diese Hilfe. Denn seine Welt ist voller Zumutungen. Neben Livia treten Dr. Göbel und Hartmut auf, seine beiden Mitstreiter: Dr. Göbel als Karikatur des steifen Bildungsbürgers, Hartmut als fränkischer Proll. Jeder von ihnen bringt einen eigenen Blick auf die Welt mit. So entsteht ein Stimmengewirr, in dem sich Bildungsbürger, Stammtisch und philosophische Lebensberatung begegnen.

Seneca als Lebensberater im digitalen Dauerrauschen

Besonders deutlich wird das beim Thema Stoizismus. Pelzig erklärt die antike Philosophie als eine Art Gegenmodell zum heutigen digitalen Dauerrauschen. Die alten Philosophen trafen sich einst im "Stoa", dem Säulengang, diskutierten und hielten Vorträge. Pelzig macht daraus kurzerhand ein antikes soziales Netzwerk. Die Philosophen seien gewissermaßen die Influencer ihrer Zeit gewesen – allerdings mit Namen wie Zenon von Kition und Seneca und ohne das heutige Bedürfnis, sich für Reichweite, Reichtum und Selbstdarstellung zu optimieren.

Die Pointe sitzt, doch dahinter steckt ein ernst gemeinter Gedanke. Stoizismus bedeutet für Pelzig nicht positives Denken. Im Gegenteil. Der Stoiker solle sich vorstellen, was alles passieren könnte, und sich auf das Schlimmste vorbereiten, um dann möglichst gelassen reagieren zu können. "Erwarte alles und sei auf alles vorbereitet, um dann gelassen zu bleiben", lautet sinngemäß sein stoisches Prinzip. In einer Zeit, in der die Realität selbst die schlimmsten Fantasien immer wieder überholt, ist das allerdings keine leichte Übung.

Was Pelzig an Gott und Trump stört

Auch Gott kommt dabei ins Spiel. Pelzig betont ausdrücklich: "Nichts gegen Gott." Er habe eine Vorstellung von Gott, an die er gerne glauben möchte. Gerade deshalb möchte er Gott vor Vereinnahmung schützen – insbesondere vor den amerikanischen Evangelikalen und vor Donald Trump.

Trump, der behauptet habe, von Gott auserwählt worden zu sein, Amerika wieder groß zu machen, und der nach dem Attentat auf ihn erklärt habe, Gottes Hand habe die Kugel an seinem Ohr vorbeigelenkt, ist für Pelzig der Beweis dafür, wie gefährlich religiöse Selbstgewissheit werden kann. Gott könne nicht für alles verantwortlich gemacht werden. Und so wird aus dem Gottesbild eine erstaunlich persönliche Bemerkung: In der gegenwärtigen Weltlage sei Gott für ihn ein "schwieriger Gesprächspartner". Lieber wende er sich in seinen Nöten an Livia.

Damit ist der Abend endgültig bei der Philosophie angekommen. Und bei Seneca. Pelzig interessiert sich für die Frage, was ein Mensch mit seinem Leben und seinem Reichtum anfangen soll. Seneca habe den Einzelnen betrachtet, erklärt er. Heute gebe es dagegen rund 3000 Milliardäre und Multimilliardäre. Dass ein so kleiner Teil der Menschheit über einen riesigen Anteil des Weltvermögens verfüge, sei für ihn kein Neidproblem, sondern ein Problem für die Demokratie.

Musk, VW und die schwierige Sache mit der Moral

Seine schärfsten Attacken gelten deshalb den Tech-Milliardären. Elon Musk, einst für Pelzig ein genialer Visionär, habe sich aus seiner Sicht radikal verändert. Vom Elektroauto-Pionier sei er zum "durchgeknallten" Frauenfeind, Kettensägen-Fan und Hitlergruß-Zeiger geworden. Die Verwandlung des Milliardärs dient Pelzig zugleich als Einstieg in seine Kritik an der Moral. Denn plötzlich stellt sich die Frage: Ist es moralisch, Tesla zu kaufen, wenn Musk moralisch nicht mehr tragbar erscheint? Und ist es umgekehrt moralisch, Volkswagen zu kaufen?

Pelzig hält derartigen moralischen Konsum für zu einfach. Auch bei VW, Mercedes und anderen Konzernen findet er Widersprüche. Moralische Reinheit gebe es im globalisierten Wirtschaftssystem ohnehin kaum. Und doch verteidigt er die Moral ausdrücklich.

Denn "Moral hat ja keinen guten Ruf mehr", sagt Pelzig. Das könne er einerseits verstehen: Heute werde alles moralisch bewertet, jeder Vorgang werde sofort in Gut und Böse eingeordnet. Andererseits sei Moral etwas zutiefst Sinnvolles. Sie habe dem Menschen sogar einen evolutionären Vorteil verschafft.

Pelzig führt das bis zu den Jägern und Sammlern zurück. In kleinen Gruppen habe man aufeinander angewiesen sein müssen. Wer die anderen gefährdete, Regeln missachtete oder sich auf Kosten der Gemeinschaft bereicherte, sei ausgegrenzt worden. Kooperation, Hilfsbereitschaft und ein Mindestmaß an Moral hätten das Überleben gesichert. Moral sei damit kein überflüssiger Luxus, sondern eine der Voraussetzungen dafür, dass Menschen Krisen überhaupt überstehen konnten.

Dann macht Pelzig aus der Menschheitsgeschichte eine groteske Kabarettnummer. Mit der Sesshaftigkeit seien Besitz, Privatbesitz und Konkurrenz entstanden, schließlich Patriarchat, Egoismus und Krieg. Seine These ist provokant: Krieg liege keineswegs in der Natur des Menschen. Organisierter Krieg sei in der Menschheitsgeschichte vergleichsweise spät entstanden.

Was uns die Bonobos über Frieden lehren

Und weil Pelzig grundsätzlich keine Angst vor dem absurden Vergleich hat, kommen schließlich die Bonobos ins Spiel. Die engsten lebenden Verwandten des Menschen seien ausgesprochen friedliche Zeitgenossen. Konflikte würden bei ihnen nicht mit Waffen, sondern durch sexuelle Interaktion entschärft. Die Pointe ist typisch Pelzig: Man könne sich darüber lustig machen – oder kurz darüber nachdenken, ob der Mensch wirklich so vernünftig ist, wie er sich selbst gerne darstellt.

An anderer Stelle wird der Ton wieder bitter. Pelzig hasst Trump geradezu. Der US-Präsident steht für ihn stellvertretend für eine Entwicklung, in der Macht, Geld, Medien und politische Einflussnahme immer stärker zusammenrücken. Europa könne sich nicht mehr darauf verlassen, dass Amerika ein Freund sei. Die alte deutsche Bequemlichkeit – amerikanischer Schutz, russisches Gas und deutsche Exportstärke – sei vorbei.

Noch gefährlicher findet Pelzig die Milliardäre, die ihre wirtschaftliche Macht politisch einsetzen. Elon Musk sei ein Beispiel. Peter Thiel, der in Frankfurt geborene US-Milliardär, ein noch deutlicheres. Pelzig wirft ihm vor, offen mit dem Gedanken zu spielen, Demokratie und Wahlen abzuschaffen und multinationalen Konzernen die Herrschaft zu überlassen.

Der Bürger ist Teil des Problems

Und dann ist da noch das Publikum, der "Souverän". Pelzig nimmt sich auch dieses vor. Der Bürger wolle Politiker mit klarer Sprache und Durchsetzungsvermögen, beschwere sich aber zugleich über jede Zumutung. Er wolle Veränderung, aber möglichst ohne dass sich für ihn selbst etwas ändere. Er wolle ernst genommen werden, ohne die Politiker selbst ernst zu nehmen.

So entsteht aus dem vermeintlichen politischen Rundumschlag eine Selbstkritik der demokratischen Gesellschaft. Nicht nur die Politiker sind das Problem. Auch der Bürger trägt Verantwortung.

Am Ende kehrt Pelzig noch einmal zur Moral zurück. Seine Botschaft ist überraschend klar: Moral ist nicht das Problem. Das Problem ist ein Verständnis von Moral, das nur noch zum gegenseitigen Verurteilen dient. Moral im eigentlichen Sinn bedeute Kooperation, Rücksicht und die Bereitschaft, gemeinsam Schwierigkeiten auszuhalten.

Das wird angesichts dessen, was Pelzig für die Zukunft erwartet, auch nötig sein. Klimawandel, Migration, geopolitische Konflikte und die Macht der Tech-Konzerne könnten gewaltige Herausforderungen bringen. Man müsse sich darauf einstellen, ohne in Panik zu verfallen. Und vor allem müsse man zusammenarbeiten.

Vielleicht ist das die stoischste Erkenntnis dieses Abends: Die Welt wird nicht dadurch besser, dass man sie sich schönredet. Aber sie wird auch nicht besser, wenn man an ihr verzweifelt.

Pelzig poltert, Livia beruhigt, Dr. Göbel sortiert und Hartmut kommentiert. Vier Stimmen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Zusammen ergeben sie ein ziemlich genaues Bild dessen, was Kabarett an einem solchen Abend leisten kann: Es darf wütend sein, albern, ungerecht und überzogen. Es darf Donald Trump hassen und Elon Musk verspotten. Aber wenn es gut ist, bleibt nach dem Lachen eine Frage zurück.

Bei Pelzig lautet sie: Wie wollen wir eigentlich miteinander leben?

Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht. Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn Moral wieder das bedeutete, was Pelzig ihr zurückgeben möchte: nicht permanente Empörung, sondern die Fähigkeit zur Kooperation. Und wenn Livia dabei hilft, einen kühlen Kopf zu bewahren, kann man sogar über die nächste Krise reden, ohne sofort den Untergang der Welt auszurufen.