12.02.2018
Asyl und Abschiebung

Das Schicksal eines Jugendlichen aus Afghanistan bewegt Schüler und Lehrer in Regensburg. Eine einzigartige Solidarisierungsaktion von Schülern für einen Mitschüler.
Der Schüler Sami (mit Hut) umringt von seinen Klassenkameraden (v. l.): Tamara, Silvana, Alex und Sebastian.
Der Schüler Sami (mit Hut) umringt von seinen Klassenkameraden (v. l.): Tamara, Silvana, Alex und Sebastian.

 

Mehr als 8 180 Menschen in Regensburg haben eine Petition unterzeichnet (bei Redaktionsschluss), die sich gegen die Abschiebung des 19-jährigen Flüchtlings ausspricht und dem Bayerischen Landtag vorgelegt werden soll. "Wir sind sehr betroffen von der Situation Samis, dessen Leben bedroht ist und der trotzdem in unserem Land keine Sicherheit und keinen Schutz findet", erklärte eine Gruppe von Schülern der staatlichen FOS/BOS vergangene Woche in Regensburg.

Ihr Mitschüler, Abdulsami Naderi (genannt Sami), sei vor zweieinhalb Jahren als unbegleiteter Jugendlicher aus Afghanistan gekommen. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, der Widerspruch vom Verwaltungsgericht in Regensburg niedergeschlagen. "Ich habe Angst, abgeschoben und festgenommen zu werden", sagt der 19-Jährige, der der afghanischen Minderheit der Hazara angehört und schiitischen Glaubens ist. Er befürchte eine Verfolgung durch die sunnitischen Taliban.

Paradebeispiel für Integration

Dass es so weit kommt, wollen seine Mitschüler mit der Petition verhindern. "Wir sind gegen Abschiebungen in unsichere Herkunftsländer", sagten sie. Sami habe sich zwischenzeitlich "hervorragend integriert". Das zeige auch ein Integrationspreis, den er vom Regensburger Chip-Hersteller Infineon für seine "herausragenden schulischen Leistungen" sowie für sein "vorbildliches gesellschaftliches Engagement" erhalten habe.

Auch eine Ausbildung, die ihm vertraglich zugesichert war, sei ihm laut Schülerangaben aufgrund seiner geringen Bleibeperspektive von der Ausländerbehörde verweigert worden. Sami geht nun in die Vorklasse der FOS, um einen mittleren Bildungsabschluss zu erzielen.

Abschiebung steht derzeit nicht an

"Wie integriert ein Asylbewerber ist, spielt für die Entscheidung eines Asylantrags keine Rolle", sagte ein Sprecher des bayerischen Innenministeriums dem Sonntagsblatt. Bei den Beschlüssen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gehe es darum, ob ein Asylbewerber in seinem Heimatland verfolgt werde und deshalb in Deutschland asylberechtigt sei. Schon aus Gründen der Gleichbehandlung dürfe "die Beliebtheit eines Asylbewerbers" dabei keine Rolle spielen.

Laut Ministeriumssprecher steht eine Abschiebung des afghanischen Schülers "derzeit noch gar nicht an". Das Verwaltungsgericht habe sein Klageverfahren zwar abgewiesen, könne aber von der nächsthöheren Gerichtsinstanz nochmals überprüft werden.

"Schule ohne Rassismus"

Selbst nach einer endgültigen Ablehnung des Asylantrags erfolge nicht automatisch die Abschiebung. "Das hängt auch davon ab, ob der junge Mann einer der drei Risikogruppen zuzurechnen ist", sagte der Ministeriumssprecher. Ausschließlich Gefährder, Straftäter und Identitätsverweigerer dürften nach Afghanistan abgeschoben werden.

Die Regensburger Schüler haben unterdessen nicht nur die Petition ins Leben gerufen, sondern auch einen Videofilm gedreht, in dem gezeigt wird, wie immer mehr Menschen ihre Sympathie für den Mitschüler bekunden. Die Schüler organisierten Solidaritätsveranstaltungen auch an anderen Schulen, die Mitglied im Bündnis "Schule ohne Rassismus. Schule mit Courage" sind. Bei einem dieser Treffen sprach auch der Holocaust-Überlebende Ernst Grube, der sich für ein Bleiberecht für Flüchtende ausspricht. Unterstützung erfährt die Aktion auch von Lehrern, die Schule genehmigte Aufklärungsveranstaltungen. So werden demnächst der Stadtjugendring über das Projekt "Flüchtlinge werden Freunde" und der Bayerische Flüchtlingsrat über die Sicherheitslage in Afghanistan referieren.

Gemeinsam etwas bewegen

Die Schüler aber, deren Ziel inzwischen 50 000 Unterschriften sind, damit es für eine Bundestagspetition reicht, wollen ihre Aktionen als "Zeichen gelebter Demokratie" verstanden wissen: "Wir merken, dass wir gemeinsam etwas bewegen können. Das ist ein wunderbares Gefühl."

Nur manchmal beschleicht sie die Befürchtung, mit ihrer Aktion auch scheitern zu können. "Wenn Sami abgeschoben wird, wäre das eine menschenverachtende Entscheidung und ein Schlag ins Gesicht für uns", sagte einer der Schüler.

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Sonntagsblatt