Windsbacher Knabenchor
Internatsleben? Kennen viele nur noch aus Harry Potter. Doch der fast 17 Jahre alte Paul lebt seit mehr als vier Jahren im Internat - und singt im berühmten Windsbacher Knabenchor. Warum ihm das gefällt und was er privat für Musik mag - ein Porträt.
Der fast 17-jährige Paul Schießl singt seit er elf Jahre alt ist im weltberühmten Windsbacher Knabenchor.

Manchmal, aber nur sehr selten, ist es Paul Schießl ein bisschen unangenehm, ein Windsbacher zu sein. Immer, wenn Nachbarn, Verwandte oder auch Freunde der Eltern Lobeshymnen auf den weltbekannten Knabenchor anstimmen - und sagen, wie stolz sie sind, dass „der Paul“ da mitsingen darf.

„Es ist ein großes Privileg, ein Windsbacher zu sein“, sagt der fast 17-Jährige. Er stehe gerne auf der Bühne, genieße die gemeinsamen Auftritte und natürlich den Applaus: „Alles, was gerade wegen Corona nicht geht.“ Doch zu viel Lob von außen, das ist nicht so Paul Schießls Ding.

Paul kam mit elf Jahren zum Windsbacher Knabenchor

Vielleicht erklärt genau das, was den Windsbacher Knabenchor so besonders macht - das Wir-Gefühl, das Ensemble-Denken. Oder, wie es Paul Schießl sagt: „Wir sind eine große Gemeinschaft, fast wie eine Familie.“

Seit Herbst 2015 gehört er zu dieser Familie. Als Elfjähriger zu Beginn der fünften Klasse kam er nach Windsbach und zog auch ins Internat ein. Was bei einigen Gleichaltrigen für hochgezogene Augenbrauen sorgen würde, findet der Teenager sogar ziemlich cool: „Ich habe alle meine Freunde um mich, jeden Tag. Alle wohnen nur ein paar Türen voneinander entfernt.“

Früh machte sich Pauls Talent für das Singen bemerkbar

Fürs Singen begeisterte sich der heutige Windsbacher recht früh. Schon im Kindergartenalter entdeckte Schießls Umfeld sein Talent, in der Grundschule übernahm er Soli bei Schulauftritten, zugleich stieg er beim Kinderchor der Kirchengemeinde ein.

„In der dritten Klasse haben mich meine Eltern dann mal darauf angesprochen, ob ich nicht nach Windsbach zum Knabenchor will“, erinnert sich der heute fast 17-Jährige. Die Idee, fürs Singen daheim aus- und ins Internat zu ziehen, kam bei ihm damals nicht so gut an. Doch schon ein Jahr später war die Sache anders: Paul wollte.

Paul denkt gerne an seine erste Zeit im Internat zurück

An seine erste Zeit in Windsbach erinnert sich Paul Schießl auch mehr als sechs Jahre später noch gut - und gerne. Klar, Heimweh sei bei allen mal ein Thema gewesen, auch bei ihm: „Die Freunde helfen einem da durch“, sagt er. Zudem dürfe ja jeder bei einem dreitägigen Probeaufenthalt testen, ob ihm das „Internatsleben“ taugt.

„Meine Eltern haben mir erzählt, ich bin an meinem ersten Tag sofort mit den anderen Jungs verschwunden - ich habe mich wohl nicht mal mehr umgedreht und 'Tschüss!' gesagt“, erzählt der Schüler des Johann-Sebastian-Bach-Gymnasiums.

Die Coronapandemie schränkt den Windsbacher Knabenchor ein

Auch beim Windsbacher Knabenchor hat die Corona-Pandemie die Welt natürlich auf den Kopf gestellt. Gemeinsame Proben des gesamten Chores mit seinen rund 130 Stimmen gibt es schon seit Monaten nicht, die großen Konzertreisen fehlen ebenso wie all die vielen kleineren Auftritte im westlichen Mittelfranken.

„Das Gefühl auf der Bühne zu stehen, teils jahrhundertealte Musik zu singen, der Applaus des Publikums - mir fehlt das alles sehr“, sagt Paul: „Wir proben eben nicht für Konzerte, sondern um des Probens willen - sich dafür zu motivieren, ist manchmal schwer.“

Pauls Highlight: Die h-Moll-Messe von Bach

Dass das gelingt, das liegt auch an Chorleiter Martin Lehmann, dem Herz und Hirn der Windsbacher. Er ist erst der dritte Leiter, den der Chor nach Hans Thamm und Karl-Friedrich Beringer hat. „Und er versucht alles, dass jeder von uns dieses Jahr noch mal auf die Bühne kommt“, sagt Schießl.

Für sein bisheriges Highlight beim weltbekannten Knabenchor würde es dieses Jahr allerdings wegen der Corona-Einschränkungen eng: „Dass ich mit dem Chor die h-Moll-Messe von Bach singen durfte - das war das Schönste überhaupt. Diese Musik ballert halt auch wirklich rein.“

In seiner Freizeit hört Paul Electronik und Rock

Nach „Feierabend“ übrigens muss es für Schießl und viele andere Sänger keine Klassik sein. „Electronik und Rock“ höre er in seiner Freizeit, sagt der Teenager. Und auch nicht jeder Windsbacher wird Kirchen- und Berufsmusiker: „Ich kann mir vorstellen, das weiterhin als Hobby zu machen - in einem kleinen Ensemble oder Chor.“

Beruflich allerdings will Schießl nach dem Abitur lieber was Handfestes machen. Zum Beispiel eine Schreinerlehre. "Da habe ich jetzt eine Woche Praktikum gemacht, trotz Corona. Das fand ich schon ziemlich gut. 
 

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