13.06.2018
Zusammen stark

Bayern und Brasilien: Erste Partnerschaft zwischen Kirchenkreisen

Der Kirchenkreis Augsburg hat jetzt den Vertrag mit dem brasilianischen Kirchenbezirk »Sinodo Norte Catarinense« unterschrieben. Es ist der erste auf Kirchenkreisebene in Bayern.
Partnerschaftsvertrag zwischen Augsburg und Brasilien
Nun ist die Partnerschaft offiziell: Pastora Marli Hellwig, Regionalbischof Michael Grabow, Synodalpfarrer Ignacio Lemke und Dekan Armin Diener (v.li.) unterschreiben den Partnerschaftsvertrag.

Der Dienst am Nächsten lief über den Benzinschlauch: Weil es im ganzen Land an Sprit mangelte, spendeten die Mitglieder der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Videira im Süden Brasiliens den Teilnehmern der Bezirkssynode jeweils zehn Liter aus den Tanks ihrer eigenen Autos – damit diese sich auf den Heimweg machen konnten.

Eine »beispiellose Solidaritätsaktion sei das gewesen«, sagt der Augsburger Regionalbischof Michael Grabow. Auch er und seine Mitreisenden hatten eine Benzinspende bekommen. So konnten sie trotz eines landesweiten Lkw-Streiks zurück nach Joinville fahren, der größten Stadt des Bundesstaats Santa Catarina.

Zusammen mit vier weiteren Vertretern aus dem Kirchenkreis Augsburg und Schwaben hatte Grabow den Kirchenbezirk »Sinodo Norte Catarinense« im Süden Brasiliens besucht. Auf der Synode in Videira unterzeichneten die schwäbischen Lutheraner einen Partnerschaftsvertrag mit dem Kirchenbezirk. »Es ist die erste Partnerschaft zwischen einem bayerischen Kirchenkreis und einem brasilianischen Kirchenbezirk«, sagt Michael Grabow.

Benzinzapfen bei der Synode in Videira
Solidaritätsaktion: Mitglieder der Kirchengemeinde in Videira zapfen aus den eigenen Autos Benzin ab, um es den Synodalen für die Heimreise zu spenden.

Auf Landesebene gibt es so etwas bereits: Die evangelisch-lutherische Kirche Brasiliens ist Partnerkirche der bayerischen Landeskirche. Und auch auf Gemeindeebene gebe es schon viele deutsch-brasilianische Partnerschaften, sagt der Augsburger Regionalbischof: »Nun wollen wir das auch auf Kirchenkreisebene ausprobieren«, erläutert Grabow.

Die Beziehungen zwischen Schwaben und Brasilianern waren in den letzten Jahren immer intensiver geworden. Auf einer Brasilienreise der Landeskirche 2014 hatte Michael Grabow erstmals wegen einer Kirchenkreis-Partnerschaft vorgefühlt. Zwei Jahre später kam eine brasilianische Delegation nach Schwaben. Nun reisten die Schwaben für 14 Tage nach Brasilien, besuchten Kirchen und Gemeinden, sprachen mit Pfarrern und Gemeindemitgliedern – und nahmen schließlich an der Synode des Kirchenbezirks teil, wo die Partnerschaft offiziell besiegelt wurde.

Deutschunterricht an der evangelischen Schule in Joinville
Deutschunterricht in der evangelischen Schule in Joinville: Das Lehrinstitut würde gerne Partnerschulen im Kirchenkreis Augsburg und Schwaben finden.

Die Reise habe erneut gezeigt, dass die Lutheraner in Brasilien »ganz viele ähnliche Themen beschäftigen wie uns auch«, sagt Michael Grabow. So werden auch brasilianische Kirchengemeinden im Schnitt immer älter und leiden unter Mitgliederschwund. Die Frage, wie man Jugendliche erreiche, ist ebenso ein Thema wie die Schwierigkeit, in den Städten geeignete Kandidaten für die Kirchenvorstandswahl zu finden. Darüber hinaus spielt auch in Brasilien die Integration von Flüchtlingen eine Rolle. Und da der Bundesstaat Santa Catarina am Meer liegt, beschäftigen sich auch viele brasilianische Kirchengemeinden intensiv mit der Urlauberseelsorge.

Bei all‘ diesen Themen will man sich künftig austauschen, gegenseitig beraten und voneinander lernen. Beeindruckt habe die deutschen Besucher vor allem »die unglaubliche Solidarität auch über Gemeindegrenzen hinaus«, die man in Brasilien immer wieder erlebe, berichtet Michael Grabow. Die Benzinaktion sei nur ein Beispiel dafür gewesen. So seien brasilianische Kirchengemeinden oft auch sehr stark im diakonischen Bereich tätig, unterstützten etwa arme Familien »in einem Land, in dem die Schere zwischen Arm und Reich noch immer sehr weit auseinandergeht«, so Grabow.

Für die nähere Zukunft haben die beiden Kirchenkreise bereits einige konkrete Schritte vereinbart. So ist die evangelische Schule in Joinville an einem Schüler- und Lehreraustausch mit hiesigen Schulen interessiert. Alle zwei Jahre wollen sich Deutsche und Brasilianer gegenseitig besuchen. Bis dahin halte man den Kontakt unter anderem über soziale Medien aufrecht. Das funktioniere auch jetzt schon sehr gut, meint Michael Grabow: »Da kann man ein Stück weit Alltag miteinander leben.«

Lutheraner in Brasilien

Die evangelische Kirche lutheranischen Bekenntnisses in Brasilien (IECLB) ist im 19. Jahrhundert von Auswanderern gegründet worden, die von Deutschland nach Brasilien kamen. Sie ist vor allem in Südbrasilien beheimatet. Insbesondere im Bundesstaat Santa Catarina, wo der Partnerkirchenkreis Sinodo Norte Catarinense liegt, gibt es viele Deutschstämmige. In manchen Gemeinden spielt daher die deutsche Sprache in Gottesdienst und Seelsorge noch eine Rolle.

Die IECLB hat gut 700.000 Mitglieder. Sie ist in 18 Synoden unterteilt. Der Sinodo Norte Catarinense umfasst etwa 20.000 Lutheraner. Die gut 1800 evangelisch-lutherischen Gemeinden Brasiliens finanzieren ihre Ausgaben aus der Gemeindekasse – auch das Gehalt des Pfarrers. Die Einnahmen stammen aus Beiträgen und Spenden der Gemeindemitglieder. Weitere Mittel kommen über Feste, Verlosungen und Beihilfen der Kirchenleitung zusammen. 

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